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    Die Mitchells gegen die Maschinen
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Die Mitchells gegen die Maschinen

    Sonnig mit Aussicht auf zerstörerische Roboter

    Von Sidney Schering
    Wenn sich Phil Lord und Christopher Miller an einem Animationsfilm beteiligen, darf man hellhörig werden: Ihre Regiearbeit „Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen“ kam bei der Kritik und dem Publikum gut an. Mit „The LEGO Movie“ legten sie einen noch erfolgreicheren Film nach, der mit Herz, Ironie und Einfallsreichtum all jene Lügen strafte, die den Kinoausflug der dänischen Bauklötzchen vorab als seelenlose Werbemasche bezeichneten.

    Der von Lord und Miller produzierte „Spider-Man: A New Universe“ gewann dann sogar den Oscar für den besten Animationsfilm, was nicht zuletzt am ungewöhnlichen Animationsstil des MARVEL-Films lag. Auch die neueste Lord-und-Miller-Produktion, das Netflix-Original „Die Mitchells gegen die Maschinen“, setzt auf eine originelle Optik. Darüber hinaus erzählen Regisseur Michael Rianda und sein Co-Regisseur Jeff Rowe eine ebenso energiegeladene wie lustige Familiengeschichte – und zwar ausgerechnet während der Roboterapokalypse…

    Der Roadtrip der Millers endet eh schon im totalen Chaos ...


    Für die filmvernarrte Katie Mitchell (Stimme im Original: Abbi Jacobson) wendet sich nach einer Kindheit als Außenseiterin alles zum Guten: Die Hobbyregisseurin wurde an der Filmschule ihrer Träume angenommen und hat online bereits Freundschaften mit ihren zukünftigen Kommiliton*innen geschlossen! Vor ihrem (überaus fantasievollen) geistigen Auge sieht sie bereits, wie sie ihren heimatlichen Familientrubel endlich hinter sich lässt – und angesichts des ständigen Unverständnisses, das ihr naturverbundener Vater ihren Plänen entgegenbringt, überlegt sie sogar, einen radikalen Strich zu ziehen.

    Das sorgt für Stress zwischen ihrem tollpatschigen Vater Rick (Danny McBride) und ihrer hibbeligen Mutter Linda (Maya Rudolph) – woraufhin Rick einen eigenwilligen Weg beschreitet, um die Beziehung zu seiner Tochter zu kitten: Er storniert Katies Flug, um stattdessen einen tagelangen Roadtrip zur Uni zu wagen. Was als versöhnender Familienausflug gedacht ist, führt dazu, dass sich Katie endgültig nur noch ihrem Handy, ihrem dinobesessenen Bruder Aaron (Michael Rianda) und Familien-Mops Monchi widmet. Ihre Eltern sind für sie gestorben. Bis plötzlich die Robo-Apokalypse losbricht…

    Erst mal WLAN, dann der ganze Rest


    Sony Pictures hatte den Film zwischenzeitig in „Connected“ umgetauft, bevor er im Zuge des Verkaufs an Netflix wieder seinen ursprünglichen Titel „Die Mitchells gegen die Maschinen“ zurückbekam. Vielleicht wurde „Connected“ als zu generisch erachtet – dabei passt der Titel wie die Faust aufs Auge: Michael Rianda und Jeff Rowe entwerfen hier ein Abenteuer, in dessen Lauf die Bindungen innerhalb der Mitchell-Familie wieder hergestellt werden – und zugleich nutzt das Duo den Plot rund um einen Angriff böser Künstlicher Intelligenzen, um immer wieder Seitenhiebe auf unsere Abhängigkeit von digitaler Vernetzung zu platzieren. So dreht sich ein treffender Running Gag etwa darum, dass Menschen für das Versprechen von Gratis-WLAN augenblicklich sämtliche Vernunft über Bord werfen.

    „Technikaffine Tochter und technikverdrossener Vater müssen wieder zueinander finden“ – diese Prämisse lässt womöglich einen schmalzigen Familienfilm erwarten, in dem die Protagonisten gerade aufgrund ihrer Gegensätzlichkeit voneinander lernen können. Aber zum Glück schlagen in „Die Mitchells gegen die Maschinen“ sowohl die Einflüsse der produzierenden Selbstironie-Experten Lord & Miller sowie die Wurzeln des Regie/Autoren-Duos Rianda & Rowe immer wieder voll durch: Wie zuvor schon in der umjubelten Disney-Trickserie „Willkommen in Gravity Falls“ vereinen Rianda und Rowe auch hier wieder kauzige Charaktere und einfallsreiche Situationskomik mit einer nuancierten Darstellung der zentralen Konflikte.

