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    Das schwarze Quadrat
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Das schwarze Quadrat

    Purer Kinospaß ohne Bremsvorrichtung

    Von Nikolas Masin
    Als der russische Maler Kasimir Malewitsch 1915 sein „Schwarzes Quadrat“ (tatsächlich nur ein schwarzes Viereck umgeben von einem weißen Rand) vorstellte, begründete er damit zugleich den Suprematismus – die erste Kunstform mit dem Anspruch der gegenstandsbefreiten Gefühlserregung. Dass Spielfilmdebütant Peter Meister nun ausgerechnet dieses Werk ins Zentrum seines irrwitzig-bunten Komödien-Thriller-Hybriden „Das schwarze Quadrat“ verpflanzt hat, provoziert womöglich eine Reihe von Interpretationsansätzen, mit denen man aber wohl letztendlich am Ziel vorbeischießen würde. Stattdessen setzt Meister, der nach eigenen Angaben einen Film machen wollte, „der einfach extrem unterhaltsam ist“, dann sowieso doch irgendwie ganz im Sinne Malewitsch' auf nackte Emotion – und auf ungefilterten Spaß.

    Die Kunstdiebe Vincent (Bernhard Schütz) und Nils (Jacob Matschenz) haben erfolgreich das 60 Millionen Dollar teure Gemälde „Das schwarze Quadrat“ aus einem Museum stibitzt. Nun müssen sie dieses nur noch in ein paar Tagen ihren Auftraggebern an Bord eines Kreuzfahrtschiffs übergeben – und bis dahin möglichst unauffällig bleiben! Doch so einfach wird es ihnen nicht gemacht: Die zwei Passagiere, deren Identität sie kurzfristig – Chloroform sei Dank – übernehmen mussten, sind ausgerechnet gebuchte Performer. Und so müssen sie als Elvis- und David-Bowie-Imitate das Publikum beglücken, um nicht aufzufliegen. Zudem kommen ihrem Treiben auch noch andere Mitreisende auf die Schliche, die fortan versuchen, sich das Prunkstück selbst unter den Nagel zu reißen...

    Die Kunstdiebe finden überraschend Gefallen daran, sich auf dem Kreuzfahrtschiff als Performance-Künstler betätigen zu müssen.


    Wer schnellen Konflikt garantieren will, sperrt wie Peter Meister seine möglichst ungleichen Figuren in einen abgeschlossenen Raum, aus dem es kein Entkommen gibt. Und „möglichst ungleich“ ist hier schon das Gauner-Duo selbst: Vincent, genial von Bernhard Schütz gespielt, ist der alte Hase im Geschäft, der viel zu viel von sich hält. Einmal sei er „vier Tage durch Lüftungsschächte gekrochen“, gibt er vor dem Frischlingsgangster an – und klingt dabei wie ein verbitterter Kriegsveteran, den man schlecht ernstnehmen kann, weil er trotz aller Überheblichkeit eigentlich nichts gebacken bekommt. Und immer wenn sein Stolz verletzt wird, weiß man schon: Jetzt wird’s urkomisch! Dann straft er dich per frenetischer Tanzeinlage mit ungebrochenem Todesblick-Augenkontakt, was aber außerhalb seines eigenen Wahrnehmungsdeltas nur zum Fremdschämen einlädt. Oder er droht, dich mit einem einzigen Handgriff auszuknipsen. Sicher doch.

    Die meisten von Vincents fehlgeleiteten Ragen bekommt der junge Kollege Nils ab, welcher sich auf den ersten Blick nicht weniger tölpelhaft präsentiert. So versteht er unter „Auskundschaften der Umgebung“ das Inspizieren von Speiseplan und umliegenden Softdrink-Automaten. Schnell aber entpuppt er sich als Rohdiamant, der durch die unfreiwilligen Bühnenauftritte als Spargel-Elvis im Singen seine wahre Leidenschaft entdeckt. Jacob Matschenz („Die Welle“) mimt prima den bescheidenen Sympathieträger und damit den perfekten Gegenpol zu Vincent, dessen Sticheleien er unbeeindruckt ignoriert. Neben albernen Zankereien punkten die Darsteller auch in den wenigen, aber dafür pointierten emotionalen Momenten mit einer selten zu findenden Leinwandchemie, die nur knapp an sinnlicher Homoerotik vorbeischrammt. Und dann wird auch klar, dass Vincents Brummbärtum nur daher rührt, dass er sich als gescheiterter Künstler verloren fühlt. Aber als auf der Reise plötzlich wieder seine künstlerische Ader gefragt ist, blüht auch er auf. „Kunst erfordert Wahrheit, nicht Wahrhaftigkeit“, lehrt er seinem Ganovenfreund, während er virtuos den Pinsel führt.

