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    Antlers
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Antlers

    Herzzerreißendes Drama, lauwarmer Horror

    Von Christoph Petersen
    Jetzt also auch noch ein Horror-Hirsch“, wäre eine naheliegende Reaktion, wenn man zum ersten Mal von „Antlers“ liest oder hört. Tierische Monster gehen schließlich immer – und so arbeitet sich die (Trash-)Film-Industrie schon seit Jahrzehnten einmal quer durch die Fauna in all ihren Formen und Farben. Aber der ehemalige Schauspieler Scott Cooper, dessen erste Regiearbeit „Crazy Heart“ direkt mit zwei Oscars ausgezeichnet wurde, ist ganz sicher nicht der Typ für einen ironischen Splatter-Spaß – und so erzählt er wie in seinem Thriller-Drama „Auge um Auge - Out Of The Furnace“ auch diesmal wieder von einer vergessenen Stadt im ländlichen Herzen der USA, wo früher mal eine Mine betrieben wurde, aber inzwischen alles nur noch immer weiter vor die Hunde geht.

    Missbrauch, Drogensucht, Zerfall – „Antlers“ zeigt den alltäglichen Horror einer Region, in der Eltern ihre Kinder mitunter schon deshalb nicht mehr in die Schule schicken, damit die Lehrkräfte nicht den Amphetamingeruch an ihren Klamotten erschnüffeln können, in all seiner grauenerregenden Konsequenz. Scott Cooper geht bis zum niederschmetternden Finale keinerlei Kompromisse ein: „Antlers“ ist also definitiv kein Ein-bisschen-Gruseln-und-dann-wieder-vergessen-Film, sondern geht schon thematisch unheimlich an die Nieren. Nur gibt es da neben dem realen ja auch noch den cineastischen Horror – und in der Hinsicht liefert „Antlers“ längst nicht so ab, wie man es sich eigentlich wünschen würde.

    Julia & Paul wollen Lucas helfen ...


    Bei einem Unfall in einem stillgelegten, inzwischen als Drogenküche zweckentfremdeten Minenschacht wird eine uralte Macht freigesetzt. Zeitgleich kehrt die Lehrerin Julia Meadows (Keri Russell), die noch als Jugendliche vor ihrem übergriffigen Vater nach Kalifornien geflüchtet war, in ihre nach dem Niedergang der Bergbauindustrie kurz vor dem endgültigen Zerfall stehende Heimatstadt in Oregon zurück. Während sich die trockene Alkoholikerin bemüht, nicht rückfällig zu werden, sorgt sie sich vor allem um einen ihrer Schüler: Der 12-jährige Lucas Weaver (Jeremy T. Thomas) sieht nicht nur abgemagert und kränklich aus, sondern malt auch verstörende Bilder, die auf eine schwerwiegende Missbrauchserfahrung hinweisen.

    Nur ist Lucas‘ alleinerziehender Vater Frank (Scott Haze), der offensichtlich auch in die örtliche Drogenproduktion verstrickt ist, einfach nicht zu erreichen – und auch Lucas‘ jüngerer Bruder Aiden (Sawyer Jones) ist nun schon seit einiger Zeit nicht mehr in der Schule aufgetaucht. Julias Bruder Paul (Jesse Plemons), der es inzwischen zum Sheriff gebracht hat, ermittelt unterdessen in einer mysteriösen Mordserie, bei der die Leichen so übel zugerichtet aussehen, dass man meinen könnte, ein ganzes Wolfsrudel hätte sich über sie hergemacht – nur sind die Bissspuren an den Knochen laut Autopsiebericht eindeutig menschlichen Ursprungs…

    So viel Leid auf einen Blick


    Scott Cooper hat mehr als 900 Jungen zum Casting eingeladen, bevor er mit dem Schauspiel-Neuling Jeremy T. Thomas seinen passenden Lucas gefunden hat – und tatsächlich sieht dieser im Film nun derart kränklich, vernachlässigt und eingeschüchtert aus, dass man sich auch ohne seine verstörenden Zeichnungen schon beim ersten Anblick ganz gut ausmalen kann, was er in seinem kurzen Leben bereits alles durchgemacht haben muss. Und im Gegensatz zu Julia und Paul erfährt das Publikum schon sehr früh im Film, dass sich der ausgemergelte Junge dazu auch noch ganz allein um seinen kranken Vater und seinen kranken kleinen Bruder kümmern muss, die eingeschlossen in einem Raum darauf warten, dass der 12-Jährige ihnen Fleisch bringt. Geld hat er dafür aber natürlich keines, weshalb Lucas am Fluss Stinktiere mit einem Stein erschlägt.

    Lucas‘ unbedingte Kampfbereitschaft für seine Familie trifft in „Antlers“ auf eine völlige Überforderung mit der Situation – und das ist nicht nur wegen der durchweg hervorragenden Schauspielleistungen so herzzerreißend, sondern eben auch, weil man weiß, dass solche Zustände in diesen Regionen längst an der Tagesordnung sind. Nur liegt es im wahren Leben eben nicht an einer uralten Macht, sondern im Gegenteil an ganz modernen Drogen, dass die Erwachsenen oft nur noch hilflos in den Ecken herumliegen, während die Kinder den Anschein eines Alltags aufrecht zu erhalten versuchen. Gespiegelt wird das in den Geschwistern Julia und Paul, die ihre missbrauchsgeprägte Kindheit nur scheinbar überstanden haben, aber trotz solider Jobs hinter der Fassade ebenfalls völlig zerbrochen sind.

    ... müssen zugleich aber erst mal mit ihren eigenen Dämonen klarkommen.


    Die Spannung köchelt dabei nach der Eröffnungssequenz in der Mine allerdings lange Zeit auf Sparflamme – gerade auch, weil wir als Publikum schon mehr wissen als die ermittelnden Figuren, man sich also nicht unbedingt fragt, was zum Teufel es eigentlich mit den missgestalteten Leichen zu tun hat, die plötzlich überall auftauchen. Wobei man Scott Cooper und seinen Designer*innen auf jeden Fall zugutehalten muss, dass sie sich bei der Gestaltung der Opfer wirklich alle Mühe gegeben haben – und dann auch ganz langsam und genüsslich mit der Kamera über die zerschundenen Körperreste hinwegfahren, damit man auch als Zuschauer*in all die liebevoll-detaillierte Arbeit in vollen Zügen „genießen“ kann.

    Zwar gibt es zwischendrin einige wenige, aber stark platzierte Jump Scares, doch darüber hinaus müssen Horror-Fans bis zum späten Auftauchen des Wendigo warten, bis es so richtig losgeht (kurz nach dem obligatorischen Erklärbär-Auftritt eines weisen alten Mannes, der den Protagonist*innen mal schnell am Stück alles erklärt, was sie über das Wesen wissen müssen). Dann aber ist die hirschartige Kreatur aus der Mythologie der amerikanischen Ureinwohner nicht nur ebenfalls hervorragend designt, sie langt auch ordentlich zu: So ein stattliches Geweih ist erstaunlich gut geeignet für saftige Gore-Effekte - und auch das Finale sorgt, typisch Scott Cooper, nicht für eine kathartische Befreiung, sondern nur für weitere Schläge in die Magengrube…

    Fazit: Scott Cooper hat definitiv etwas über den desolaten Zustand von Teilen seines Landes zu sagen – und die Drama-Passagen von „Antlers“ sind auch absolut herzzerreißend. Die Spannung kommt dabei – trotz einiger ins Mark gehender Schockeffekte – allerdings über weite Strecken zu kurz.

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