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    Candyman
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Candyman

    Sag’ bloß nicht seinen Namen!

    Von Tobias Mayer
    Horrorfilm-Reihen sterben in der Regel langsam und qualvoll. Der „Halloween“-Killer Michael Myers musste sich etwa erst einmal durch sieben mittelmäßige bis miese Fortsetzungen des grandiosen Kult-Slashers von 1978 metzeln, bis er nach Teil 8 zumindest für ein paar Jahre ruhen durfte. Im Vergleich dazu verlief der Todeskampf für den Candyman aber vergleichsweise schnell: Der Geist eines zu Tode gefolterten Schwarzen Malers spukte ab 1992 durch gerade mal drei Filme, bevor das Franchise sich mit „Candyman 3 – Der Tag der Toten“ 1999 erst ins Heimkino und anschließend für lange Zeit ganz verabschiedete – und das, obwohl der Titel „Candyman“ damals jedem Horrorfan ein Begriff war.

    Aber selbst wenn die „Candyman“-Reihe noch weitere Filme auf dem miesen Niveau des dritten Teils hervorgebracht hätte, wäre das für den Ansatz des neuen „Candyman“ egal gewesen. Der von „Get Out“-Mastermind Jordan Peele produzierte und von Regisseurin Nia DaCosta inszenierte Film ist nämlich eine direkte Fortsetzung des starken Auftakts „Candymans Fluch“, für die man die anderen beiden Filme zum Glück nicht gesehen haben muss. Das gilt allerdings nicht für den ersten Teil, denn ohne das Wissen um den Plot von „Candymans Fluch“ dürfte vielen Zuschauer*innen in diesem späten, stark inszenierten, thematisch jedoch überladenen Sequel ganz schnell die Köpfe schwirren, als würde ihnen ein Bienenschwarm um die Ohren sausen.

    Anthony (Yahya Abdul-Mateen II) verarbeitet die Legende vom Candyman in seinen Kunstwerken.


    2019 im ehemaligen Sozialwohnbau-Viertel Cabrini-Green in Chicago: Der Künstler Anthony („Aquaman“-Bösewicht Yahya Abdul-Mateen II) und die Galeristin Brianna (Teyonah Parris aus „Beale Street“) gehören zu den Gewinnern der Gentrifizierung. Das hippe Paar lebt in einer luxuriösen Eigentumswohnung, in der nichts an die ärmlichen Verhältnisse erinnert, in denen vornehmlich Schwarze hier in den Siebzigern gehaust haben. Anthonys Karriere aber steckt fest – er braucht dringend ein neues Kunstprojekt, um sich in der Szene zu behaupten. Da stößt er auf die Legende des Candyman, die mit der Siedlung Cabrini-Green eng verbunden ist.

    Dabei handelt es sich der Sage nach um den Geist des Schwarzen Malers Daniel Robitaille, der sich 1890 in eine weiße Tochter aus reichem Hause verliebte und daraufhin von einem wütenden Mob grausam ermordet wurde: Man schlug ihm die rechte Hand ab und übergoss ihn mit Honig, woraufhin Robitaille von Bienen regelrecht zu Tode gestochen wurde. Wie es heißt, kehrte der rachsüchtige Geist von Daniel Robitaille in den 1990ern nach Cabrini-Green zurück, als eine Promotionsstudentin seinen Namen fünfmal vor dem Spiegel sagte. Anthony verarbeitet die Legende in einem Kunstprojekt, das öffentlich in einer Galerie ausgestellt wird – und zwar mit einem Spiegel auf Augenhöhe der Betrachter als zentralem Element der Installation…

    Candyman, Candyman, Candyman, Candyman, Candy…


    Selbst wenn es hier und da im Internet steht, ist der Candyman keine alte urbane Legende. Er stammt auch nicht aus der Kurzgeschichte von Horror-Pabst Clive Barker, auf der der erste Film der Reihe basiert. Stattdessen wurde die Figur des Schwarzen Rächers tatsächlich erst für „Candymans Fluch“ erfunden. Und als 2018 bekannt wurde, dass ausgerechnet Jordan Peele Interesse an einem neuen „Candyman“-Film habe, erschien das sofort als stimmige Kombination: Schließlich hatte Peele mit seinem Regiedebüt „Get Out“ damals gerade er eine ebenso bissige wie clevere Abrechnung mit dem rassistischen Amerika abgeliefert – wofür er als erster Schwarzer Autor den Oscar für das Beste Originaldrehbuch erhielt. Aber im Fall von „Candyman“, an dem Peele nun als Produzent und Co-Autor maßgeblich beteiligt war, scheitert der Versuch, aus dem Slasher eine Abrechnung mit den Folgen der Sklaverei und dem bis heute anhaltenden institutionalisierten Rassismus in den USA zu machen.

    In einer Szene freut sich Anthony über sein neuestes Werk, das eine Klarheit habe, wie er sie noch nie erreicht habe – und man hätte sich etwas Ähnliches auch für den Film selbst gewünscht. Stattdessen jongliert Regisseurin Nia DaCosta nicht nur vier (!) Zeitebenen, sondern presst auch die Themenfelder Lynchjustiz, Gentrifizierung und Polizeigewalt in knackige 90 Minuten. Das hat zwar alles irgendwie mit Rassismus zu tun, wird in dieser Verdichtung aber keinem der angeschnittenen Aspekte wirklich gerecht. „Candymans Fluch“ ist da weiterhin der im Vergleich deutlich fokussiertere Film. Trotz der fehlenden Klarheit entwickelt der Rassismus-Rundumschlag des neuen „Candyman“ aber auch eine dermaßen wummernde Wut, dass man sich ihr nur schwer entziehen kann…

    Moderne Kunst: Für viele ja ohnehin der totale Horror...


    Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass der neue „Candyman“ im Unterschied zu seinen Vorgängern erstmals Schwarze Protagonist*innen hat, während in den Teilen 1-3 stets eine weiße Frau etwas über die Probleme von Schwarzen lernt, während sie ihre eigene Haut zu retten versucht. Und wenn der Candyman dann in einer langsam vorbereiteten, schließlich eruptiv-brutalen Szene den Haken gegen eine Horde verrohter Polizisten erhebt, um eine festgenommene Frau zu retten, wird der Killer für einen kurzen Moment sogar zum (Anti-)Helden der Unterdrückten.

    Ohnehin hat Produzent Jordan Peele mit der Verpflichtung von Bald-Marvel-Regisseurin Nia DaCosta („Captain Marvel 2“) einen guten Griff gemacht: Die Filmemacherin, die zuvor mit dem Drama „Little Woods“ erst einen anderen Spielfilm drehte, glänzt vor allem in den Mordszenen mit einer beeindruckenden, auf den – durch Spiegel erweiterten – Raum bedachten Inszenierung. Wenn der Candyman auf einer Mädchentoilette in der Schule wütet, weil die weißen Schülerinnen vor dem Spiegel beweisen wollten, dass an der Legende ja gar nichts dran sei, zeigt DaCosta die meiste Zeit über die eine Schwarze Außenseiterin, die mit Kopfhörern in einer Klokabine sitzt – und die erst in einem vor die Klotür gerutschten Schminkspiegel sieht, was der Candyman angerichtet hat. Ein anderer Mord passiert hinter einer Fensterscheibe, von der die Kamera langsam wegzoomt, bis die weiteren Fenster des Luxushochhauses sichtbar werden, hinter denen das privilegierte Leben einfach so weitergeht…

    Fazit: Ein stark inszenierter Slasher, der auf seinem blutigen Kreuzzug das eine oder andere Themenfass zu viel aufschlitzt.

     

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