Minions & Monster
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Minions & Monster

Im bananengelben Rausch der Ekstase

Von Stefan Geisler

Auch wenn der Kinostart diesmal ohne eigenen TikTok-Hype – wir alle erinnern uns an die #GentleMinions – auskommen muss, sind die dauerbrabbelnden Chaoten als popkulturelles Phänomen einfach nicht totzukriegen. Längst aus dem Schatten der eigentlichen „Ich – Einfach unverbesserlich“-Hauptfiguren hervorgetreten, haben die hauptberuflichen Sidekicks mit ihrem eigenen Milliarden-Dollar-Hit „Minions“ direkt bewiesen, dass sie am weltweiten Box Office auch sehr sicher auf eigenen Beinen stehen können. Während die Geschichte des geläuterten Superschurken Gru bereits seit dem zweiten Teil der Hauptreihe weitestgehend auserzählt ist, gestalten sich die Minions-Soloabenteuer sehr viel abwechslungsreicher – einfach deshalb, weil die Verantwortlichen bei der Auswahl des Settings von der Urzeit bis in die Disco-Ära der Siebziger in „Minions 2: Auf der Suche nach dem Mini-Boss“ freie Wahl haben.

Während sich der Vorgänger aber noch wie ein Prequel zu „Ich – Einfach unverbesserlich“ anfühlte, kommt „Minions & Monster“ nun erstmals (fast) komplett ohne Gru und seine Adoptivkinder aus. Sogar die Minions selbst wurden im dritten Anlauf ausgetauscht: Statt Kevin, Stuart und Bob verfolgen wir diesmal einen anderen Stamm der gelben Helferlein bei ihrer Suche nach einem geeigneten Bösewicht-Boss. Eine gute Entscheidung! „Minions & Monster“ befreit sich zumindest in der ersten Hälfte von sämtlichem Story-Ballast und frönt stattdessen hemmungslos dem eigenen Schwachsinn. Und das ist diesmal nicht nur für Kinder ein herrlich chaotisches Vergnügen, sondern speziell auch für Kinoliebhaber*innen jeden Alters – denn „Minions & Monster“ zelebriert zugleich erstaunlich liebevoll die frühen Tage der Traumfabrik Hollywood.

Die Minions suchen auch diesmal wieder nach einem fiesen Bösewicht, dem sie dienen können ... Universal Pictures
Die Minions suchen auch diesmal wieder nach einem fiesen Bösewicht, dem sie dienen können ...

Die Minions haben nur ein zentrales Ziel im Leben: den perfekten Bösewicht zu finden – und ihm dann mit vollem Einsatz zur Seite zu stehen. Aber ein solches Vorhaben lässt sich kaum umsetzen, solange man solche tollpatschigen Minions wie James und Henry (alle Minions werden von ihrem Erfinder Pierre Coffin gesprochen) in der Truppe hat. Das Duo sorgt mit seinen unüberlegten Aktionen immer wieder für reichlich Chaos – was so manchem Schurken sogar den Kopf kostet. Nach Jahrhunderten des glücklosen Umherstreifens kommen die Minions irgendwann im Hollywood der späten 1920er-Jahre an – und landen kurzerhand selbst vor der Kamera!

Der Regisseur Max (Christoph Waltz) macht aus den gelben Unruhestiftern echte Filmstars – und schon bald haben die Minions die Traumfabrik fest in der Hand! Aber während sie noch ihren neugewonnenen Starruhm genießen, kommt mit dem Tonfilm der Abstieg. Denn es stellt sich heraus, dass die Minions wahnsinnig schlecht Texte nachsprechen können – selbst ein einfaches „Rosebud“ will ihnen nicht fehlerfrei über die Lippen gehen. Zudem kommt ihr Kauderwelsch weder bei den Firmenbossen noch beim Publikum gut an. Also schmieden die ins Abseits manövrierten Minions einen Plan: Sie wollen selbst einen Film drehen - und alles, was sie dazu brauchen, ist ein echtes Monster …

Tiefe Verbeugung vor Hollywood

Der Einstieg gibt die Marschroute für die folgenden 90 Minuten vor. Nach einer modifizierten Version des bekannten Illumination-Logos im Look alter Max-Fleischer-Cartoons gibt es eine temporeiche Reise durch die frühe Geschichte des Kinos, die enthüllt, dass die Minions eigentlich schon immer Teil der Kinohistorie waren – wir haben nur nie genau genug hingesehen. Frühe filmische Zeugnisse wie „Arbeiter verlassen die Lumière-Werke“, „Der begossene Gärtner“ oder „Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat“ werden plötzlich minionifiziert – und auch der fantastische Klassiker „Die Reise zum Mond“ aus dem Jahr 1902 ist trotz Schwarz-Weiß vor dem bananengelben Wahnsinn nicht sicher.

