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    Der Spion
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Der Spion

    Der Anti-007

    Von Sidney Schering
    Das Agentenkino verlagert sich zunehmend ins Feld der Popcorn-Action. Da gibt es die Stunt-Spektakel der „Mission: Impossible“-Reihe, die bissigen bis absurden „Kingsman“-Filme, die dreckigen Action-Thriller nach dem „Bourne“-Muster sowie natürlich „James Bond“, der sich irgendwo dazwischen ansiedelt und einfach alles noch ein paar Nummern größer zelebriert.

    Das konzentriertere, realitätsnahe Agentenkino erhascht dagegen nur noch selten Aufmerksamkeit. Filme, die von geschickten Verhandlungen, dem Papierwust der Bürokratie sowie möglichst unauffälligem Informationsaustausch erzählen, müssen schon von der Güte eines „Bridge Of Spies“ oder „Dame, König, As, Spion“ sein, damit sie beachtet werden. „Am Strand“-Regisseur Dominic Cooke nimmt sich in „Der Spion“ nun genau dieser Gattung des Agentenkinos an. Aber selbst mit Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle ist dabei nur ein passabler Genrevertreter entstanden.

    Benedict Cumberbatch liefert in "Der Spion" eine seiner subtilsten und besten Performances seit Jahren.


    Der Kalte Krieg befindet sich auf seinem Höhepunkt. Oleg Penkowski (Merab Ninidze), ehemaliger Geheimdienstoffizier der Sowjetunion, verfügt weiterhin über Kontakte in den Kreml und versorgt die westlichen Geheimdienste so mit Informationen. Derzeit ist Penkowski allerdings überaus nervös. Nicht zuletzt aufgrund der impulsiven Natur von KPdSU-Parteichef Nikita Khrushchev (Vladimir Chuprikov) befürchtet er, dass kriegerische Handlungen kurz bevorstehen – und die könnten angesichts des nuklearen Wettrüstens der vergangenen Monate und Jahre zur Vernichtung der gesamten Menschheit führen.

    Also kontaktiert Penkowski im Geheimen die amerikanische Botschaft in Moskau. Die CIA-Agentin Emily Donovan (Rachel Brosnahan) holt zudem den britischen MI6 mit an Bord, um ihn von ihrem ungewöhnlichen Plan zu überzeugen: Der unauffällige Vertreter Greville Wynne (Benedict Cumberbatch) soll mit Penkowski Kontakt aufnehmen. Nach und nach freunden sich die beiden Männer an, während die westlichen Geheimagenten den Privatmann Wynne zunehmend für ihre Ränkespiele einspannen…

    Ein Jedermann soll plötzlich die Welt retten


    Autor Tom O'Connor hat das Drehbuch zu „Der Spion“ zwischen den derben Actionkomödien „Killer's Bodyguard“ und „Killer's Bodyguard 2“ mit Ryan Reynolds und Samuel L. Jackson verfasst. Der Wechsel des Tonfalls ist O'Connor dabei zweifelsohne gelungen – allerdings gilt für sein Skript zu „Der Spion“ dasselbe wie auch schon für „Killer's Bodyguard“: Das Ganze ist erzählerisch doch arg konventionell geraten. O'Connor bringt die Exposition, welche Gefahr der Welt droht und welches Leben die Hauptfiguren vor dem Einfall der CIA führten, unbeseelt hinter sich. Darauf folgt ein selbst ohne Kenntnis der wahren historischen Begebenheiten vorhersehbares, aber immerhin emotionaler aufgezäumtes Dilemma, das Wynne zunehmend in die Enge treibt.

    Der erste Akt ist der größte Schwachpunkt des Films, weil Greville Wynne nur sehr rudimentär als unauffälliger Jedermann, der vielleicht ein wenig zu viel trinkt, aber sonst keine nennenswerten Eigenschaften hat, etabliert wird. Seine Motivation wird zwar erklärt, wenn CIA und MI6 ihn mit der Vorstellung eines nuklearen Angriffs einschüchtern. Wirklich greifbar wird die Figur aber genauso wenig wie der Mut, den sie plötzlich bei der Erledigung ihrer Spionage-Pflichten an den Tag legt.

    Die CIA-Agentin Emily Donovan (Rachel Brosnahan) wuchtet die Verantwortung über die Zukunft der gesamten Menschheit auf die Schultern eines einfachen Vertreters...


    Erst wenn Wynne schon mitten in seiner Langzeitmission steckt und sich mit Penkovsky angefreundet hat, fasst „Der Spion“ langsam erzählerisch Fuß: Das ständige Tänzeln zwischen lästigen Pflichten, dem Druck, bei selbst kleinsten Informationsübermittlung das Schicksal der gesamten Welt zu schultern, sowie den gelegentlichen Stunden reiner Geselligkeit, wird nachvollziehbar durchexerziert. Benedict Cumberbatch bekommt gerade in dieser Phase viel Raum für eine starke Performance, die in erster Linie von kleineren Gesten lebt. Vor allem Wynnes Besuch einer Ballettaufführung, die ihn emotional aufwühlt, obwohl er sich nichts anmerken lassen will, sorgt für Gänsehaut. So zurückgenommen und doch so überzeugend haben wir Cumberbatch schon länger nicht mehr erlebt.

    Inszenatorisch ist „Der Spion“ derweil solide Handwerksware: Kameramann Sean Bobbitt („12 Years A Slave“) hüllt das Geschehen routiniert in Brauntöne, die die Piefigkeit der Hinterzimmer-Politik im Kalten Krieg treffend unterstreichen, sowie in kühle Grautöne für Winterszenen und die kahlen, klaustrophobischen Betonbauten. Diese Bilder erzeugen durchaus effizient die Stimmung, die sie erzeugen sollen – trotzdem wird der Stiefel ohne herausstechende Ideen einfach durchgezogen. Ähnlich verhält es sich mit der Ausstattung sowie den Kostümen, die zwar ein klares Gefühl für das zeitliche und örtliche Setting erzeugen, jedoch das besondere Etwas vermissen lassen. Erst gegen Ende bricht Dominic Cooke mit seinen Modus Operandi etwas auf und kreiert eine dichtere Atmosphäre, die Greville Wynnes immer angespannteren Geisteszustand auch inszenatorisch spiegelt.

    Fazit: „Der Spion“ ist einer dieser Filme, die wenig falsch, aber auch kaum etwas herausragend gut machen. Was den solide, aber austauschbar inszenierten und ausgestatteten Film vor der Beliebigkeit bewahrt, ist vor allem die subtile, nuancierte Performance von Benedict Cumberbatch als eigenschaftsloser Jedermann, der von einem Moment auf den anderen die Verantwortung für das Schicksal der gesamten Menschheit schultern muss.

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