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    Zero Days
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Zero Days
    Von Christoph Petersen

    Der Hackerbegriff Zero Days bezeichnet Sicherheitslücken, die es einem Virus erlauben, sich zu verbreiten, ohne dass der Nutzer des befallenen Rechners selbst etwas tun muss (etwa eine Datei anklicken). Solche Zero Days sind extrem selten und Informationen darüber werden auf dem Schwarzmarkt für mehrere 100.000 Dollar gehandelt. Das später Stuxnet getaufte Malware-Programm, das erstmals im Juni 2010 von einer ukrainischen Sicherheitsfirma entdeckt wurde, nutzte indes nicht nur eine, sondern gleich vier solcher wertvollen Lücken aus – wer also auch immer dahintersteckte, es musste ihm sehr, sehr wichtig sein, dass der Virus sich so ungehindert wie möglich verbreitet. Der oscarprämierte Dokumentarfilmer Alex Gibney („Taxi zur Hölle“) begibt sich in seinem Berlinale-Wettbewerbsbeitrag „Zero Days“ zunächst auf die Suche nach dem Absender und dem Ziel des Virus, geht dann aber noch viel weiter und stellt fundamentale Fragen nach der Zukunft, den Gefahren und der Moral der Cyberkriegsführung: Obwohl jeder weiß, dass sie dahinterstecken, haben sich die USA und Israel immer noch nicht zu der Attacke auf iranische Zentrifugen bekannt, was eine dringend nötige öffentliche Debatte über das Thema praktisch unmöglich macht.

    Alex Gibney ist eine regelrechte Dokumentarfilm-Maschine! Allein in den vergangenen drei Jahren hat er Filme über so verschiedene Themen wie WikiLeaks („We Steal Secrets“), Lance Armstong („The Armstrong Lie“), den nigerianischen Sänger Fela Kuti („Finding Fela!“), James Brown („Mr. Dynamite“), Steve Jobs („The Man In The Machine“) und Scientology („Going Clear: Scientology and the Prison of Belief“) fertiggestellt. Trotz dieser Fließbandproduktion hat es keinem dieser Werke an Tiefe gemangelt, ganz im Gegenteil. Auch in „Zero Days“ behandelt Gibney sein Thema auf umfassende Weise – selbst Randaspekte wie die Geschichte des iranischen Atomprogramms oder Obamas Vorgehen gegen Presseleaks werden ausführlich aufgegriffen. Zusätzliche Glaubwürdigkeit gewinnt der Film durch Gibneys hochrangige Interviewpartner: Da ist das wortreiche Schweigen eines Ex-Bosses von CIA und NSA, der sich selbstverständlich bedeckt hält, fast genauso beredt wie die beunruhigenden Erläuterungen der auskunftsfreudigeren Whistleblower.

    Inszeniert ist „Zero Days“ im für Gibney typischen Highspeed-Reportagen-Stil (sich für jeden Film ein vollkommen neues erzählerisches oder visuelles Konzept zu überlegen, wäre bei seinem Arbeitstempo dann wohl auch wirklich zu viel des Guten): Interviewausschnitte, Nachrichtenschnipsel, computergenerierte Grafiken (der Virus-Code im „Matrix“-Stil“) – und das 116 Minuten lang immer tack, tack, tack. Langeweile kommt da definitiv keine auf. Allerdings driftet Gibney mit seiner Bebilderung gerade im letzten Drittel, wenn es um die zukünftigen Gefahren des Cyberkriegs geht, gelegentlich ins Plakative ab – da sieht man dann als Zuschauer auch schon mal eine virtuelle Weltkugel, auf der überall rote Punkte warnend aufleuchten, ohne dass uns wirklich verraten wird, wofür diese Punkte eigentlich stehen. Dabei wäre so eine Übertreibung gar nicht nötig gewesen – denn bis dahin hat jeder Zuschauer längst verstanden, wie wichtig es ist, dass das Thema virtuelle Kriegsführung endlich öffentlich bei den Hörnern gepackt und nicht in irgendwelchen Geheimdiensthinterzimmern totgeschwiegen wird.

    Fazit: Alex Gibney beginnt seine Doku „Zero Days“ mit dem Aufdröseln eines schier endlosen Computercodes und schließt mit einem dramatischen Ausblick auf die Zukunft der Kriegsführung – wie er dabei vom einen zum anderen kommt, ist so intensiv und spannend wie ein knackiger Politthriller.

    Dieser Film läuft im Programm der Berlinale 2016. Eine Übersicht über alle FILMSTARTS-Kritiken von den 66. Internationalen Filmfestspielen in Berlin gibt es HIER.

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