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    All Creatures Here Below
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    All Creatures Here Below

    Karen Gillan brilliert schon wieder!

    Von Oliver Kube
    Zerstören Disney und Marvel mit ihrer aggressiven Veröffentlichungs- und Marketing-Politik womöglich die Kinokultur, indem sie andere Studios dazu zwingen, ihnen nachzueifern, und so irgendwann kaum noch Platz mehr für künstlerische Risiken, klassische Autorenfilme beziehungsweise abseitige Kleinwerke bleibt? Während diese These sicher nicht komplett aus der Luft gegriffen ist, wird gern übersehen, dass speziell Marvel immer wieder auch Regisseuren eine Chance gibt, die sich bis dahin lediglich mit vergleichsweise kleinen Projekten profilieren konnten - darunter James GunnRyan Coogler oder Taika Waititi. Und speziell im Fall von Waititi war es am Ende sogar gerade der Erfolg von „Thor 3“, der ihm nach jahrelangen fruchtlosen Finanzierungsversuchen endlich doch noch die Realisierung seines Herzensprojekts „Jojo Rabbit“ ermöglichte.

    Aber nicht nur Regisseure können von ihrer Verbindung mit dem MCU profitieren. Auch einigen der Schauspieler eröffnen sich aufgrund der Popularität ihrer Comic-Blockbuster bis dato ungeahnte Möglichkeiten. Karen Gillan, die Nebula aus „Guardians Of The Galaxy“ und „Avengers 4: Endgame“, bekam beispielsweise kürzlich ihr Regiedebüt „The Party's Just Beginning“ mit Hilfe ihres globalen Ruhms finanziert. Ihr folgt nun aus der zweiten MCU-Reihe David Dastmalchian. Dank seinem Bekanntheits-Boost als Ant-Mans russischer Freund Kurt fand er Geldgeber für das von ihm selbst verfasste Drehbuch zu „All Creatures Here Below“ – umgesetzt wurde das Roadmovie-Drama von „Animals“-Regisseur Collin Schiffli, mit den bereits genannten MCU-Co-Stars Karen Gillan und David Dastmalchian in den Hauptrollen.

    Auf der Flucht - mit einem entführten Baby im Schlepptau!


    Gensan (David Dastmalchian) und Ruby (Karen Gillan) leben mehr schlecht als recht in einem heruntergekommen Ein-Zimmer-Apartment in Los Angeles. Innerhalb weniger Tage verlieren die beiden zudem ihre jeweiligen Aushilfsjobs als Pizzabäcker beziehungsweise Reinigungskraft. Verzweifelt setzt Gensan sein letztes Geld bei einem Hahnenkampf auf einen krassen Außenseiter. Just in dieser Sekunde lässt die Polizei das illegale Unterfangen hochgehen. Im folgenden Chaos ersticht er bei dem Versuch, seinen Einsatz zurückzubekommen, einen Mann im Affekt. Panisch verschwindet er im Auto des Opfers und alarmiert Ruby, mit ihrem wichtigsten Hab und Gut zu einem Treffpunkt zu kommen. Als die junge Frau herbeieilt, hat sie allerdings nur einen Karton im Arm, in dem das vernachlässigte Baby einer Nachbarin liegt. Gensan und Ruby rasen mit dem entführten Kind davon in Richtung einer ungewissen Zukunft...

    Es ist schon erstaunlich, wie wandelbar Karen Gillan ist. Egal ob als MCU-Nebula, als Dschungel-Amazone in den „Jumanji“-Filmen, als Gehilfin des elften Doctors in der „Doctor Who“-Serie oder als von Alkohol und Trauer kaputt gemachtes Provinzmädchen in „The Party's Just Beginning“ – die Schottin ist absolut überzeugend. Hier spielt sie nun ein naives Kind im Körper einer jungen Frau. Es wird nie explizit gesagt, aber von Anfang an deutet vieles darauf hin, dass ihre Figur schwere mentale Probleme und Defizite hat. So wird Ruby von Gillan gespielt und so wird sie von Gensan, ihrem Liebhaber und der offenbar einzigen Bezugsperson in ihrem Leben, behandelt.

