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    Unhinged - Ausser Kontrolle
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Unhinged - Ausser Kontrolle

    Russell Crowe rastet aus, wie noch kein Mann vor ihm ausgerastet ist

    Von Christoph Petersen
    Ein Mann setzt zum Überholen an, aber der Fahrer in dem langsam dahintuckernden Truck nimmt das Manöver scheinbar sehr persönlich: Mit seinem Spielfilmdebüt „Duell“ schuf Steven Spielberg einen beängstigend real wirkenden, subtil die Spannungsschraube anziehenden Highway-Horrorfilm, der seit seinem Erscheinen im Jahr 1971 völlig zu Recht als Klassiker des Genres gilt. „Unhinged - Ausser Kontrolle“, in dem diesmal Russell Crowe einen akuten Anfall von Road Rage erleidet, erweist sich nun als das exakte Gegenteil davon: Der Terror-Thriller ist kein Stück subtil, glaubwürdig oder auch nur entfernt logisch – aber zugleich dermaßen batshit crazy, dass es trotz aller offensichtlichen Schwächen erstaunlich viel Laune macht, den australischen Schauspielstar bei seiner brachial-wahnwitzigen Amokfahrt zu begleiten. 

    In ähnlich gelagerten Terror-Thrillern speist sich die Spannung oft auch aus dem Umstand, dass Zuschauer möglichst lange im Unklaren darüber gelassen werden, ob es sich bei dem Verfolger tatsächlich um einen Psycho handelt – oder ob sich der Protagonist die Gefahr womöglich nur einbildet. Später stellt sich dann die Frage, wie weit der Stalker wohl zu gehen bereit ist. Mit solchen Sperenzchen halten sich Regisseur Derrick Borte („The Joneses“) und sein Drehbuchautor Carl Ellsworth („The Last House On The Left“) allerdings gar nicht erst auf: Bereits in der allerersten Szene stapft Russell Crowe mit Hammer und Benzinkanister auf ein Familienidyll zu – den Bewohnern wird der Schädel eingeschlagen, das Haus wird abgefackelt. „Unhinged - Ausser Kontrolle“ macht von Beginn an keine Gefangenen.

    Lässt und entspannt durch den Feierabendverkehr? Nicht mit Russell Crowe!


    Am nächsten Morgen wird der namenlose Mann (Russell Crowe), der an einer Kreuzung trotz grüner Ampel nicht anfährt, von der Familienmutter Rachel (Caren Pistorius) angehupt. Der Mann fordert eine Entschuldigung – aber Rachel, die ihren Sohn Kyle (Gabriel Bateman) in die Schule bringen muss und einen wichtigen Klienten zu verlieren droht, wenn sie ihren nächsten Termin verpasst, hat für sowas gerade keinen Kopf. Damit zieht sie den Hass des wahnsinnigen Pick-up-Fahrers auf sich. Der verspricht ihr nämlich, dass sie schon bald spüren werde, was ein wirklich schlimmer Tag sei. Und eines wird sehr schnell deutlich, als der Mann an einer Tankstelle – ohne auch nur mit der Wimper zu zucken – einen Passanten totfährt: Bei der Drohung handelt es sich definitiv nicht um leere Worte…

    Der Vorspann besteht aus Nachrichtenschnipseln, die erklären, warum speziell in den USA so viele Menschen kurz vor dem Ausrasten stehen – neben den üblichen News über verlorene Arbeitsplätze haben sich dabei nachträglich auch ein paar Hinweise auf den Corona-Lockdown eingeschmuggelt, obwohl der Film ursprünglich schon vor der ganzen Covid-19-Scheiße fertiggestellt wurde. Dabei geht es in „Unhinged - Ausser Kontrolle“ ja gerade gar nicht darum, wie ein Mann langsam durchdreht – stattdessen ist Russell Crowe vom ersten Moment, in dem er ein Streichholz zwischen seinen Fingern bis zum schmerzhaften Ende herunterbrennen lässt, ohne dabei auch nur die geringste Miene zu verziehen, auf 200-Prozent-Vollpsycho eingestellt.

    Keine Spielchen – immer direkt in die Fresse


    Die Charakterisierung eines Mannes, der nach Scheidung und Jobverlust einen unbändigen Hass auf Frauen und Anwälte entwickelt, scheint direkt aus den Kommentarspalten von 4chan & Co. übernommen worden zu sein – und wirkt in seiner betonten Zeitgeistigkeit durchaus ein wenig platt. Trotzdem entwickelt Russell Crowe im durchgeschwitzten Hemd sowie mindestens 30 Kilo zu viel auf den Rippen eine wahrhaft bedrohliche Präsenz: Sein Bösewicht mag sich ein perfides Spiel daraus machen, Rachel zu quälen, aber bei den einzelnen Interaktionen mit ihr oder ihren Familienmitgliedern verschwindet sofort alles Spielerische. Die Gewalt ist plötzlich, brachial, gnadenlos – selbst gegenüber Frauen und Kindern. Das hat nicht einen Funken von einem cleveren Kinomonster wie Hannibal Lecter, ganz im Gegenteil: Eine uneitlere, weniger schmeichelhafte Performance könnte man sich von einem Oscargewinner (als Bester Hauptdarsteller für „Gladiator“) kaum vorstellen.

    Caren Pistorius („Slow West“, „Mortal Engines“) macht zunächst einen guten Job, wenn es darum geht aufzuzeigen, wie sehr Rachel zwischen ihrer eigenen Scheidung, ihrem Sohn und ihrer Beschäftigung als Selbstständige aufgerieben wird. Man kann hervorragend mitfühlen, wie sehr sie jede einzelne Minute, die sie in ihrem stressigen Alltag im Stau steht, näher an den Zusammenbruch führt – die Sympathien hat sie damit zunächst sicher. Aber dann wird nicht nur die Story von „Unhinged - Ausser Kontrolle“ im Verlauf der knackig-kurzen Spielzeit (nur 78 Minuten ohne Abspann) immer hanebüchener – Rachel stellt sich auch zunehmend doofer an. Wenn man also zu denen gehört, die den Protagonisten immer zurufen, wie sie sich verhalten sollen, sobald sie mal wieder etwas Dummes anstellen, dann wird man im Fall von „Unhinged - Ausser Kontrolle“ wiederholt lauthals in Richtung Leinwand losbrüllen!

    Fazit: Fieser geht`s kaum! „Unhinged - Ausser Kontrolle“ rast aus dem Stand mit 200 Sachen direkt in den Gegenverkehr – und zieht Tempo und Bösartigkeit im weiteren Verlauf nur noch straffer an. Wenn man sich auf den Wahnwitz einlässt, könnte man fast übersehen, dass die Logik dabei schon an der ersten Kreuzung auf der Strecke bleibt.

     

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