Toy Story 5
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Toy Story 5

Quentin Tarantino ist selbst schuld, wenn er sich das entgehen lässt!

Von Christoph Petersen

Es ist sicher keine Seltenheit, dass Regisseur*innen Filme loben. Aber kaum eine Schwärmerei hat so sehr die Runde gemacht wie die Aussage von Quentin Tarantino, dass „Toy Story 1 – 3“ für ihn die perfekte Trilogie darstelle. Vermutlich hat das auch mit dem Überraschungseffekt zu tun, dass ausgerechnet das Mastermind hinter „Pulp Fiction“ und „Kill Bill“ einen animierten Familienstoff – vor „Der Pate“ oder „Der Herr der Ringe“ – als das Nonplusultra auszeichnet. Allerdings erklärte Tarantino im selben Interview auch, dass er sich die weiteren Teile der Reihe aus genau diesem Grund nicht ansehen werde – und das ist ganz schön blöd. Schließlich hat sich nicht nur „A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando“ vor sieben Jahren als zutiefst berührendes, immens kreatives, unglaublich lustiges und technisch bahnbrechendes Animations-Abenteuer erwiesen …

… auch „Toy Story 5“ von Pixar-Legende Andrew Stanton („Findet Nemo“, „Wall-E“) setzt die einzigartige Qualitäts-Erfolgsserie fort! Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich Tarantino anschließe, dass „Toy Story 1 - 3“ wirklich die beste Trilogie aller Zeiten ist – aber eine bessere Pentalogie als „Toy Story 1 – 5“ wird man wohl tatsächlich kaum finden! Dabei treten die bisherigen Spielzimmer-Helden Woody (Stimme im Original: Tom Hanks, in der deutschen Fassung: Michael Bully Herbig) und Buzz (Tim Allen, Walter von Hauff) erstmals einen Schritt zurück, um Platz für Jessie (Joan Cusack, Carolin Hartmann) zu machen, die als neue Protagonistin die Führung übernimmt. Eine kluge Entscheidung, und zwar nicht nur, weil Frauen unter 25 die stärkste Gruppe des „Toy Story“-Publikums ausmachen – denn auch sonst bringt das aufgeweckte Cowgirl frischen Wind in das Franchise.

Jessie und die anderen Spielzeuge sind gar nicht happy, dass ihre Besitzerin vom Aufstehen bis zum Schlafengehen nur noch auf den Bildschirm ihres Kinder-Tablets starrt! Disney und seine verbundenen Unternehmen
Jessie und die anderen Spielzeuge sind gar nicht happy, dass ihre Besitzerin vom Aufstehen bis zum Schlafengehen nur noch auf den Bildschirm ihres Kinder-Tablets starrt!

Jessie tut alles, um für ihre Besitzerin Bonnie menschliche Freund*innen zu finden. Aber das ist gar nicht so leicht, denn offenbar ist die Achtjährige inzwischen das einzige Kind in der Nachbarschaft, das noch analog spielt. Alle anderen hängen nur vor ihren Tablets – und auch Freundschaften werden allenfalls in Apps abgeschlossen. Selbst bei Übernachtungspartys sitzen die Mädchen zwar physisch im selben Raum, interagieren aber trotzdem nur über ihre Bildschirme miteinander. Als Bonnie von ihren Chat-Freundinnen für ihre klassischen Spielzeuge gemobbt wird, landen Jessie und ihre Crew in einem Karton in der Garage. Stattdessen zählt vom Aufstehen bis zum Schlafengehen fortan nur noch das froschförmige Tablet Lilypad (Greta Lee).

Zwar kommt ihr Woody, der inzwischen mit seiner Freundin Porzellinchen (Annie Potts, Cathlen Gawlich) einen Rettungstrupp für verlorengegangene Spielzeuge betreibt, zur Hilfe. Aber am Ende muss Jessie die Welt für Bonnie wieder in Ordnung bringen – auch wenn sie dabei zunächst einmal einen ungeplanten Zwischenstopp auf dem Bauernhof ihrer früheren Besitzerin Emily einlegt, wo sie sich mit einem technisch rückständigen und deshalb ebenfalls aussortierten Töpfchen-Lern-Spielzeug in Form einer Toilettenpapierrolle (Conan O’Brien) zusammenschließen muss …

Anliegen? Ja! Platt? Nein!

