"Guardians Of The Galaxy" light
Von Julius VietzenWohin geht die Reise für das neugestartete DC-Universum? Bekommen die Architekten James Gunn und Peter Safran die Gelegenheit, ihren Masterplan für das DCU über mehrere Jahre ungestört in die Tat umzusetzen? Oder bricht auch der zweite Anlauf in sich zusammen, bevor er richtig gestartet ist – so wie vor wenigen Jahren das maßgeblich von Zack Snyder geprägte DCEU um „Man Of Steel“ und „Justice League“? Diese Fragen stellen sich aktuell umso mehr, da der DC-Mutterkonzern Warner Bros. vor der Übernahme durch Konkurrent Paramount Skydance steht – und Gunn und Safran wohl bald einen neuen Boss haben. Damit das DCU eine Zukunft haben kann, sollte es nach dem soliden Start mit „Superman“ unbedingt weiter bergauf gehen. Stattdessen ist der zweite DCU-Film „Supergirl“ jedoch ein Schritt zurück.
„Superman“ hatte als knallbunt-durchgeknallter Comic-Blockbuster eine klare eigene Identität, auch wenn der Film hier und da spürbar unter dem Gewicht strauchelte, (mal wieder) ein ganzes Universum etablieren zu müssen. „Supergirl“ hat solche Probleme nicht. Schließlich ist der Film bis auf kurze Auftritte von Superman (David Corenswet) und DC-Kopfgeldjäger Lobo (Jason Momoa) ein lupenreiner Solofilm. Dafür fehlt „Supergirl“ jedoch eine eigene Handschrift – stattdessen fahren Regisseur Craig Gillespie („Cruella“) und Drehbuchautorin Ana Nogueira (die auch die kommenden DCU-Filme „Wonder Woman“ und „Teen Titans“ schreibt) ein Potpourri aus allzu bekannten Elementen auf: Aliens, Raumschiffe und fremde Planeten wie in James Gunns „Guardians Of The Galaxy“-Filmen, die düster-grüblerische Bildsprache des Snyderverse – und dazu triumphal inszenierte Momente wie in „Superman“, die allerdings nur selten zünden.
Warner Bros.
Kara Zor-El alias Supergirl (Milly Alcock) lässt sich anlässlich ihres 23. Geburtstags in einer Bar auf dem Planeten Holzherr so richtig volllaufen, als die junge Ruthye (Eve Ridley) hereinstürmt. Das 13-jährige Mädchen ist auf der Suche nach jemandem, der ihr dabei hilft, den Briganten-Anführer Krem von den Gelben Hügeln (Matthias Schoenaerts) zu töten, der ihre Familie auf dem Gewissen hat. Stattdessen schnappen sich die Halunken jedoch Ruthyes von ihrem Vater geschmiedetes Schwert – weswegen sich Supergirl genötigt sieht, einzugreifen, obwohl sie eigentlich einfach nur in Ruhe saufen will.
Am nächsten Morgen steht Ruthye natürlich prompt vor der Tür von Supergirls auf einer Art Campingplatz geparktem Raumschiff, um sie um Hilfe zu bitten. Aber erst, als Krem ihr Raumschiff stiehlt und auch noch Karas geliebten Hund Krypto vergiftet, schließt sie sich widerwillig Ruthyes Mission an. Schließlich besitzt Krem das einzige Gegenmittel, um Krypto doch noch zu retten ...
Ein sterbender Hund als Plot-Triebfeder, dazu der immer wieder eingeblendete Countdown auf der Uhr, die Supergirl als einziges Andenken von ihrem Vater erhalten hat, bevor sie per Raumkapsel von der dem Untergang geweihten kryptonischen Stadt Argo auf die Erde geschickt wurde: Angesichts dieser klaren Figuren-Motivation sollte man eigentlich glauben, dass „Supergirl“ das Publikum von der ersten Minute an packt. Doch das Gegenteil ist der Fall.
Wie so vieles andere an „Supergirl“ wirkt auch die Handlung des Films eher beliebig – und das nicht nur, weil die Jagd nach dem Gegenmittel zwischendurch immer wieder ein wenig in Vergessenheit zu geraten scheint. Wenn Kara und Ruthye auf der Suche nach Krem mit einer Art Weltall-Reisebus unterwegs sind und dabei allerlei skurrile Aliens treffen, ist das zwar dank vieler handgemachter Sets, Masken und Kostüme nett anzusehen, wirkt jedoch wie ein weniger gelungener (weil weniger origineller) Abklatsch von „Guardians Of The Galaxy“.
