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    Wasp Network
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Wasp Network

    McDonald’s oder McCastro’s?

    Von Christoph Petersen
    Nach seinem meisterhaften Biopic „Carlos – Der Schakal“ widmet sich der französische Filmemacher Olivier Assayas („Personal Shopper“) in „Wasp Network“ nach neun Jahren erneut dem Terrorismus. Diesmal allerdings aus der bisher noch wenig beleuchteten, moralisch vielschichtigen Perspektive von kubanischen Spionen, die in den Neunzigerjahren in den USA Exilanten-Gruppen unterwandert haben. Diese Gruppen unterstützten unter dem Deckmantel des Kampfes für die Demokratie auch immer wieder terroristische Aktionen gegen die für die kubanische Wirtschaft überlebenswichtige Tourismusindustrie (inklusive zahlreicher Bombenanschläge und bewaffneter Überfälle, die Hotelgäste abschrecken sollen). Neben einer Nachzeichnung der wahren Geschehnisse, die schließlich zum spektakulären Prozess gegen die sogenannten Cuban Five geführt haben, nimmt sich Assayas zugleich aber auch sehr viel Zeit, um die Alltagsorganisation so eines Spionagelebens zu schildern – bis hin zum Abholen der Kinder von der Tageskrippe.

    1990 flieht der kubanische Pilot René Gonzalez (Édgar Ramírez) nach Miami. Seine arglose Frau Olga (Penélope Cruz) und seine sechsjährige Tochter bleiben in Havanna zurück und müssen fortan mit der Schande leben, die Ehefrau und das Kind eines Verräters zu sein. In der neuen Heimat verrät der in den USA geborene René, dass er wegen der katastrophalen Zustände geflohen sei, es gebe kaum Essen, Elektrizität und Treibstoff für seine Flugzeit. Kurze Zeit später lässt auch Luftwaffen-Oberstleutnant Juan Pablo Roque (Wagner Moura) Kuba hinter sich. Sein erstes Mahl nach der Flucht ist ein Menü von McDonald’s, das so viel besser schmeckt als das Zeug von McCastro’s, so schwärmt er zumindest. Aber in Wahrheit erzählen beide Männer den Amerikanern nur, was diese hören wollen und sowieso über Kuba denken. Ihr eigentliches Ziel ist es, als Seenotrettungsflieger für eine kubanische Exilorganisation anzufangen – und so gemeinsam mit den übrigen Mitgliedern des sogenannten Wasp Network genügend Beweise für terroristische Aktivitäten zu sammeln, sodass die USA nach 30 tatenlosen Jahren endlich einschreiten müssen …

    René Gonzalez kümmert sich um die Seenotrettung - und erledigt nebenbei auch gleich noch ein paar andere Aufgaben.


    Die erste Stunde von „Wasp Network“ schildert, wie sich René Gonzalez und weniger später auch noch der übers Meer bis nach Guantanamo geschwommene Juan Pablo Roque in ihrer neuen (Wahl-)Heimat Miami einleben. Sie suchen sich Jobs, Wohnungen, im Fall von Juan Pablo auch noch eine wunderschöne neue Ehefrau (Ana de Armas). In der Zwischenzeit versucht die zurückgebliebene Olga, irgendwie ihre Tochter zu ernähren. Das hat mit Spionage erst mal alles gar nichts zu tun – und man ist sich nicht ganz sicher, ob Assayas wirklich damit rechnet hat, dass er sein Publikum derart lange hinters Licht führen kann. Denn auch wenn „Wasp Network“ lange Zeit wie ein herkömmliches Flüchtlingsdrama wirkt, enthüllt ja schließlich schon der Titel, worum es hier wirklich geht. Aber selbst mit dem Wissen, dass da bald noch ein Haken geschlagen wird, zahlt sich dieser ausführliche, manchmal auch etwas zähe Auftakt später durchaus aus.

