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    Arctic
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Arctic
    Von Carsten Baumgardt
    Ein berühmt-berüchtigtes Zitat des Fußballweltmeisters Andi Brehme besagt: „Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß.“ So könnte auch Joe Pennas Langfilmdebüt „Arctic“ überschrieben sein, denn der in der Arktis gestrandete Protagonist des eiskalten Überlebensthriller wird von einer schier unendlichen Pechsträhne heimgesucht. Ursprünglich sollte es den Unglücksraben auf den Mars verschlagen, aber diese Grundidee verfolgte auch ein gewisser Ridley Scott, der einen Schritt schneller war als Penna und mit „Der Marsianer“ prompt einen Welthit landete. Der Zu-spät-Gekommene zeigte sich flexibel und aus den Mars-Kartoffeln von Matt Damon wurde reichlich Arktis-Fisch für Mads Mikkelsen: „Arctic“ ist ein archetypisches Survival-Epos mit allen bekannten Zutaten, solide inszeniert und bis zum Ende durchaus spannend.

    Der Forscher Overgard (Mads Mikkelsen) befindet sich nach einem Flugzeugabsturz in der Eiswüste der Arktis in aussichtsloser Lage. Er ist zwar nicht großartig verletzt, aber Hilfe ist weit und breit nicht in Sicht. Zu Fuß einen Weg zu suchen, wäre ohne Landkarte Selbstmord. Er ernährt sich von geangeltem rohem Fisch und gibt seine Versuche nicht auf, mit der Außenwelt in Kontakt zu treten. Behelfsmäßigen Unterschlupf findet er in dem Flugzeugwrack. Als bei einem schweren Sturm ein chinesischer Hubschrauber auf Erkundungsflug vor seiner Nase abstürzt, verkompliziert sich die Lage. Die junge Co-Pilotin (Maria Thelma Smaradottir) überlebt den Crash schwer verletzt, während ihr Kompagnon ums Leben kommt. Overgard nimmt sich der Frau an und versucht sie aufzupäppeln, doch sie erlangt nur sporadisch das Bewusstsein und droht zu sterben – aber immerhin zieht er aus dem havarierten Hubschrauber einige nützliche Ausrüstungsgegenstände.


    Joe Penna hat keine Filmhochschule besucht, sondern einfach drauflos gefilmt. Seinen Durchbruch feierte der in Los Angeles lebende Brasilianer schließlich bei YouTube! Und zwar mit dem 2 Minuten und 24 Sekunden kurzen Video „Guitar: Impossible“, das er als MysteryGuitarMan ins Netz gestellt hat und das bisher mehr als 16 Millionen Mal aufgerufen wurde. Es zeigt Penna selbst beim Gitarrenspiel – und ist irrsinnig gut geschnitten. Nach diversen Kurzfilmen und einem Video für den kürzlich verstorbenen DJ-Superstar Avicii („You Make Me“) legt Penna mit „Arctic“ ein handwerklich reifes Kinodebüt vor, bei dem er ganz auf der naturalistischen Schiene fährt. Seine Hauptfigur ist kein Eiswüsten-MacGywer, der aus ein paar Ersatzteilen einen Raketenschlitten baut. Vielmehr läuft das meiste – ganz realistisch - schief. Der Gestrandete versucht angesichts von Kälte, Hunger und Isolation irgendwie zu überleben und dabei stellt er sich mal mehr, mal weniger geschickt an.

    Von einer großen spektakulären Hollywood-Robinsonade wie „Cast Away – Verschollen“ ist „Arctic“ weit entfernt. Penna beginnt seinen Film erst nach dem fatalen Flugzeugabsturz und schmeißt das Publikum mitten hinein in Overgards missliche Lage. Und von Anfang an ist Realitätsnähe die oberste Maxime des Filmemachers. Erzählerisch ist das Fluch und Segen gleichermaßen. In vielen Momenten zeigt sich Pennas präziser Blick in erstaunlichen, oft auch berührenden Details, etwa wenn Overgard in einer Szene vor Schauder und Scham verstohlen die Augen zukneift, als er dem toten chinesischen Piloten die Jacke auszieht, um sie für sich zu nutzen. Aber der Überlebenskampf ist alsbald eben auch mit einiger Monotonie verbunden, die Overgard zermürbt und es auch dem Zuschauer nicht immer ganz einfach macht.

    Einschneidende Erlebnisse wie ein Eisbärenbesuch oder ein Einbruch in Gletscherspalten haben Seltenheitswert. Wichtiger ist Penna das Innenleben seines Forschers und dabei ist seine neue meist bewusstlose Leidensgenossin von entscheidender Bedeutung. Overgards Menschlichkeit und sein Überlebenswille zeigt sich darin, dass er die namenslose Schwerverletzte mitschleppt, obwohl er ohne sie wesentlich flexibler und beweglicher wäre. Er hatte sich eigentlich schon aufgegeben, doch nun fühlt er sich verantwortlich - sie hält ihn moralisch am Leben. Ähnlich wie etwa in „All Is Lost“, der Penna nach eigener Aussage inspiriert hat, wird in „Arctic“ so gut wie gar nicht gesprochen. Schauspielhaudegen Mads Mikkelsen („James Bond 007 – Casino Royale“, „Die Jagd“) lässt aber auch ohne Worte die Mühen und Qualen sicht- und spürbar werden, ohne ins Plakative zu verfallen.

    Fazit: Der brasilianische YouTube-Star Joe Penna erzählt in seinem oft packenden, aber auch etwas überraschungsarmen Abenteuer-Thriller „Arctic“ vom Kampf Mensch gegen Natur.

    PS: Den Traum vom Mars haben Joe Penna und sein Schreibpartner Ryan Morrison übrigens noch nicht aufgegeben. Die beiden planen eine inoffizielle Trilogie – Teil 1, „Arctic“, spielt auf der Erde, Teil 2 soll in einem Rettungsboot im All stattfinden und der Abschluss dann tatsächlich auf dem Roten Planeten – bis dahin ist vielleicht etwas Gras über den „Marsianer“ gewachsen...

    Wir haben „Arctic“ bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes 2018 gesehen, wo er als Midnight Screening gezeigt wurde.
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