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    Judas And The Black Messiah
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Judas And The Black Messiah

    All Power to the People

    Von Sidney Schering
    Die Frage, wer 1965 den Menschenrechtler und Aktivisten Malcolm X ermordet hat, wurde bislang nicht eindeutig geklärt. Die Vermutung, dass die Polizei und das FBI an dem Verbrechen beteiligt waren, steht jedoch schon lange im Raum – und erst kürzlich sind neue Indizien ans Tageslicht gelangt, die diese These unterstützen. So kommt es, dass die US-Justiz 56 Jahre nach dem Attentat erneut Ermittlungen eingeleitet hat. „Newlyweeds“-Regisseur Shaka King erzählt mit seinem sechsfach oscarnominierten „Judas And The Black Messiah“ von einem vergleichbaren Fall, bei dem die Beweislage inzwischen allerdings wasserdicht ist. Es geht um die ebenso aufsehenerregende wie perfide-grausame Ermordung von Fred Hampton, dem sozialistischen Anführer des Chicagoer Ortsverbands der Black Panther Party. Ein ebenso spannendes wie aufrüttelndes Thriller-Drama mit zwei absolut herausragenden Hauptdarstellern (die unerklärlicherweise beide als Bester Nebendarsteller für den Oscar nominiert wurden).

    Der Autodieb William O’Neal (LaKeith Stanfield) bekommt vom FBI einen Deal angeboten: Er kann dem Gefängnis entgehen, wenn er die Black Panther Party infiltriert. Special Agent Roy Mitchell (Jesse Plemons) und FBI-Direktor J. Edgar Hoover (Martin Sheen) sind vor allem daran interessiert, Informationen über den Aktivisten Fred Hampton (Daniel Kaluuya), dessen Charisma und Redegewandtheit auch viele nicht-schwarze Menschen in seine Arme treiben, zu sammeln. Der Informant glaubt zunächst, dass es leicht werden könnte, sowohl die Panther als auch das FBI zu manipulieren. Doch während Hamptons politischer Einfluss wächst, entbrennt in O’Neal zunehmend ein Gewissenskonflikt. Aber nun kommt er aus der Nummer nicht mehr raus…

    Am Anfang glaubt William O’Neal (LaKeith Stanfield) noch, er könne von der FBI-Beziehung einseitig profitieren – aber sobald es nötig wird, stellt Special Agent Roy Mitchell (Jesse Plemons) die Machtverhältnisse eindeutig klar.


    Regisseur Shaka King, der gemeinsam mit Will Berson auch das Drehbuch verfasst hat, versetzt sein Publikum unmittelbar in das angespannte US-Klima der späten 1960er-Jahre: Selbst wenn es bislang an handfesten Beweisen mangelt, besteht in der schwarzen Bevölkerung keinerlei Zweifel daran, dass das FBI und die Polizei erst Martin Luther King und dann Malcolm X aus rassistischen Motiven ermordet haben. Die Polizei agiert in schwarzen Vierteln nicht als Beschützer, sondern als sinnbildlicher sowie buchstäblicher Brandstifter – und die ständige Angst vor Spitzeln schürt den Unfrieden zwischen den sich sowie nicht immer grünen Aktivistengruppen.

    Mit unbändigem Charisma und der Fähigkeit, aus dem Stand fesselnde Reden zu halten, macht es sich das Black-Panther-Mitglied Fred Hampton zur Aufgabe, verschiedene anti-kapitalistische Organisationen zu vereinen – und ein allgemeines Umdenken anzuleiern. Er macht sich dafür stark, die wohltätige Arbeit in den Gemeinden und den politischen Kampf für eine Revolution gleichermaßen im Auge zu behalten. „Get Out“-Star Daniel Kaluuya verkörpert Hampton mit einer geradezu hypnotischen Kraft: Obwohl er einer der körperlich unscheinbareren Männer auf den Treffen der Black Panther ist, füllt er sofort den ganzen Raum und lenkt alle Augen auf sich, sobald er den Mund aufmacht. Egal ob er sich hinter einem Rednerpult in Rage redet oder in einer ruhigen Unterhaltung für mehr Voraussicht plädiert: Kaluuyas Hampton strahlt als Redner mit glühendem Blick und bebenden Wangen stets eine ebenso verständliche wie einnehmende Mischung aus Wut, Zuversicht und Hoffnung für ein besseres Morgen aus.

    Kein herkömmliches Biopic – zum Glück!


    Dass sich Shaka King dem Wirken des Aktivisten nicht in Form eines konventionellen Biopics nähert, sondern Hamptons kurzen, steilen Aufstieg in der Politszene von Illinois durch die Augen von William O’Neal zeigt, verleiht der Geschichte nicht nur zusätzliche Spannung, sondern auch eine ganz besondere Tragik: Durch die ungewöhnliche Erzählperspektive durch die Augen des Informanten nehmen die zahlreichen Knüppel, die Hampson von staatlicher Seite zwischen die Beine geworfen (oder über den Schädel geschlagen) werden, nicht wie in vielen ähnlich gelagerten Hollywoodstorys nur eine abstrakte Form an. Stattdessen macht gerade die Verzweiflung des zunächst noch selbstbewusst spitzelnden Informanten, der später aber genauso wie Hampton am System zugrunde geht, die unbedingte Macht des FBI und der Polizei ganz unmittelbar greifbar.

    Wir sehen Hamptons Bemühungen für mehr Gerechtigkeit also ausgerechnet aus der Perspektive von jemandem, der eigentlich gegen ihn arbeitet. Aber das ist nicht die einzige Überraschung: Statt William O’Neal als verdammungswürdigen Verräter zu skizzieren, zeigt King ihn als empathischen jungen Mann, der vom FBI in die Ecke gedrängt wird und selbst dort ebenso naiver- wie tragischerweise glaubte, sich noch irgendwie aus dieser misslichen Lage herauslavieren zu können. Während Kaluuya als Hampton immer dann aufblüht, wenn er spricht, ist es bei Lakeith Stanfield („Knives Out“) das Ungesagte, das sich einbrennt: Durch seine schmerzverzerrten Blicke, die O’Neal stets zu verbergen versucht, um bei den Black Panthers nicht aufzufliegen, erzeugt Stanfield ein erstaunliches Maß an Mitgefühl für den titelgebenden „Judas“.

    Mit seinen kraftvollen Reden vereinigt Frank Hampton (Daniel Kaluuya) nicht nur schwarze Aktivisten, sondern auch vom System enttäuschte Weiße und Puerto-Ricaner – und genau das macht ihn für den rassistischen Staatsapparat so gefährlich.


    Auf der inszenatorischen Ebene ist Kings Drama genauso packend geraten wie auf der erzählerischen: Der Regisseur und sein Kameramann Sean Bobbitt („Widows – Tödliche Witwen“) zeigen das Geschehen in kontrastreichen Bildern, die häufig die emotional aufgewühlten Gesichter der handelnden Figuren in den Fokus nehmen. So zwingen sie ihr Publikum regelrecht, in die vorsichtige Hoffnung von Hampton und seinen Anhängern einzustimmen – nur um dann durch die himmelschreienden Ungerechtigkeiten und historischen Grausamkeiten wie von einem Schlag in die Magengrube getroffen zu werden.

    Fazit: Ein auch nach 50 Jahren noch brandaktuelles Stück US-Geschichte - absolut fesselnd aufbereitet und mit zwei herausragenden Performances von LaKeith Stanfield und Daniel Kaluuya veredelt.

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