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    Je suis Karl
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Je suis Karl

    Die Partys sind besser, aber die braune Soße ist dieselbe

    Von Björn Becher
    Der Ausruf „Je suis Charlie“ entstand unmittelbar nach dem grausamen Anschlag auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 als Solidaritätsbekundung auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Von da an verselbstständigte sich die Solidaritätsbekundung schnell: Zeitungen druckten sie auf ihre Titelseite und sie wurde an Gebäude projiziert. Auch bei anderen tragischen Ereignissen tauchen nun schnell „Je suis ...“-Bekundungen im Netz auf, wobei auch rechte Kreise den Slogan längst für ihre Zwecke verwenden...

    Dass Christian Schwochow („Deutschstunde“) seinen Film „Je suis Karl“ nennt, ist ein klarer Verweis darauf, welche Ereignisse sich wohl im finalen Dritten abspielen werden. Auch sonst gehen Schwochow und sein Drehbuchautor Thomas Wendrich wenig subtil vor. Das hehre Anliegen, vor der Neuen Rechten zu warnen, die an der Spitze eben nicht mehr mit Glatze, Bomberjacke und Baseballschläger, sondern mit jungen und hippen Influencer*innen auftritt, leidet allerdings darunter. „Je suis Karl“ ist zu plakativ und im finalen Drittel zu platt – auch wenn es sehenswert ist, wie die großartige Luna Wedler sich einmal mehr die Seele aus dem Leib spielt...

    Luna Wedler ist in "Je suis Karl" herausragend.


    Ein Terroranschlag erschüttert Berlin. Maxi (Luna Wedler) hat ihre Mutter und die beiden kleinen Brüder verloren. Ihr Vater Alex (Milan Peschel) macht sich schwerste Vorwürfe, weil er selbst von einem falschen Paketboten die Bombe angenommen und ins Haus gebracht hat. Es scheint keinen Weg zu geben, wie das Leben der beiden jetzt noch weitergehen soll. Da trifft Maxi auf den Studenten Karl (Jannis Niewöhner) – gutaussehend, charismatisch, hilfsbereit.

    Er lädt sie auf ein europäisches Studententreffen in Prag ein, was Maxi nutzt, um dem Trauma in Berlin zu entfliehen. Dort trifft sie auf junge Menschen, die sich die ganze Zeit für ihre Follower*innen daheim filmen und scheinbar von einem besseren Europa träumen. In ihrer Trauer und Wut will sie gar nicht sehen, in welcher Gesellschaft sie sich da befindet, sondern verliebt sich stattdessen in Karl. Doch sie ahnt nicht, welche Pläne dieser wirklich verfolgt…

    Mittendrin unter den Neuen Rechten


    Christian Schwochow gibt dem Publikum einen ungemeinen Wissensvorsprung mit. Schon nach der ersten Begegnung von Maxi und Karl gibt es einen Sprung zurück und wir sehen die bisherigen Ereignisse aus seiner Perspektive. Ohne an dieser Stelle schon zu viel verraten zu wollen, ist damit früh klar, wie gefährlich er ist. Und natürlich wird auch kein Geheimnis daraus gemacht, dass es sich bei der von Karl angeführten europäischen Jugendbewegung ReGeneration um eine Spielfilmversion der Identitären Bewegung handelt. Maxi ist also mittendrin unter Rechten.

    Durch den sich im Verlauf des Films sich sogar immer weiter vergrößernden Wissensvorsprung des Publikums entsteht zum einen Spannung! Es gibt sogar kurze, klassische Suspense-Momente. Es ist durchaus fesselnd, wie Maxi Karl und seinen Mitstreiter*innen zunehmend auf den Leim geht, sich für die Zwecke der Bewegung vereinnahmen lässt und leise Zweifel einfach beiseite wischt, wenn sie über Lügen ihrer angeblichen Freunde stolpert. Als eine Influencerin ihr offenbart, dass sie nicht wirklich von Flüchtlingen vergewaltigt wurde, wie sie gerade noch in einem bewegenden Video offenbart hat, lässt Maxi die Ausrede zählen, dass die wahren Opfer einfach nicht die Kraft haben, selbst vor der Kamera zu sprechen.

    Karl spricht zu seinen Anhängern.


