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    Memoria
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Memoria

    UFOs über unseren Köpfen, Skelette unter unseren Füßen

    Von Jochen Werner
    Am Anfang von „Memoria“, dem ersten Film, den der thailändische Goldene-Palme-Gewinner Apichatpong Weerasethakul („Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben“) nicht in seiner Heimat, sondern in Kolumbien gedreht hat, steht ein gewaltiger Knall, der Jessica (Tilda Swinton) mitten in der Nacht aus dem Schlaf reißt. Als ob eine Betonkugel in fließendes Wasser fallen würde, beschreibt sie ihn später einmal. Aber doch auch anders, tiefer. Mit einem metallischen Echo. Die Mittel der Sprache scheinen nur bedingt hilfreich, um dem jungen Tontechniker Hernan (Juan Pablo Urrego), der das mysteriöse Geräusch an einem Mischpult zu rekonstruieren versucht, verständlich zu machen, was Jessica als Einzige zu hören vermag.

    Nachdem sie aus dem Schlaf gerissen wurde, streicht Jessica nervös durch die dunklen Flure ihrer Wohnung. Auch die Kamera schleicht – wenn auch auf anderen Wegen – durch denselben Raum, als verkörpere sie selbst etwas, etwas Körperloses. Eine weitere Einstellung, diesmal draußen in der Innenstadt von Bogotà: Auf einem Parkplatz kriecht die Kamera auf Höhe der Nummernschilder sehr langsam voran, bis eine Alarmanlage nach der anderen losheult. Offenbar schleicht sich hier etwas an – etwas, das wir nicht sehen können, höchstens spüren; etwas, das sich vielleicht mit einem Geräusch bemerkbar macht, mitten in der Nacht, für diejenigen unter uns, die es hören können.

    Jessica (Tilda Swinton) wird eines Nachts von einem undefinierbaren Geräusch aus dem Schlaf gerissen.


    „Memoria“ hat zu Beginn durchaus etwas von einem Horrorfilm oder Mystery-Thriller. Aber er ist natürlich alles andere als ein gradliniger Genrefilm. Die Spuren verwischen, die Ebenen lösen sich ineinander auf – und am Ende nutzt einem der reine Plot auch nicht mehr viel, weil das, worum es eigentlich geht, immer knapp jenseits des Erzählbaren in vermeintlicher Griffweite verbleibt. Es verhält sich mit dem Film wie mit diesem ganz eigentümlichen, aber nahezu unmöglich zu beschreibenden Geräusch: „Memoria“ ist ebenfalls so prägnant wie präsent, aber mit dem sprachlichen Handwerkszeug, das uns zur Verfügung steht, können wir ihn bestenfalls einkreisen.

    Nicht nur der große Weltkino-Auteur Apichatpong Weerasethakul ist dabei ein Fremder in Südamerika – er stellt, quasi als seine Stellvertreterin, die Arthouse-Ikone Tilda Swinton („The French Dispatch“) als in Kolumbien lebende Floristin aus Schottland ins Zentrum. Einmal besichtigt sie einen großen Glasschrank, eine Art klimastabilisierendes Mini-Gewächshaus für Orchideen zur Abwehr von Pilzen und Schädlingen. Sie kann sich das teure Stück aber nicht leisten und zieht unverrichteter Dinge wieder von dannen, immer weiter voran, durch die belebten Straßen Bogotàs bis hinein in den Dschungel – das Identifizieren des Geräusches soll ihr Halt geben, aber auf der Suche wirkt die ganze Realität um sie herum immer nur noch instabiler und brüchiger.

