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    Concrete Cowboy
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Concrete Cowboy

    Netflix-Cowboys mit Joints, Rap und Dosenbier

    Von Björn Becher
    Wie vielfältig der Black Western sein kann, zeigte zuletzt etwa eine Retrospektive des US-Streamingdienstes Criterion, bei dem so unterschiedliche Werke wie John Fords elegischer Klassiker „Der schwarze Sergeant“ und der funkige „Thomasine & Bushrod“ mit Blaxploitation-Legende Vonetta McGee nebeneinanderstanden. Das Netflix-Drama „Concrete Cowboy“ verweist in einzelnen Momenten auf solche Vorgänger, fügt dem Genre aber vor allem eine ganz neue Facette zu. Der Film spielt nämlich nicht im Wilden Westen – sondern in der Gegenwart, wo die Protagonisten zudem mit ganz aktuellen Problemen zu kämpfen haben.

    Ricky Staub verneigt sich in seinem Regiedebüt vor den schwarzen Reiterinnen und Reitern der Fletcher Street in Philadelphia, die auch heute noch auf Pferden durch ihr Viertel galoppieren. Wenn zu Beginn des Abspanns einige der realen Flechter Street Rider, die zuvor auch in Schauspielrollen zu sehen waren, über ihre Berufung sprechen, macht das aber auch deutlich, wie viel interessanter „Concrete Cowboy“ noch hätte werden können. Zu oft stehen die authentischen Einblicke und die famosen Bilder hinter einer sehr oberflächlich erzählten Coming-Of-Age-Story zurück.

    Idris Elba und "Stranger Things"-Star Caleb McLaughlin als moderne Cowboys


    Weil er nach einer Prügelei mal wieder von einer Schule in Detroit geflogen ist, wird Cole (Caleb McLaughlin) von seiner Mutter (Liz Priestley) nach Philadelphia geschickt. Dort soll der Teenager den Sommer über bei seinem Vater Harp (Idris Elba), den er seit über zehn Jahren nicht gesehen hat, zur Vernunft kommen. In der neuen Stadt taucht Cole in eine Welt ein, an die er keine Erinnerung mehr hatte. Denn der schweigsame und strenge Harp ist Teil einer Gruppe moderner Cowboys – so richtig mit Pferden, die im Fall von Harp sogar mit im eigenen heruntergekommenen Haus leben.

    Cole trifft aber auch auf seinen Kindheitsfreund Smush (Jharrel Jerome), der nun mit Drogen dealt und ihn mit angeblich leicht verdienten Geld lockt. Während sein Vater ihm die kalte, harte Schulter zeigt, zieht der Jugendliche immer öfter mit Smush los. Doch einige der anderen Flechter Street Rider, allen voran der im Rollstuhl sitzende Stallbesitzer Paris (Jamil Prattis) und die taffe Esha (Ivannah Mercedes), schaffen es, Cole nach und nach für ihre Welt zu interessieren...

    Cowboys der Großstadt


    Im Abspann von „Concrete Cowboy“ erzählt Ivannah Mercedes, die zu den vielen realen Fletcher Street Rider im Cast gehört, wie immer wieder Leute mit großer Verwunderung und Überraschung auf sie reagieren. Pferde auf den Straßen der Großstadt Philadelphia im 21. Jahrhundert? Das kann sich kaum jemand vorstellen. Und so dürfte es auch einem Großteil des Publikums gehen, das gemeinsam mit Cole und großen Augen in eine Welt eintauchen kann, die zwar anachronistisch wirkt, aber im selben Moment auch einen ganz besonderen Reiz offenbart.

    Regisseur und Drehbuchautor Ricky Straub zeigt eine enge Gemeinschaft, die vor harten Herausforderungen steht. Ihr Viertel ist heruntergekommen, an den Ecken werden Drogen gedealt und viele Jugendliche schließen sich Gangs an. Zudem rückt die Gentrifizierung näher. Schicke Wohnblocks entstehen, wo kürzlich noch Ställe standen. An der Ecke, an der Paris das letzte Mal mit seinem ermordeten Bruder ritt, steht nun ein Starbucks. Und die neue Hipster-Klientel rümpft ob der stinkenden Ställe die Nase, weshalb auch ziemlich sicher der letzte bald Appartements Platz machen und verschwinden wird.

    Smush will, dass Caleb in seine Geschäfte einsteigt...


    Allerdings rückt das Porträt der ganz Western-typisch für ihre Freiheit und ihren Platz kämpfenden Männer und Frauen nach und nach in den Hintergrund. Immer größeren Raum nimmt in der Adaption des Romans „Ghetto Cowboy“ von Greg Neris stattdessen die Vater-Sohn-Geschichte ein. Leider gibt es hier aber kaum interessante Ansätze, viel zu schematisch werden bekannte und oft wiederholte Coming-Of-Age-Stereotypen einfach nur aufgewärmt und wiederholt. So ist es dann wenig spannend zu beobachten, wie Cole und sein Vater dann schließlich doch noch zueinanderfinden.

    Gerade im finalen Drittel droht „Concrete Cowboy“ regelrecht dröge zu werden, was dann aber das Spiel der beiden Hauptdarsteller verhindert. „Luther“-Star Idris Elba ist als knorriger Cowboy mit Selbstgedrehter im Mundwinkel voll in seinem Element. Der aus dem Netflix-Serien-Hit „Stranger Things“ bekannte Caleb McLaughlin beweist derweil, warum ihm so eine große Hollywood-Karriere prophezeit wird. Weil er so viel Wut, Verzweiflung, Kraft, aber auch immer wieder Stille in seine Performance legen kann, ist einem das Schicksal von Cole auch in den schwächeren Phasen nicht egal.

    Majestätische Erscheinungen


    Dabei helfen auch die famosen Bilder von Minka Farthing-Kohl, der mit der Handkamera den Protagonisten immer wieder ganz nahe rückt oder einer Verfolgungsjagd zusätzliche Intensität verleiht. Am stärksten sind aber jene Bilder, in denen die Reiter*innen von der Fletcher Street im Mittelpunkt stehen. Von unten gefilmt werden sie hoch zu Pferde fast magische Erscheinungen, die am städtischen Bus vorbeifliegen, bis den Passagieren die Münder vor Staunen offenstehen.

    Ihre meist in der Nacht und mit nur einer einzigen kleinen Lichtquelle gefilmten, völlig heruntergekommenen Wohnungen versprühen dann das genaue Gegenteil dieser erhabenen Magie. Sie zeigen die Reiterinnen und Reiter als Menschen, die von der modernen Leistungsgesellschaft bereits an den Rand gedrängt wurden – und es scheint sicher, dass sie bald ganz verschwinden werden. So zelebriert „Concrete Cowboy“ auch das letzte Aufbegehren gegen den Untergang. Ein klassisches Western-Motiv, wenn auch hier passend zum Setting ausstaffiert mit Joints, Rap und Dosenbier...

    Fazit: Die Netflix-Produktion „Concrete Cowboy“ ist ein außergewöhnlicher Western über eine faszinierende Community, bei dem die flache Coming-Of-Age-Geschichte als emotionaler Anker aber womöglich mehr schadet als hilft.

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