    ... und dann kommt auch noch eine Robo-Apokalypse dazu!


    Selbst wenn die ständigen Behauptungen der Mitchells, sie wären ja so schräg und einzigartig, letzten Endes übertrieben sind (hinter der Fassade ein paar spezieller Spleens stecken vor allem Missverständnisse, wie sie auch bei den „Simpsons“ vorkommen könnten): Rianda und Rowe entwerfen hier eine Familienbande, die ebenso amüsant ist wie sympathisch, so dass man ihnen selbst ohne apokalyptischem Trubel die Daumen für eine baldige Versöhnung drücken würde. Die durch Smartphones verursachte Attacke fortschrittlicher Roboter lenkt jedoch nicht von der emotionalen Handlungsebene ab: Wie schon in „Willkommen in Gravity Falls“ dient auch in „Die Mitchells gegen die Maschinen“ das absurde Bedrohungselement dazu, die Familienmitglieder zugespitzt auf die Probe zu stellen und ihnen ihre eigenen Ängste sowie die Hoffnungen der anderen Familienmitglieder vor Augen zu führen.

    Selbstredend bietet die Robo-Apokalypse aber auch die Grundlage für zahlreiche Gags, wo dann auch die Lord-und-Miller-Stilistik zum Zuge kommt: „Die Mitchells gegen die Maschinen“ hat das komödiantische Tempo und die selbstironische Attitüde eines „The LEGO Movie“ oder „21 Jump Street“. Ausgerechnet in einem Sony-Film wird hier über die Amoralität von E-Mail-Hacks gescherzt (man erinnere sich an den berüchtigten Sony-Leak vor ein paar Jahren). Zudem sind es ausgerechnet mit Smartchips ausgestattete Toaster und Tennisschläger, die das mögliche Ende der Welt besiegeln: „Die Mitchells gegen die Maschinen“ stichelt ebenso neckisch wie clever gegen das digitale Zeitalter, ohne dabei je in eine heuchlerische „Früher war alles besser“-Moral abzugleiten.

    Sony arbeitet weiter an einem ganz eigenen Stil


    Auf visueller Ebene beweist Sony Pictures Animation erneut, dass das Studio auf einem guten Weg ist, sich seine eigene Nische aufzubauen: Statt solche detaillierten Bilderwelten wie die Trickfilme von Disney oder Pixar zu bieten, trumpft auch „Die Mitchells gegen die Maschinen“ wieder mit einem sehr quirligen, cartoonartigen Stil auf. Stark karikierte Figuren flitzen hier durch eine Filmwelt, in der Gegenstände und Landschaften so wirken, als hätte man sie erst aufgebläht und dann etwas zerknautscht. Diese chaotische Ästhetik steht der kühlen, geradlinigen Visualität entgegen, die von den attackierenden Robotern und ihrer Herrscherin ausgeht – ein simples, aber effektives Stilmittel, um die alte und die moderne Welt auch ästhetisch abzugrenzen.

    Krakelige Zeichentrickelemente, die Katies Gedankenwelt visualisieren sowie den Stil ihrer Amateurvideos imitieren, mischen das bunte Treiben zusätzlich auf. Und in all diesem freudigen Gewusel gehen dennoch nicht die charakterbildenden Kleinigkeiten unter: Details wie Katies bekritzelten Hände oder ihr Tick, bei Nervosität an ihrem Hoodie zu kauen, erden das Ganze und sorgen für den nötigen Schuss Glaubwürdigkeit im komödiantischen Koffeinschock-Getümmel.

    Fazit: Eine Chaosfamilie geht auf Reisen – und wird durch Zufall zur letzten Hoffnung der Menschheit. Oder ist nicht vielmehr der mögliche Untergang der Menschheit die letzte Chance für den Familienfrieden der Mitchells? So oder so: „Die Mitchells gegen die Maschinen“ vereint eine kreative Ästhetik mit Dauerfeuerhumor und sympathischen Figuren, die einen angesichts der um sie herum losbrechenden Robo-Apokalypse erstaunlich plausiblen Familienzwist durchzustehen haben.

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