Warner Bros.
Auch der Auftritt von Lobo fügt sich nicht unbedingt nahtlos in die Handlung ein. Der intergalaktische Kopfgeldjäger bringt allerdings immer wieder etwas Schwung in das sonst eher vor sich hin dümpelnde Treiben. Denn in dieser rüpelhaft-charmanten Rolle ist Jason Momoa sogar noch besser als bei seinem DCEU-Heldenpart als Aquaman. Und wenn er mit Zigarre, Kettenhaken und Weltraum-Motorrad durch einen Haufen Briganten rast, macht das schlicht und einfach eine Menge Spaß.
Auch in den spektakuläreren Sequenzen ist der Einfluss von James Gunn deutlich spürbar (Stichwort: Musikeinsatz). Aber während diese in „Superman“ immer mal wieder für Gänsehaut sorgten, bleibt die Action in „Supergirl“ insgesamt zu wenig in Erinnerung. Dabei versucht Regisseur Craig Gillespie zwar durchaus, an die triumphalen Momente von „Superman“ anzuknüpfen, aber am Ende bleiben die sehenswerten Stellen in „Supergirl“ dennoch rar gesät. Dazu gehört etwa ein Kampf gegen drei Weltraum-Piratinnen, bei dem Teleporter mit Glitch-Effekt zum Einsatz kommen – oder eine in einer langen, schnittlosen Einstellung gedrehte Briganten-Prügelei.
Die betont unblutige Inszenierung macht die Action einfach zu schwerelos und häufig fehlt in diesen Szenen ein klares Gefühl für Motivationen und Konsequenzen. Auch Bösewicht Krem passt da gut ins Bild, der zwar eigentlich noch fieser als in der Comicvorlage daherkommt, aber trotzdem absolut blass agiert – in Erinnerung bleiben weniger seine teuflischen Taten als seine Gesichtspiercings und seine Angewohnheit, bei fast jedem seiner Auftritte etwas zu essen.
Warner Bros.
Am stimmungsvollsten sind da noch die immer wieder eingestreuten Flashbacks in Karas Vergangenheit. Solche Szenen bremsen sonst gerne mal die Handlung aus, doch diese kommt bei „Supergirl“ ja ohnehin nie so richtig in Gang. Wenigstens in diesen Rückblenden beweisen Craig Gillespie und Kameramann Rob Hardy („Ex Machina“) ein gutes Händchen für stimmungsvolle Bilder vom Untergang Kryptons, von der schlussendlich vergeblichen Rettung der Stadt Argo und von dem damit einhergehenden Trauma der jugendlichen Kara. Das hinterlässt ordentlich Eindruck, selbst wenn „Supergirl“ hier manchmal mehr wie ein Begleitfilm zu Zack Snyders grüblerisch-melancholischem „Man Of Steel“ als zu James Gunns knallbuntem „Superman“ wirkt.
Sowieso hätte ein bisschen mehr „Superman“ wohl auch „Supergirl“ gutgetan. Der erste DCU-Film war genauso skurril und facettenreich wie die DC-Comics und hob sich genau dadurch von „Man Of Steel“ & Co. ab. „Supergirl“ hingegen entfernt sich immer wieder deutlich von der Comicvorlage „Supergirl: Woman Of Tomorrow“ von Tom King und Bilquis Evely. Aber das geschieht selten zum Guten – angefangen vom austauschbaren Look des Films, der sich kaum von einem anderen Blockbuster dieser Preisklasse unterscheidet (inklusive einiger unschön verwaschener Hintergründe), bis hin zum Ende, das aufgrund einer entscheidenden Änderung wohl als einziges Element des Films noch für weitergehende Diskussionen sorgen dürfte.
Fazit: Ein ausgesprochen generischer Superhelden-Blockbuster ohne wirkliche eigene Identität, der über die für Genre-Verhältnisse kurze Laufzeit von 108 Minuten aber dennoch leidlich gut unterhält.