Das gewisse Etwas
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Das gewisse Etwas

Das Original war doppelt so erfolgreich wie "Das Kanu des Manitu"

Von Oliver Kube

In den letzten Jahren ist es fast schon zur Regel geworden, dass große französische Kinohits nur kurze Zeit später mit hiesigem Personal neu für das deutsche Publikum aufgelegt werden: „Der Vorname“, „Contra“ und „Ein Fest fürs Leben“ sind die prominentesten Beispiele, die an den Kinokassen dann auch alle recht beachtlich abgeschnitten haben. Schon deshalb ist es kein Wunder, dass nun auch „Was ist schon normal?“ (aktuell im Flatrate-Abo bei Amazon Prime Video*) unter dem Titel „Das gewisse Etwas“ ein deutsches Remake bekommt – immerhin hat das Original mehr als zehn Millionen Besucher*innen in die französischen Kinos gelockt. Sehr wohl überraschend ist hingegen, dass Christoph Maria Herbst ausnahmsweise nicht mit von der Partie ist.

„Manta Manta 2“-Drehbuchautor Murmel Clausen und „Wochenendrebellen“-Regisseur Marc Rothemund haben ihre Neuauflage dabei extrem nah am Original angelegt. Figuren, Dialoge und teilweise sogar die Kameraeinstellungen wurden nahezu eins zu eins aus „Was ist schon normal?“ übernommen. Die einzigen kleineren Anpassungen sind geografischer sowie kultureller Natur. Falls ihr also zu den etwa 200.000 Deutschen gehört, die den französischen Film von und mit Comedy-Star Artus („Meine schrecklich verwöhnte Familie“) im Herbst 2024 gesehen haben, könnt ihr euch „Das gewisse Etwas“ eigentlich sparen. Alle anderen dürfen sich allerdings auf eine amüsante Wohlfühl-Komödie freuen.

Der gesamte Cast – ob mit oder ohne Einschränkungen – harmoniert grandios miteinander. Constantin Film
Der gesamte Cast – ob mit oder ohne Einschränkungen – harmoniert grandios miteinander.

Die engagierte Sozialarbeiterin Polly (Mala Emde) betreut mit Mona (Jasmin Schwiers) und Marko (Lorenzo Germeno) eine Gruppe unterschiedlich eingeschränkter junger Leute, die gemeinsam in den Urlaub fahren möchten. Der Tross will in München gerade mit bester Laune in den Reisebus einsteigen, als ein aus Karlo (Florian Lukas) und seinem Sohn Alex (Max von der Groeben) bestehendes Gauner-Duo vor der Polizei flüchtet. Fälschlicherweise hält Polly Alex für einen zu spät kommenden Neuling. Da die Sirenen schon näherkommen, ergreift Karlo die Chance und stellt Alex kurzerhand als den fehlenden Mitreisenden und sich selbst als dessen persönlichen Betreuer vor.

Alle springen in den Bus und es geht los in Richtung einer Berghütte. Dort müssen Karlo und Alex die Scharade zumindest so lange aufrechterhalten, bis Gras über ihren letzten Coup gewachsen ist – was sich allerdings als schwierig herausstellt. Während sich der eigentlich herzensgute Alex Hals über Kopf in Polly verliebt, wird sein notorischer Hitzkopf-Vater langsam nervös, weil ihm sein Komplize (Dieter Landuris) per Telefon im Nacken sitzt …

Das Unmögliche möglich gemacht

„Ich freue mich sehr, dass wir die Remake-Rechte verkaufen konnten, aber meiner Meinung nach ist das kein Film, den man einfach neu verfilmen kann“, äußerte sich Artus in einem Interview anlässlich der Free-TV-Premiere von „Was ist schon normal?“ in seiner Heimat. Offenbar hatte Artus zu diesem Zeitpunkt „Das gewisse Etwas“ noch nicht gesehen. Denn sonst hätte er wohl einräumen müssen, dass Marc Rothemund entweder ein Regie-Genie ist oder er selbst sich schlicht geirrt hat. Artus schrieb sein ursprüngliches Skript, nachdem er die Bewohner*innen einer WG für Menschen mit Behinderung kennengelernt hatte, die sich im Film quasi selbst spielen.