Die ersten 45 Minuten quellen regelrecht über vor Referenzen, die mal mehr, mal weniger offensichtlich in die launige Gagparade eingebunden werden. Die Verweise reichen dabei von Orson Welles („Citizen Kane“) über Erich von Stroheim („Die lustige Witwe“) bis zu Michael Curtiz („Casablanca“) und Quentin Tarantino („Kill Bill“). „Star Wars“-Erfinder George Lucas spricht sogar eine Version seiner selbst – und ist dafür sogar extra aus seinem Ruhestand zurückgekehrt. Es ist wahrscheinlich gar nicht möglich, bei der Fülle an berühmten Personen und Anspielungen alle Easter Eggs beim ersten Mal ausfindig zu machen – zumal es im allgegenwärtigen Gewusel ohnehin schwierig ist, immer den Überblick zu behalten.

... und landen bei ihrer Mission im Hollywood der Goldenen Zwanziger! Universal Pictures
... und landen bei ihrer Mission im Hollywood der Goldenen Zwanziger!

„Minions & Monster“ fühlt sich stellenweise an, als sei der zu Unrecht untergegangene Hollywood-Exzess „Babylon – Rausch der Ekstase“ mit Margot Robbie und Brad Pitt einmal durch den Minion-Fleischwolf gedreht worden. Eine überschwängliche Traumfabrik-Party mit Minions, Elefanten und reichlich Schampus – passend unterstrichen vom wunderschön klassisch gehaltenen Orchester-Score von „Drachenzähmen leicht gemacht“-Komponist John Powell. Mit besonders viel Liebe werden zudem die berühmten Stunts der Stummfilmkomödianten Buster Keaton („Dampfer-Willis Sohn“), Harold Lloyd („Ausgerechnet Wolkenkratzer!“) und Charlie Chaplin („Moderne Zeiten“) nachgestellt.

Diese spezielle Ehrerweisung ergibt Sinn, schließlich ist auch „Minions & Monster“ ein Slapstick-Fest alter Schule und sich seiner historischen Vorbilder offensichtlich bewusst. Hier fliegen Torten, Augen werden gepiekt und Hintern versohlt – es ist schon wirklich ein launiges Treiben, auch wenn nicht jede Pointe sitzt. Gerade die Verbindung aus flott inszenierter Action und visuellen Gags funktioniert erstaunlich gut, wobei sich eine ungewöhnliche Zugverfolgungsjagd als gelungener Setpiece-Höhepunkt der ersten Hälfte erweist. Hier bleibt buchstäblich kein Stein auf dem anderen – wobei die Minions nur mit vereinten Körperkräften eine Katastrophe nach der anderen verhindern können und dabei trotzdem halb Hollywood in Schutt und Asche legen.

Zumindest im Finale knallt’s dann wieder

Es ist fast erwartbar, dass dieses rasante Einstiegstempo nicht durchgehend gehalten werden kann – und tatsächlich gerät der Film bei dem Versuch, die Gagparade um eine Minimalhandlung zu erweitern, ins Straucheln. Die Geschichte um den Robotermann Dort (im Original: Jesse Eisenberg / deutsche Stimme: Tom Kaulitz) und den niedlichen Miniatur-Cthulhu Goomi (Trey Parker / Bill Kaulitz) erweist sich als eher ödes Unterfangen, auch weil die Minions plötzlich wieder in ihre Sidekick-Rolle zurückgedrängt werden und deutlich weniger interessanten Figuren die Bühne überlassen müssen. Während der sinistre Plan von Goomi zumindest noch die Handlung zäh vorantreibt, bringt die Liebesgeschichte zwischen Dort und der engagierten Frauenrechtlerin Debbie (Zoey Deutch) keinerlei Mehrwert für den Film. Selbst die größten Romantiker*innen im Publikum dürften hier kaum Schmetterlinge im Bauch verspüren.

Trotz einiger netter Einfälle auch in diesem Abschnitt schleichen sich bei einer Spielzeit von nur 90 Minuten spürbare Längen in der zweiten Hälfte ein. Das fühlt sich mitunter fast wie das Erwachen nach einem heftigen Zuckerschock an. Langsam meldet sich die Vernunft zurück und man fragt sich, ob es tatsächlich sein kann, dass sich ausgerechnet die Minions so liebevoll vor den Anfängen der Filmindustrie verbeugen. Doch keine Sorge: Spätestens zum großen Finale, das ausgiebig die Science-Fiction-Welle der 1950er-Jahre wie „Blob – Schrecken ohne Namen“ oder „Der Tag, an dem die Erde stillstand“ zelebriert, dürfen die Minions wieder kräftig aufs Quatschpedal treten – und dabei sogar schweres Geschütz auffahren.

Fazit: Die Minions-Antwort auf „Babylon – Rausch der Ekstase“! In seinen besten Momenten ist das Animationsabenteuer ein hemmungsloses Spektakel, das auf seine ganz eigene Art die Wurzeln des klassischen Hollywood-Kinos ehrt – und dabei sowohl großen als auch kleinen Kinofans Freude bereiten wird. Bei so viel Liebe für die Filmgeschichte lässt sich auch über so manchen Durchhänger in der Mitte hinwegsehen – zumal das unterhaltsame Finale einen dann doch wieder ziemlich versöhnt aus dem Kinosaal entlässt.

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