    Eine trostlose, aber berührende Welt


    Gensan, der selbst erhebliche Probleme psychischer Natur zu haben scheint, liebt und umsorgt sie. Er verliert allerdings oft die Geduld mit ihr, ist jähzornig und wird ausfallend, indem er sie anschreit, sie „dumm“ nennt. Immer wieder befürchtet man, er könne sie in seiner Frustration verprügeln. Dann sinkt sich das Paar doch liebevoll in die Arme und rührt das Publikum mit seiner Offenheit und Vertrautheit. Die beiden MCU-Stars stellen ihre komplexen Charaktere exzellent dar. Schon innerhalb der ersten Minuten vergisst der Zuschauer, dass er ihre Gesichter aus oft augenzwinkernden und familienfreundlichen Mega-Blockbustern kennt und taucht ein in deren trostlose Welt.

    Einen großen Anteil daran hat Dastmalchians Skript, das sich Zeit für lange, ruhige Phasen nimmt, bevor es dann mit Tempo den Plot voranbringt. In einem der besten Momente des Road-Movies werden visuelle Ruhe und sich überstürzende Ereignisse geschickt kombiniert: Während einer ausgedehnten Dialogszene zwischen Gensan und seinem von John Doe („Boogie Nights“ und seit 1977 Bassist/Co-Sänger der kultigen Punkrock-Band X) gespielten Onkel erfahren wir mehr über ihre gemeinsame Familienhistorie. Dabei wird auf unaufgeregte Weise plötzlich ein Twist offenbart, der die gesamte Story zwar nicht auf den Kopf stellt, ihr aber eine unerwartete neue Richtung und Dringlichkeit gibt.

    Solche poetischen Einstellungen bleiben die Ausnahme - so was wie Hoffnung blitzt allenfalls kurz auf.


    Die in einem Diner-Restaurant über die Bühne gehende Sequenz ist, passend zur diskreten Lautstärke, mit der die so entscheidenden Worte gewechselt und Entschlüsse gefasst werden, angenehm unspektakulär inszeniert. Regisseur Collin Schiffli und sein zuvor und danach oft mit handgefilmten, hier statischen Bildern arbeitender Kameramann Bongani Mlambo („The Virgin Of Highland Park“) bleiben auf Distanz. So fühlt sich der Zuschauer fast, als würde er die Ungeheuerlichkeit des Besprochenen heimlich, von einem leicht entfernten Tisch, belauschen.

    Dastmalchian ist begeisternd, herzzerreißend emotional und bereitet die Aktionen seiner Figur im Rest der Handlung glaubwürdig vor. Überhaupt sind die schauspielerischen Leistungen für einen dünn budgetierten Indie-Film erstaunlich gut. Ein Eindruck, zu dem neben den beiden Stars bekannte Gesichter wie David Koechner („Anchorman - Die Legende von Ron Burgundy“), Jennifer Morrison („Dr. House“) und Richard Cabral („Breaking In“) mit kurzen, allerdings jeweils wichtigen Auftritten beitragen.

    Harte Kost!


    Das Ganze ist nicht einfach zu verdauen. Nicht nur weil sich eine Katastrophe an die nächste reiht, sondern auch weil diese nahezu humorfrei präsentiert werden. Was angesichts der Umstände, in denen die Protagonisten zu Beginn leben und ihrer im späteren Verlauf offengelegten Vorgeschichte natürlich passend ist. Trotzdem wird es dem einen oder anderen Zuschauer sicher schwer fallen dranzubleiben.

    Denn nachdem „All Creatures Here Below“ noch wie die US-Variante eines Werkes von Sozialkritiker Ken Loach („Ich, Daniel Blake“) beginnt, gibt es später nur noch wenige Augenblicke der Hoffnung, dass dies alles nicht in poetischer, aber brutaler Tragik im Stile von Autoren wie John Steinbeck („Jenseits von Eden“) oder Cormac McCarthy („No Country For Old Men“) enden könnte. So etwas wie emotionale Erleichterung kommt tatsächlich erst auf, als der Abspann startet und John Doe den bewegend melancholischen, exklusiv für den Film aufgenommenen Blues-Klassiker „Goodnight, Irene“ singt.

    Fazit: Ein düsteres und erschütterndes Indie-Drama, in dem zwei sonst eher für leichte Unterhaltung bekannte Marvel-Stars in ungewohnten Rollen begeistern.

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