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    RBG - Ein Leben für die Gerechtigkeit
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    RBG - Ein Leben für die Gerechtigkeit

    Richterin und Pop-Ikone!

    Von Björn Becher

    Als Anfang November 2018 die Meldung die Runde machte, dass die Richterin Ruth Bader Ginsburg in ihrem Büro gestürzt sei und sich dabei die Rippen gebrochen habe, war die Anteilnahme in den sozialen Netzwerken groß. Unter den Artikeln aller großen US-Nachrichtenseiten fanden sich auf Facebook hunderttausende Kommentare voll intensiver Anteilnahme. Immer wieder wurden dabei auch stilisierte Bilder von Ginsburg gepostet – so zum Beispiel eine Abwandlung des legendären King-Porträts von Rapper Notorious B.I.G. Doch warum erzeugt eine 85-jährige Richterin so viel Anteilnahme? Warum ist diese Frau so ein großes Kultphänomen, dass Deadpool sie sogar als Mitglied für seine X-Force in Betracht zieht? Die Dokumentation „RBG – Ein Leben für die Gerechtigkeit“ liefert die Antwort. Die Regisseurinnen Betsy West und Julie Cohen zeigen darin aber nicht nur, warum Ginsberg zu einer Ikone für eine ganze Generation von US-Amerikanern wurde, die ihr Konterfei auf Buttons, T-Shirts und sogar als Tattoos tragen. Zugleich machen sie auch klar, warum ihr „Leben für die Gerechtigkeit“ auch außerhalb der USA eine große aktuelle Relevanz hat.

    West und Cohen zeichnen in ihrer Dokumentation die gesamte Lebensgeschichte der 1933 in New York als Joan Ruth Bader geborenen Vorkämpferin für Gleichberechtigung nach. Sie schildern, wie sie von ihrer Mutter zu einer selbstbewussten, unabhängigen Frau erzogen wird, die schließlich an den Elite-Unis Havard und Columbia Jura studiert und sich dabei von ihrem eigenen Uni-Dekan anhören muss, wie sie es wagen könne, einem Mann den (Studien-)Platz wegzunehmen. Weil keine New Yorker Kanzlei eine Frau einstellen will, macht sie danach erst einmal als eine der ersten Jura-Professorinnen des Landes Karriere, bevor sie als Anwältin in den 1970er Jahren zu einer Vorkämpferin für Gleichberechtigung avanciert. Dabei erstreitet sie gleich mehrere bis heute als wegweisend geltende Urteile. 1980 wechselt sie auf die Richterbank, bis sie 1993 zum Supreme Court, dem Obersten Gericht der USA, berufen wird…

    Aber West und Cohen beschränken sich nicht nur auf diesen eindrucksvollen beruflichen Werdegang, sondern gehen auch ausgiebig auf Ginsbergs Ehe mit ihrem 2010 verstorbenen Mann Martin ein. Der lebenslustige, immer zu Scherzen aufgelegte Gatte bildet das perfekte Gegengewicht zu seiner stets ernst wirkenden Frau und steckt in seiner Karriere als erfolgreicher und angesehener Steueranwalt immer weiter zurück. Er kümmert sich um Haushalt und Kinder, während sie bis tief in die Nacht über ihren Fällen brütet und dabei teilweise sogar das Essen vergisst. Gerade die Archivaufnahmen des auch öffentlich gerne über diese damals noch ungewöhnliche Rollenverteilung scherzenden Martin verleihen der Dokumentation eine beschwingt-optimistische Lockerheit.

    Der Film ist voll mit amüsanten Einschüben. Schon der Einstieg zeigt uns Ginsberg nicht etwa in ihrer Richterrobe samt eines ihrer ikonischen Jabots (selbst wenn ihre Sammlung dieser „Lätzchen“ später natürlich noch vorkommt), sondern ganz leger im Sportanzug. Mit ihrem Personal Trainer stemmt die 85 Jahre alte, sehr kleine Frau Gewichte und macht Liegestütze – ein köstlicher Anblick, der aber auch ohne ein gesprochenes Wort bereits einen ersten Eindruck dieser taffen Frau liefert. Ein weiteres Highlight ist ein Uni-Vortrag. Da hängen hunderte Mittzwanziger an ihren Lippen, die jedes ihrer leise und bedächtig vorgetragenen Worte aufsaugen und sie verehren wie einen Pop-Superstar. Für diese jungen Leute ist die Richterin einfach nur „The Notorious R.B.G.“ (auch ein Buch über sie trägt diesen Titel). Angelehnt ist dieser Spitzname natürlich an den Gangster-Rapper The Notorious B.I.G. – ein Umstand, den die Richterin in der Doku auf ihre süffisante Art genauso trocken kommentiert wie die Ginsberg-Parodien von Kate McKinnon („Ghostbusters“) im US-Comedy-Kult-Format „Saturday Night Live“.

    Dabei verkommt die Schilderung des Lebens von Ruth Bader Ginsberg nie zur bloßen Aneinanderreihung von Fakten, weil die Regisseurinnen immer wieder geschickt die Perspektiven wechseln. Dabei blicken die Protagonistin sowie ihre Freunde, Weggefährten und auch politische Konkurrenten nicht einfach nur in Doku-typischen Interviews auf ein Leben und eine Karriere zurück, stattdessen wird als Erzählrahmen Ginsbergs Senatsanhörung vor ihrer Berufung zur Obersten Richterin im Jahr 1993 genutzt – ein erzählerischer Kniff, der aus aktuellem Anlass sogar noch eine stärkere Wirkung entfaltet als von den Filmemacherinnen ursprünglich geplant. Schließlich dürften viele Zuschauer die jüngsten, rund um die Welt gegangenen Bilder von der Anhörung ihres neuen Kollegen Brett Kavanaugh im September 2018 noch sehr präsent sein. Aus den Parallelen und vor allem Unterschieden zwischen den beiden Anhörungen lässt sich eine Menge (Unschönes) auch über die heutige Zeit ableiten.

    Ginsburg begeistert bei der Anhörung Senatoren und Zuschauer gleichermaßen als unglaublich selbstbewusste, starke Frau, die auch vor klaren Ansagen nicht zurückschreckt: So macht sie zum Beispiel deutlich, dass Frauen ein Recht auf Abtreibung haben – eine klare Positionierung, die in einer solchen Anhörung eigentlich undenkbar schien (und es auch heute oft noch ist). Schließlich ist sie so für die konservativen Republikaner eigentlich unwählbar. Am Ende wird sie trotzdem mit überwältigender Mehrheit von beiden Seiten des politischen Spektrums gewählt. Hier schlagen die Regisseurinnen den Bogen zu einem Subtext, der den ganzen Film über präsent ist, obwohl er nie direkt zur Sprache kommt: Wie wichtig es ist, unabhängige und selbstbewusste Richter in einer Demokratie zu haben – auch wenn sie mal über das Ziel hinausschießen. So wird natürlich auch thematisiert, dass sie sich vor den US-Präsidentschaftswahlen 2016 klar gegen den Kandidaten Donald Trump positionierte und damit für einen Skandal sorgte. Das war ein großer Fehler, aber es ist einer, der diese „Maschine“, die immer noch bis tief in die Nacht über Akten sitzt und mit so brillanter wie scharfer Zunge immer mehr Minderheitsvoten in dem konservativ geprägten Gericht schreibt, nur noch menschlicher macht.

    Fazit: Eine starke Dokumentation über eine starke Frau.

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