Sie alle zeigten am Set wie selbstverständlich und mit spürbarem Enthusiasmus ihre ganz persönlichen Eigenarten und „Macken“. Insofern ist es schon erstaunlich, dass Rothemund und sein Casting-Team ein so großartig funktionierendes Ensemble aus tatsächlich sehr ähnlich beeinträchtigten Newcomer*innen aufgetrieben haben. Gemeinsam reproduzieren sie die Geschichte authentisch-berührend sowie mit einem erstklassigen komödiantischen Timing.

Als ob die Situation nicht schon vertrackt genug wäre, verknallt sich Kleinganove Alex (Max von der Groeben) auch noch in die engagierte Polly (Mala Emde). Constantin Film
Als ob die Situation nicht schon vertrackt genug wäre, verknallt sich Kleinganove Alex (Max von der Groeben) auch noch in die engagierte Polly (Mala Emde).

Weshalb das Drehen mit einer so großen Zahl von Menschen, die eine geistige und womöglich auch eine körperliche Beeinträchtigung haben, nicht nur viel Fingerspitzengefühl, sondern auch eine dicke Haut erfordert, hat FILMSTARTS-Autorin Gaby Sikorski bereits in ihrer 3,5-Sterne-Kritik zu „Was ist schon normal?“ schlüssig ausgeführt. Das muss hier also nicht noch einmal wiederholt werden. Festzustellen bleibt allerdings, dass Rothemund diese Aufgabe offenbar ebenso bravourös meisterte wie Artus bei seinem Original. Zudem schafft es der „Dieses bescheuerte Herz“-Regisseur sogar, das Tempo noch ein wenig anzuziehen, was dem Ganzen definitiv guttut.

Und auch die deutschen Hauptdarsteller*innen machen ihre Sache prima. „Fack ju Göhte“-Dumpfbratze Max von der Groeben sammelt mit seinem warmherzigen und offenen Spiel von Anfang an Sympathiepunkte. Ebenso Mala Emde („Sommer auf Asphalt“), die als gute Seele des Films emotional alles richtig macht. Bleibt noch die Rolle des griesgrämigen Gaunervaters, die eigentlich prädestiniert für Christoph Maria Herbst gewesen wäre. Doch Florian Lukas („Good Bye, Lenin!“) füllt diese ebenfalls sehr gut aus. Von allen kann er seiner Figur sogar am meisten individuellen Charakter gegenüber dem in „Was ist schon normal?“ von Ex-Asterix Clovis Cornillac gespielten Vorbild verleihen. Jasmin Schwiers und Lorenzo Germeno wirken dagegen etwas blasser als ihre Pendants, was aber zu verschmerzen ist – stehen ihre Parts doch nur selten im Vordergrund.

Gute-Laune-Garantie, egal in welcher Sprache

Natürlich darf man darüber diskutieren, ob ein dermaßen direktes Remake wirklich sein muss. Fakt ist allerdings, dass auch hier die flotte, mit etwas augenzwinkernder Kritik an der noch immer weit verbreiteten Voreingenommenheit gegenüber Menschen mit körperlichen und geistigen Einschränkungen gewürzte Story richtig unterhaltsam ist. Die Figuren kommen grundsympathisch rüber, der Humor ist auch mal schön forsch und die größtenteils positiv-berührende Grundstimmung schwappt auf das Publikum im Kinosaal über. Eine der beiden Versionen sollte man sich als Komödien-Fan also unbedingt mal gönnen – welche genau, ist am Ende aber fast egal.

Fazit: Warmherzig, witzig, weltoffen – das deutsche Remake des französischen Superhits „Was ist schon normal?“ ist zwar eine 1:1-Neuverfilmung, funktioniert dafür aber auch genauso gut. Ob „Das gewisse Etwas“ hierzulande einen ähnlichen Ansturm auf die Kinos auslösen kann wie das Original, bleibt abzuwarten, aber gänzlich überraschend wäre es nicht.

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