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    Tatort: Blut
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Tatort: Blut

    Ein Horror-"Tatort" für Halloween

    Von Lars-Christian Daniels
    2017 bescherte die ARD ihren Zuschauern erstmalig einen waschechten Halloween-„Tatort“: Im Frankfurter „Tatort: Fürchte dich“ ermittelten die Hauptkommissare Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) in einem geheimnisvollen Spukhaus und wurden dabei mit allerlei paranormalen Phänomenen konfrontiert. Mit einem klassischen Sonntagskrimi hatte das nur noch wenig zu tun – und bei großen Teilen des Publikums fiel der schräge Gruselstreifen daher auch durch. Das ist für den Senderverbund aber kein Grund, die Zuschauer nicht auch in diesem Jahr wieder pünktlich zu Halloween das Fürchten zu lehren: In Philip Kochs „Tatort: Blut“ jagen die Bremer Kommissare eine Serienmörderin, die ihren Opfern das Blut aussaugt. Das Ergebnis fällt jedoch um Längen überzeugender aus als der schwache Beitrag aus Frankfurt: Driftete der Film des Hessischen Rundfunks allzu schnell in unfreiwillige Komik ab, gelingt Radio Bremen ein ebenso mutiger wie spannender Spagat zwischen klassischer Krimikost und einem mit reichlich Zitaten gespickten Ausflug ins Horrorgenre.

    Ein Mädelsabend in Bremen findet ein tragisches Ende: Wenige Minuten nachdem sich Anna Welter (Lilly Menke) und Julia Franzen (Lena Kalisch) von einer gemeinsame Freundin verabschiedet haben, wird Julia in einem Park von einer jungen Frau angefallen und verblutet mit schweren Bisswunden am Hals. Bei der Angreiferin handelt es sich um Nora Harding (Lilith Stangenberg), die zurückgezogen bei ihrem kranken Vater Wolf (Cornelius Obonya) wohnt und die Julia zufällig beim Joggen kennengelernt hatte. Weil Anna die Tat im Dunkeln beobachtet hat und das Opfer am Tatort einen letzten Notruf absetzen konnte, sind die Bremer Hauptkommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) noch in derselben Nacht vor Ort – aber zunächst ratlos. Rechtsmediziner Dr. Katzmann (Matthias Brenner) schließt einen Angriff durch ein Tier aus, und so konzentrieren sich die Ermittlungen auf einen menschlichen Täter. Oder war womöglich doch ein Vampir am Werk, wie es der Germanistikprofessor Syberberg (Stephan Bissmeier) den Kommissaren weismachen will? Lürsen hat da so ihre Zweifel. Stedefreund hingegen liest sich ins Thema ein und muss schon bald erkennen, dass das eigentlich Unmögliche Realität sein könnte…

    Lasst uns noch mal ein Feuerwerk abfackeln“, brachte Hauptdarsteller Oliver Mommsen („Die Haut der anderen“) das gemeinsame Motto von Sender und Schauspielern im Hinblick auf den 2019 anstehenden Abschied der altgedienten Bremer „Tatort“-Kommissare im Vorfeld auf den Punkt. Und sie halten Wort, denn schon die Eröffnungssequenz des vorletzten Krimis mit Lürsen und Stedefreund dürfte so manchem Horrorfan einen nostalgischen Schauer über den Rücken laufen lassen: Draußen ist es dunkel, eine junge Frau geht in die Küche und macht sich Popcorn – na klar! Die Anspielung auf Wes Cravens Meisterwerk „Scream“ bleibt bei weitem nicht die einzige in diesem Film: Regisseur Philip Koch („Picco“), der bereits den tollen Münchner „Tatort: Der Tod ist unser ganzes Leben“, den vieldiskutierten Porno-„Tatort: Hardcore“ und den bärenstarken Bremer „Tatort: Im toten Winkel“ inszenierte, schrieb das Drehbuch gemeinsam mit Autor Holger Joos („Am Ende des Tages“) und wildert fleißig in der Filmgeschichte. Neben einer Anspielung auf Stephen Sommers‘ „Van Helsing“ und einigen Anleihen aus populären Slasher- und Exorzismusfilmen findet auch das Szenenbild aus Alfred Hitchcocks Klassiker „Psycho“ seine Entsprechung – nämlich in der steilen Treppe im Wohnhaus der Hardings, die direkt nach der Eingangstür in den ersten Stock hinaufführt.

    Der hohe Unterhaltungswert der 1070. „Tatort“-Folge“ ergibt sich aber nicht allein aus plumpem Aneinanderreihen von stimmungsvollen Horror-Zitaten: Koch hält die Spannungskurve – beginnend mit dem stark inszenierten und dynamisch geschnittenen Auftaktmord im Park – konsequent hoch und gönnt dem Zuschauer dank sorgfältig dosierter Jump Scares, blutiger Schockmomente und klassischen Suspense-Anleihen nur selten längere Verschnaufpausen. Mit einer entsprechend höher budgetierten Kinoproduktion kann der Bremer „Tatort“ zwar nur selten mithalten, aber das muss er auch gar nicht: Allein die beeindruckende Performance von Nebendarstellerin Lilith Stangenberg („Wild“), die als menschlicher Vampir schon rein physisch einen wahren Kraftakt abliefert und alle anderen Schauspieler nach Herzenslust an die Wand spielen darf, ist das Einschalten wert. Damit der „Tatort“ bei seinem Ausflug ins Horrorgenre nie ganz die Bodenhaftung verliert, bedienen sich die Filmemacher eines kleinen Tricks: Die wirklich paranormalen Momente erlebt immer nur Stedefreund in nächtlichen Alpträumen oder im späteren Fieberwahn – alle anderen Phänomene und Vorfälle könnte mit natürlichen Ursachen erklärbar sein.

    Keine Frage: Der „Tatort: Blut“ wandelt auf einem ganz schmalen Grat zwischen klassischer Krimi-Unterhaltung, blutigen Zugeständnissen an horroraffine Gelegenheitszuschauer und der Gefahr der unfreiwilligen Komik – aber anders als der einleitend erwähnte „Tatort: Fürchte dich“ oder manch anderes missglückte Experiment der öffentlich-rechtlichen Erfolgsreihe verliert er nie die Balance. Trotz des Verzichts auf die Whodunit-Konstruktion gestaltet sich die Herangehensweise der beiden Kommissare an den ungewöhnlichen Fall aber überraschend konventionell: Während Lürsen („Ich glaube nicht Monster, die sich in Fledermäuse verwandeln!“), die viel von ihrer Tochter und Kollegin Helen Reinders (Camilla Renschke) unterstützt wird, den Ruhepol des Films bildet und die Vampirtheorie trotz aller Indizien ins Reich der Märchen verweist, ist Stedefreund nach einer einschneidenden Erfahrung empfänglicher für eine übernatürliche Erklärung der blutigen Morde – und der Zuschauer darf selbst entscheiden, für welchen der beiden Ansätze er sich entscheidet. Das ist sehr typisch für die Krimireihe und lässt den „Tatort“ bei aller Extravaganz unterm Strich ein wenig durchgeplanter wirken, als man es bei einem solchen Horror-Experiment für möglich halten sollte.

    Fazit: Regisseur Philip Koch inszeniert mit dem Bremer „Tatort: Blut“ einen sehr eigenwilligen, aber gelungenen Horrorkrimi, der auf dem Sendeplatz kurz vor Halloween genau richtig aufgehoben ist.
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