    Zum einen lernt man so die Strukturen zunächst ganz unvoreingenommen kennen. Die kubanischen Exilorganisationen erscheinen tatsächlich erst einmal wie reine Wohltätigkeitsorganisationen – dass sie die Seenotrettungsflüge zugleich nutzen, um Motorboote mit Waffen (und womöglich auch Drogen) an der Küstenwache vorbei zu navigieren, erfährt man erst später. So entsteht ein sehr vielschichtiges Gebilde, bei dem es zwar auf beiden Seiten unentschuldbare Aktionen gibt (den Abschuss von unbewaffneten Rettungsflugzeugen durch die kubanische Luftwaffe; das von Exilanten in Auftrag gegebene Bombenlegen in kubanischen Hotels), aber das meiste konsequent im moralisch Ungefähren verharrt. Zum anderen erfährt man so auch mehr über die einzelnen Männer und ihre ganz persönlichen Beweggründe – da gibt es den patriotischen Familienmenschen, aber eben auch den eiskalten Agenten, der jedes einzelne seiner Gefühle nur vortäuscht.

    Juan Pablo Roque genießt das luxuriöse Leben in Miami sehr. Womöglich sogar zu sehr?


    Wenn in einer schwunghaften, collagehaften Rückblende später kurz nachgeholt wird, wie das Wasp Network in den vergangenen Jahren aufgebaut wurde und wer noch alles dazugehört, beschleicht einen dennoch kurzzeitig das Gefühl, dass die Erzählung darüber womöglich dann doch einen spannenderen Film ergeben hätte und Assayas seinen – eh nicht genarrten Zuschauern – lieber früher reinen Wein hätte einschenken sollen. Allerdings gab es zu dem breiteren Themenkomplex in den vergangenen Jahren eben auch schon unheimlich viel zu sehen, die Netflix-Serie „Narcos“ und der Tom-Cruise-Thriller „Barry Seal – Only In America“ sind da längst nur noch die Spitze des Eisberges. Da ergibt es schon Sinn, dass sich Assayas neben seinem ungewöhnlichen Schauplatz (Teil des Films wurden on location in Havanna gedreht) auch einen weniger gewöhnlichen, erzählerisch engeren dramaturgischen Ansatz gewählt hat.

    Doch noch alles reinstopfen


    In der zweiten Hälfte muss sich Olga, von Oscargewinnerin Penélope Cruz („Leid und Herrlichkeit“) mit einer unheimlich ansteckenden Empathie gespielt, dann plötzlich auch noch mal von vorne in den USA zurechtfinden. Dabei gibt es eine ganze Reihe von fein beobachteten Szenen, die die unterschiedlichen Herausforderungen in den beiden Gesellschaften herausarbeiten. Zugleich verliert „Wasp Network“ aber auch zunehmend an Fokus, weil Assayas auf der Zielgeraden eben doch noch alle möglichen anderen Seiten des Konflikts mit in seinen so intim begonnenen Film hineinbringen will – inklusive eines 20-minütigen Abstechers zu einem armen Jungen aus Südamerika, der für eine Handvoll Dollar gleich eine ganze Reihe von Bomben in Hotels in Havanna platziert. Das wirkt allerdings eher wie irgendwie noch mit reingestopft – und schiebt die eigentlichen Hauptfiguren unnötig in den Hintergrund.

    Sein Ziel, den Konflikt möglichst ambivalent und offen einzufangen, hat Assayas aber dennoch erreicht: Wenn am Schluss eine Original-TV-Ansprache von Fidel Castro eingespielt wird, in der sich dieser zu seinem Wasp Network und den kubanischen Agenten äußert und seine Gründe für die Aktion darlegt (wenn auch auf gewohnt populistische Weise), dann weiß man als Zuschauer wirklich kaum noch, wie genau man das alles jetzt einordnen soll. Wer hat Recht? Wer hat Unrecht? Wahrscheinlich alle von allem ein bisschen. Und das ist doch auch schon mal eine echte (und echt seltene) Qualität.

    Fazit: Olivier Assayas punktet mit seiner Konzentration auf die Alltagsorganisation von Spionage sowie seiner angenehm differenzierten Haltung gegenüber der kubanischen Auslandsspionage / Terrorabwehr. Leider verliert „Wasp Network“ zum Ende hin ein wenig seinen Fokus und franst den Genrekonventionen entsprechend immer weiter aus, was der zuvor so konzentrierten Geschichte eigentlich gar nicht notgetan hätte.

    Wir haben „Wasp Network“ auf dem Filmfestival Venedig gesehen, wo er im offiziellen Wettbewerb gezeigt wurde.

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