Fantasy-Kino, wie man es so noch nicht gesehen hat
Von Kamil MollPaul W.S. Anderson („Death Race“, „Monster Hunter“) zieht seit jeher viel Häme und Spott auf sich. Selbst sein später zum Kultfilm avancierter Sci-Fi-Horror „Event Horizon“ wurde zunächst überwiegend verrissen. Seinen zahlreichen Kritiker*innen gelten die Werke des „Resident Evil“-Masterminds oft als heillos verloren in ihren digital durchgeformten Welten und als zu sehr einer gewissen Computerspiellogik verhaftet, anstatt einer schlüssigen Erzählweise zu folgen. Diese Argumente wird auch „In The Lost Lands“ nicht entkräften können.
Ganz im Gegenteil treibt der Film vieles radikal auf die Spitze, was seine Fans an Andersons Filmen lieben und seine Kritiker*innen zur Verzweiflung bringt: Als erster Film überhaupt verwendet „In The Lost Lands“ eine neue Technologie, die das aufgenommene Bild in Echtzeit mit virtuell erschaffenen Umgebungen synchronisiert – und Anderson nutzt diese für einen ebenso eigensinnigen wie betont künstlichen CGI-Wahnwitz, wie wir ihn bislang noch nicht einmal von ihm gesehen haben.
Constantin Film
Basierend auf einer Kurzgeschichte von „Game Of Thrones“-Schöpfer George R.R. Martin aus den frühen Achtzigerjahren, spielt „In The Lost Lands“ in einer postapokalyptischen Welt, in der sich die kümmerlichen Überbleibsel der Menschheit in einer einzigen, rigide von einem Overlord regierten Stadt zusammenscharen. Umgeben ist diese Metropolis von den sogenannten „lost lands“, albtraumhaften Landschaften, die deformierte Untote und andere Monstren behausen.
Gray Alys, eine von Andersons Partnerin und Muse Milla Jovovich gespielte Frau mit magischen Fähigkeiten, verspricht der Königin (Amara Okereke), die schwanger von einem Liebhaber nach der alleinigen Herrschaft trachtet, ein übersinnliches Machtmittel zu verschaffen: In den verlorenen Ländern will sie einen Werwolf suchen, dem sie bei Vollmond seine Fähigkeit zur Formwandlung entwendet…
Mehr muss man über die teils recht krude Geschichte des Films eigentlich gar nichts wissen. Bestanden die digitalen Raumwelten von Andersons „Resident Evil“-Filmen noch lose, aber durchaus schlüssig kombiniert aus Versatzstücken der zugrundeliegenden Videospielvorlagen, herrscht bei „In The Lost Lands“ nun lustvollstes Raubrittertum quer durch die verschiedensten Fantasy-Gebiete: Mittelalterlich gewandte Kreuzritter verfolgen Gray Alys im Auftrag der Kirche, eine Hofintrige gemahnt an antikes Ränkespiel.
Zugleich könnten ein mit Kohle betriebener Zug sowie ein Bus, der an einem Kabel über einen Abgrund gezogen wird, Überbleibsel aus dem Storyboard für einen Cyberpunk-Anime sein. Auch George Millers epochaler „Mad Max: Fury Road“ (2015), der bei Anderson einen dermaßen tiefen Eindruck hinterlassen haben muss, dass seit „Resident Evil: The Final Chapter“ bislang alle seine Filme sichtlich von dem sechsfachen Oscar-Gewinner beeinflusst sind, tritt diesmal als besonders explizite Inspiration hervor.
Constantin Film
Noch deutlicher als eh schon verpflichtet sich Anderson zudem den Motiven und Bilderwelten des amerikanischen Western, eines Genres, das ihn seit Kindertagen stärker als jedes andere geprägt hat. Ein von Dave Bautista („Guardians Of The Galaxy“) gespielter Jäger, der mit hintergründigen Absichten Alys auf ihrer Reise begleitet, ist trotz aller Fantasy-nahen Details (um seine Schrotflinte winden sich angriffsbereite Schlangen) eine klassische Western-Figur. Seine umschatteten Augen inszeniert der Film immer wieder in Nahaufnahmen, als gehörten sie mythisch aufgeladenen Darstellern wie Henry Fonda oder Clint Eastwood. Der Pferderitt zum nicht von ungefähr so getauften Skull River entwickelt sich entlang von Etappen, die an die Außenposten vermeintlicher Zivilisation im Wilden Westen erinnern: verstaubte Ranches im Nirgendwo, Bahnhöfe, an denen Schienenstränge enden.
Trotz einer literarischen Vorlage scheint Anderson gleichwohl noch entschiedener als sonst auf erzählerische Elemente zu verzichten, notwendige Erklärungen und Übergänge schlichtweg auszulassen und stattdessen die Geschichte direkt von einem durchdacht stilisierten Setpiece zum nächsten zu treiben. Seine Aufmerksamkeit und visuelle Vorstellungsgabe gelten ganz den abwechslungsreichen Szenarien in den verlorenen Ländern, die in unterschiedliche, oftmals streng monochrome Farben getaucht werden.
Beschäftigen sich postapokalyptisch fundierte Filme in der Regel mit verschiedenen Schwundstufen menschlicher Gesellschaften, konzentriert sich „In The Lost Lands“ ganz auf die zukünftigen Schutthalden unserer Gegenwart: stillgelegte Atomreaktoren, Windräder-Landschaften oder brennende Ölfelder. In seiner Hingabe zu hemmungslos digitalen Kompositionen hat Paul W.S. Anderson so einen Film erschaffen, dessen immersive Bilderwelten wirken, als hätte man sie in dieser Form noch nie gesehen, selbst wenn sie sich im Detail aus den verschiedensten Ecken der Filmhistorie zusammensetzen. Ganz im Sinne des Western sind diese verlorenen Länder fürs Kino ein verheißungsvolles Neuland.
Fazit: Narrativ reduziert, visuell rauschhaft! Nach einer Kurzgeschichte von „Game Of Thrones“-Schöpfer George R.R. Martin hat Paul W.S. Anderson mit „In The Lost Lands“ den Look und die Erzählwelten seiner „Resident Evil“-Reihe konsequent weiterentwickelt. Mit viel Lust und Gespür für CGI-Wahnwitz entwirft er postapokalyptische Kulissen zwischen Western-Settings und den Schutthalden unserer Gegenwart. Ein radikaler, immersiver Fantasy-Neuentwurf für Fans des Regisseurs und seiner Schauspielmuse Milla Jovovich.