    Ab mit den Fingern und Nippeln


    Vincent und Nils sind aber nur zwei der vielen Schachfiguren in Meisters Ensemble-Thriller. Da wären noch die durchtriebene Bordpianistin Mia (Pheline Roggan) und ihr paranoider Simp Levi (Christopher Schärf) sowie die an ihrem Job verzweifelnde Cruise-Managerin Helen (Victoria Trauttmansdorff) und der einsame Security-Mann Bernhard (Wolfgang Packhäuser). Und die preisgekrönte „Toni Erdmann“-Darstellerin Sandra Hüller rundet das polymorphe Wirrwarr als gewieft-kaltblütige Kunstdiebin Martha ab. Heraus kommt ein komplexes Beziehungsgeflecht, bei dem besonders die Figuren selbst den Überblick verlieren: In einer aberwitzigen Katz-und-Maus-Jagd wird getrickst und bestohlen, um an das Rechteck zu gelangen – oft mit vergeblicher Mühe, denn das umworbene Bild ist längst zum Nächsten weitergewandert. Dabei wird sich kreuz und quer verliebt wie einem Soap-Liebes-... Siebeneck?

    Das Nesteln selbst ist zwischen Bettdecken-Sex mit BH und Offscreen-Knutschereien indes so zahm gehalten, dass man sich doch sehr darüber wundert, wie gern die Kamera dann wiederum beim Abschneiden von Fingern oder dem Abbeißen von (männlichen) Nippeln drauf hält – oder ist das dann auch wieder beabsichtigter (amerikanisierter) Kontrast? So oder so: „Das schwarze Quadrat“ scheut sich nicht davor, der Farbe seines Titels aus humoristischer Perspektive gerecht zu werden.

    "Toni Erdmann"-Star Sandra Hüller als gewieft-kaltblütige Kunstdiebin Martha!


    Hier kommt dann auch die Thematik der Kunstfälschung ins Spiel: Um das abhandengekommene Gemälde nachzustellen, übermalt Vincent einfach kurzerhand ein Bild aus dem Flur – mit Farbe aus Kakao-Bohnen und dem eigenen Urin. Und es sieht dem „echten“ Bild täuschend ähnlich! Sicherlich ein kleiner Spaß gegenüber dem modernen Kunstverständnis, aber im gleichen Atemzug auch ein hämischer Kommentar auf die gesellschaftliche Obsession mit Originalen, obwohl selbst Profis diese manchmal nicht von Fälschungen zu unterscheiden wissen – wie für längere Zeit etwa im Fall der sog. „Hitler-Tagebücher“ von Konrad Kujau. Apropos: Selbst Malewitsch malte sein „Schwarzes Quadrat“ einfach öfters. Es geht schließlich um die Idee – nicht das spezifische Werk.

    Ein raffiniertes Drehbuch, das sich am Ende ein wenig verhebt


    Es ist durchaus nachvollziehbar, dass der Jungregisseur für das Skript zum Film 2018 den Tankred-Dorst-Drehbuchpreis abstaubte. Scheinbar mühelos wird zwischen Slapstick und Drama, zwischen Situationskomik und Kitsch jongliert. Die raffinierten Wendungen kommen meist tatsächlich überraschend um die Ecke. Und wie er es hinbekommt, keine der zahlreichen Figuren in so kurzer Laufzeit jemals platt wirken zu lassen, ist schon ein kleines Wunder. Perfekt ist das fieberhafte Werk aber auch nicht. Man könnte sich jetzt lange über so manche irritierende Inkohärenz und vermeidbare Logikfehler auslassen – gerade im großen Finale verfällt man zum Zwecke des Klamauk komplett in groteske Unsinnigkeit. Aber so streng wollen wir einen Film, der unterm Strich primär Spaß machen soll, mal nicht sehen. Wirklich enttäuschend ist dafür, wenn so manche Subplots scheinbar im Nichts verlaufen und über lange Zeit angedeutete Payoffs einfach ausbleiben.

    Wenig zu meckern gibt es bei Felix Novo de Oliveiras famoser Kameraarbeit, welche sich fachmännisch dem taktgebenden Kontrastspiel anpasst: Während bei den ersten Szenen des spannenden Thriller-Prologs noch epische Halbtotalen und majestätisch-ruhige Kamerafahrten bestechen, vermittelt die später gerne verwendete unruhige Handkamera gekonnt das beengende Gefühl eines schaukelnden Schiffs ohne Fluchtmöglichkeit bei zunehmendem Plot-Kuddelmuddel. Und ein knackig modernes Colorgrading rundet den visuellen Augenschmaus ab – niemals aufdringlich, aber gekonnt die Handlung komplementierend.

    Fazit: Peter Meisters starker Cast hat sich den Kern seiner exzentrischen Gangsterkomödie vollends einverleibt und schießt die köstlich amüsanten Pointen aus der Hüfte wie nichts. Herausgekommen ist ein Gute-Laune-Uhrwerk (fast) in Reinkultur. Nicht mehr und nicht weniger.

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