Nach der stürmisch-matschigen Nacht zu Beginn von „A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando“ startet auch „Toy Story 5“ mit einem dicken, fetten animationstechnischen Ausrufezeichen: Aus den sich langsam öffnenden Augen eines Erwachenden erspähen wir den nassen Sand einer Insel, an der offenbar ein geöffneter Transportcontainer angelandet ist. In Sachen Fotorealismus setzt diese Sequenz sogar noch mal einen drauf – und zugleich fungiert sie wie etwa der Auftakt von „Oben“ als eröffnender Quasi-Kurzfilm:

Bei der angeschwemmten Fracht handelt es sich nämlich um eine ganze Truppe von Buzz Lightyears der nächsten Generation, die nun gemeinsam eine Staffel „Survivor“ (oder für die eher literarisch Eingestellten unter euch: 400 Seiten „Robinson Crusoe“) im Zeitraffer durchspielen. Auch später schneidet „Toy Story 5“ – nach dem Vorbild von Scrat aus „Ice Age“ oder den Minions – immer wieder zu der Space-Ranger-Armada, die sich ihren Weg zurück in die Zivilisation bahnt und dabei einige der lustigsten Szenen des Films beisteuert.

Lilypad hat zwar für Bonnie ebenfalls nur beste Absichten – aber im Kinderzimmer sorgt das neu angeschaffte Frosch-Tablet trotzdem für Angst und Schrecken. Disney und seine verbundenen Unternehmen
Lilypad hat zwar für Bonnie ebenfalls nur beste Absichten – aber im Kinderzimmer sorgt das neu angeschaffte Frosch-Tablet trotzdem für Angst und Schrecken.

Aber „Toy Story 5“ unterhält nicht nur, er hat auch etwas zu sagen: Wenn Bonnie nach dem Aufwachen die Arme nach oben reckt, aber dann noch während des ersten Gähnens ganz selbstverständlich nach ihrem Lilypad greift, ist die Bewegung so perfekt getroffen, dass man sich auch als Zuschauender sofort „erwischt“ fühlt. Das haben wir schließlich alle schon mal gemacht (wenn es nicht gar zu unserem allmorgendlichen Ritual geworden ist). Nun macht es Familienfilme nicht zwingend besser, wenn sie eine bestimmte Absicht verfolgen, oft ist sogar eher das Gegenteil der Fall.

Aber zum einen geht es wirklich zu Herzen, wenn Bonnie in den Chats mit ihren virtuellen Freundinnen zum Bullying-Opfer wird, und zum anderen wird die Online-Vernetzung nicht platt als Wurzel allen Übels abgestempelt. Stattdessen ist „Toy Story 5“ auch deshalb so tragisch, weil Lilypad eigentlich nur das Beste für Bonnie will, aber sie gerade deshalb ins Verderben stößt – die Parallelen zur KI (auch in Bezug auf die nicht mehr benötigten Spielzeuge) liegen da auf der Hand und werden die erwachsenen Begleitpersonen vermutlich sogar noch direkter treffen als das kindliche Publikum.

Nicht einfach nur fotorealistisch

Es geht in „Toy Story 5“ auch darum, dass man die eigene (kindliche) Fantasie nicht vollständig in den virtuellen Raum auslagern sollte – und um das zu visualisieren, haben sich die Verantwortlichen auch in Sachen Animation etwas einfallen lassen: Während die „Toy Story“-Reihe als technische Speerspitze des Genres immer nach einem möglichst realistischen Aussehen gestrebt hat, gibt es in „Toy Story 5“ nun auch immer wieder Passagen, die – in der Tradition von „Der gestiefelte Kater 2“ oder „Spider-Man: A New Universe“ – in einem bewusst abstrakt-verfremdeten Bilderbuch-Look gehalten sind. So wird die Vorstellungskraft von Bonnie auch für das Publikum greifbar – und wer will nicht unbedingt wissen, wer die T-Rex-Trauzeugin bei der Gabel-Hochzeit heimtückisch vergiftet hat?

Fazit: Gelacht! Geweint! Auch nach dem fünften Teil gibt es absolut keinen Grund, die „Toy Story“-Reihe wie ein aussortiertes Spielzeug auf dem Dachboden einzumotten – ganz im Gegenteil: Selbst Quentin Tarantino sollte sich unbedingt einen Ruck geben, sonst verpasst er wirklich etwas!

Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
Das könnte dich auch interessieren