    Der Dschungel lebt


    Hernan, den jungen Tontechniker, der sie eben noch begleitet hat, hat es vielleicht nie gegeben – und diesen seltsamen Knall, der immer wieder schockhaft die omnipräsente urbane Geräuschkulisse überlagert, nimmt offenbar auch niemand außer Jessica wahr. Am Ende wird es die Suchende hinausspülen aus dem urbanen Treiben, hinein in die Natur und den Urwald – wie könnte es auch anders sein in einem Film von Apichatpong Weerasethakul, jenem Filmemacher, der den Dschungel wie kein anderer als großes Enigma zu inszenieren versteht. „Der Wald steht schwarz und schweiget“, dichtete Matthias Claudius einst in seinem „Abendlied“ tief ins Herz der deutschen Seele hinein. Aber damit ist er ganz weit weg vom wahren Wesen des Waldes und seinem farbkräftigen, ungezähmten Leben. Diesen anderen, lebendigen Wald filmt Weerasethakul im Grunde in jedem seiner Filme – also einen beseelten Ort, an dem das Leben allüberall ist und wir nur irgendwo dazwischen. Und vieles von dem, was wir Zivilisation nennen, ist nur notdürftig drübergebaut und bricht immer wieder auf oder auseinander.

    Den Signalen folgend trifft Jessica in der vermeintlichen Natureinsamkeit auf Menschen, die einem merkwürdig bekannt vorkommen und doch ganz fremd sind. Eine solche Begegnung führt Jessica zu einem weiteren Hernan (Elkin Díaz): Ein Wiedergänger? Eine Reinkarnation? Wer weiß das schon! Auf jeden Fall ist er ein älterer Einsiedler, der sein Dorf noch nie verlassen hat. Er könne nichts vergessen, so erzählt er Jessica: Jede Wahrnehmung begleite ihn anschließend sein gesamtes weiteres Leben lang – und so habe er sich entschlossen, die Anzahl seiner Eindrücke zu minimieren. Es gebe eben Menschen, die seien wie Festplatten und speicherten alles unauslöschlich in sich ab. Im Gegensatz zu den Menschen wie Jessica, die wie Antennen seien und alles auffingen, was durch die Luft fliegt – Wahrnehmungen, Empfindungen, Erinnerungen, auch wenn es gar nicht ihre eigenen sind.

    Gemeinsam mit dem Tontechniker Hernan (Juan Pablo Urrego) versucht Jessica, dem Geräusch auf den Grund zu gehen.


    „Memoria“ gleiche eher einer Kunstinstallation als einem narrativen Spielfilm, so war im Anschluss an die Premiere beim Filmfestival in Cannes mitunter zu lesen – ein Vergleich, der nicht völlig aus der Luft gegriffen scheint, ist Weerasethakul im Bereich der Bildenden Kunst doch mittlerweile ebenso zuhause wie im Kino. Trotzdem fährt der Vergleich auf eine falsche Fährte: Im Grunde ist „Memoria“ viel eher ein vielschichtiges Klangkunstwerk – und zudem ein Film, der bei allem Drall zur Mystifizierung überraschend geerdet daherkommt.

    Die Basis für all das Spirituelle oder mitunter gar Esoterische im Werk Apichatpongs ist ein Realismus, der hier sogar zu unvermutet zahlreichen Auflösungen im letzten Filmdrittel führt. Es ist nicht so, dass hier alles nur vage und offen bleiben würde. Die Erklärungen liegen zum Greifen nah, nur machen sie uns auch nicht schlauer. Unbekannte Objekte fliegen über unseren Köpfen – und wenn man den Boden aufgräbt, dann birgt er Skelette.

    Fazit: Die erste internationale Produktion des thailändischen Auteurs Apichatpong Weerasethakul ist ein faszinierendes, vielschichtiges audiovisuelles Kunstwerk, das uns auf den Spuren von Tilda Swinton durch das urbane und ländliche Kolumbien führt – tief hinein in die Geschichte und ganz am Ende sogar in die Science-Fiction. Ein einzigartiger Film, den man allein wegen der mitreißenden Soundgestaltung unbedingt im Kino erleben sollte!

    Wir haben „Memoria“ beim Berliner Filmfestival Around the World in 14 Films gesehen.

     

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