    „Je suis Karl“ zeigt auf, was die Rechtsextremen der Gegenwart so gefährlich macht. Es sind teilweise junge Menschen mit Tattoos, bunten Haaren und Piercings, die coole Partys feiern, Drogen nehmen und wissen, wie sie die Sozialen Medien zu bespielen haben. Sie vereint das Ziel, die Lehrer, Richter und Polizisten von morgen zu stellen, um so ihre Heimatländer verändern zu können. Indem Schwochow keinerlei Zweifel daran lässt, mit wem man es hier wirklich zu tun hat, schafft er durch den Wissensvorsprung neben Spannung auch Distanz. Im Publikum soll bloß niemand der Verführung von Karl und Konsorten erliegen.

    Doch das simplifiziert den Film zugleich auch extrem stark. Es verharmlost die wahre Gefahr. Das erst kürzlich in den Kinos gelaufene Drama „Und morgen die ganze Welt“ ist ja auch deshalb so stark, weil einfache Antworten vermieden werden. In „Je suis Karl“ ist das Richtige dagegen immer offensichtlich. Dieser Eindruck wird durch platte Reden und vor allem auch die dämlichen Songtexte, die auf den rechten Konzerten gerappt werden, noch verstärkt. Da fällt es dann mit der Zeit schon schwer, Maxis Blindheit zu akzeptieren – zumal es sehr formelhaft wirkt, sie durch einen vorangestellten Prolog als in einem linken Milieu sozialisiert zu zeichnen. Wohl um zu zeigen, dass selbst sie der rechten Verführung erliegen kann – glaubhafter macht dies das Ganze aber nicht.

    Achtung: Es folgen SPOILER!


    Im letzten Drittel kommt es wie erwartet – und damit kippt auch der ganze Film: Weil sich „Je suis Karl“ immer stärker in die Überdramatisierung bewegt, wird die reale Gefahr irgendwann endgültig relativiert. Wenn sich Karl am Ende von seinen eigenen Kameraden erschießen lässt, damit endlich die Patrioten in ganz Europa auf die Straßen stürmen, alles verprügeln und töten, was sie für fremd halten, und die Politiker*innen aus ihren Amtsstuben zerren, dann wirkt der anschließende Straßenkampf mit Newseinblendung dermaßen Fake, dass man kaum mehr anders kann, als es als spekulative Fiktion abzutun. Das ist aber gefährlich, denn in nur leicht anderer Form sollen genau diese Dinge nach den Vorstellungen der diversen rechten Bewegungen in Europa ja tatsächlich passieren.

    Zumal sich Schwochow selbst einen Bärendienst damit erweist, dass am Ende alles Karl ist. Er hat, wie früh verraten wird, persönlich die Bombe als Paketbote getarnt übergeben, er stalkt und verführt Maxi, er hält die Reden, er ersinnt den finalen Plan und er lässt sich töten. Das entlarvt die Figur des Verführers, für die es ja etliche reale Vorbilder gibt, zum einen als alleinhandelnden Irren. Es verharmlost auch die Bewegung an sich, denn die Gefährlichkeit geht ja heutzutage gerade nicht mehr von einem einzelnen charismatischen Führer aus, sondern von den vielen unterschiedlichen und zu unterschiedlichen Zielgruppen sprechenden Gesichtern, die (online) nur aufstacheln und willige Follower dann die Drecksarbeit verrichten lassen (siehe nur den Sturm aufs US-Kapitol).

    SPOILER-Ende!


    Über viele dieser Schwächen von „Je suis Karl“ hilft am Ende die großartige Luna Wedler („Das schönste Mädchen der Welt“) hinweg. Ob sie sich bei einem Anfall all die Wut herausschreit oder vor Trauer in sich zusammenbricht, sie bildet ein starkes emotionales Zentrum für den Film. Ihr Leidensweg verleiht „Je suis Karl“ immer wieder Spannung und Dramatik. Und vor allem Wedlers Spiel als gebrochene, nach irgendeinem Halt suchende junge Frau lässt es überhaupt erst zu, dass es zumindest ein Stück weit nachvollziehbar bleibt, wie sie sich verführen lässt. Auch wenn das alles am Ende sehr schnell und überstürzt abläuft.

    Fazit: „Je suis Karl“ hat ein ehrenvolles Anliegen und eine herausragende Hauptdarstellerin – aber aufgrund der nur selten überzeugenden Umsetzung auch ein massives Glaubwürdigkeitsproblem, was hier gleich doppelt schwer wiegt, weil es die Schlagkraft der Identitären Bewegung fast schon fahrlässig verharmlost.

    Wir haben „Je Suis Karl“ im Rahmen der Berlinale 2021 gesehen, wo er als Berlinale Special gezeigt wird.

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