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    Lichter der Großstadt
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    5,0
    Meisterwerk
    Lichter der Großstadt
    Von René Malgo
    Was heute der Animationsfilm für den Zeichentrick ist, war vor einigen Jahrzehnten der Ton- für den Stummfilm. Das erfreute Regisseur, Drehbuchautor, Produzent und Hauptdarsteller Charles Chaplin gar nicht, der noch immer eisern am Stummfilm festhielt. Deshalb drehte er, als Trotzreaktion auf den Tonfilm, einen weiteren Film ohne Dialoge. Ein Werk, das zu einem großen Klassiker und einem der bekanntesten Stummfilme überhaupt avancieren sollte: „Lichter der Großstadt“.

    Ein Tramp (Charlie Chaplin) trifft auf ein blindes Blumenmädchen (Virginia Cherrill) und verliebt sich in sie. Um ihr Geld für eine Augenoperation zu beschaffen, beginnt er nach Arbeit zu suchen. Unterwegs in der Stadt trifft er auf einen Millionär, welchen er vor einem Selbstmordversuch bewahrt. Aus Dankbarkeit schließt dieser Freundschaft mit dem Tramp, doch der Millionär erinnert sich seiner nur, wenn er betrunken ist. Im nüchternen Zustand weiß er vom Tramp nichts. Dieser findet Arbeit als Straßenfeger, fällt dort aber nicht gerade durch Pünktlichkeit auf. Alsbald wird er gekündigt und er beginnt sein Glück als Boxer zu versuchen…

    Wenn heutzutage filmische Machwerke unter die Lupe genommen werden, bleibt der Gesamteindruck häufig auch an den Dialogen hängen, ob nun gelungen oder nicht. Chaplin beweist mit „Lichter der Großstadt“ aber, dass ein wirklich guter Film auch ohne gesprochene Dialoge auskommen kann. In diesem Falle sehr gut sogar. Trotz nicht vorhandener Gespräche muss der Zuschauer keineswegs auf eine ordentliche Charakterisierung verzichten. Schnell wachsen einem Tramp und Blumenmädchen ans Herz und am Ende glaubt der Zuschauer, sie genauso gut zu kennen, wie die Hauptdarsteller eines Drei-Stunden-Eposes voll gepackt mit Dialogen.

    Der leichtfüßigen Story mag es oberflächlich gesehen an Tiefgründigkeit und Originalität mangeln. Der Witz ist vorhersehbar. Hier aber unterscheidet sich eine wirklich gute Komödie von einer eher mäßigen. Gerade die Vorhersehbarkeit einiger humoristischer Einlagen erhöht die Zwerchfellbedrohung für den Zuschauer. Darauf bauen die Scherze auf und Chaplin liefert zahlreiche, entwaffnend komische Slapstickeinlagen, dass einem die Tränen beim Lachen kommen. Die Rettung des Millionärs vor dem Selbstmord, der grandios choreographierte Boxkampf, die Party beim Millionär, Spaghetti-Essen im Restaurant: Das sind berühmte Szenen, in denen Slapstick in seiner höchsten Form zelebriert wird.

    „Lichter der Großstadt“ ist nicht nur humorvoll, sondern kann auch emotional berühren. Die sich subtil entwickelnde Liebesgeschichte zwischen dem armen Blumenmädchen und dem noch ärmeren Tramp spricht die ganz großen Gefühle an. Nette Details und schöne Nuancen zeichnen eine wunderbare Romanze aus, auf der Hollywoods aktuelle Liebesfilmmaschinerie neidisch sein müsste. Obgleich die beiden sich in Realität nicht verstanden haben und Chaplin Virginia Cherrill gar durch seinen Co-Star Georgia Hale aus „Goldrausch“ ersetzen wollte, lässt sich an der sehr stimmigen Chemie zwischen beiden nichts aussetzen. Die herzergreifende Schlusssequenz, ebenso berühmt wie berührend und ein Paradebeispiel für erstklassige Schauspielkunst, darf da einigen ein paar Tränchen entlocken.

    „Lichter der Großstadt“ versprüht viel Lebensfreude. Dabei hätten die Helden der Geschichte, das blinde, mittellose Blumenmädchen und ihre arme Großmutter oder der heimatlose Tramp genügend Grund, mit ihrem Schicksal zu hadern. Doch das Blumenmädchen gewinnt die Sympathien durch ihre freudige Freundlichkeit und der Tramp durch seinen naiven Lebensmut, der ihn in so manches Fettnäppchen treten lässt, aber auch dafür sorgt, dass er hier und da einen Hauptgewinn abstaubt.

    Charlie Chaplin ist ein Künstler. Unerreicht sind seine ebenso artistisch wie unbeholfen aussehenden Slapstickeinlagen, denen nur die eines Peter Sellers das Wasser reichen können. Multitalent Chaplin beherrscht mehrere Metiers. Die bis auf eine Ausnahme von ihm komponierte Musik passt zum Film und obgleich immer präsent, drängt sie sich nie in den Vordergrund. Der Soundtrack klingt schön und unterstreicht das Geschehene vorzüglich. Sein Drehbuch wartet mit einigen hübschen Ideen auf, birgt insgesamt aber keine besonders vielschichtige Story, was aber auch nicht beabsichtigt war.

    Als Regisseur beweist Chaplin ein gutes Timing und ein sehr modernes Verständnis vom Filmemachen. Stummfilm heißt in diesem Falle keineswegs gleich veralteter Film. Mit geschickten kameratechnischen Kniffen wird die Aufmerksamkeit des Zuschauers aufrechterhalten und die Identifikation gefördert. In der Regie gibt sich Chaplin weitgehend zurückhaltend, womit er sich als Hauptdarsteller umso mehr entfalten kann. Die schöne Kameraführung, immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort, besticht durch ihre bedächtige Ruhe und den gelungenen Wechsel zwischen Close Ups und weitläufigen Aufnahmen.

    1998 nahm das American Film Institute „Lichter der Großstadt“ in die Liste der 100 besten amerikanischen Filme auf. Zu Recht. Kaum ein Makel lässt sich am straff erzählten und inszenierten Comedy-Drama entdecken. Auch heute noch kann und sollte Chaplins vielleicht bekanntester Stummfilm sein Publikum perfekt unterhalten.
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