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    DAU. Natasha
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    DAU. Natasha

    Ein ebenso fragwürdiges wie faszinierendes Wahnsinnsprojekt

    Von Michael Meyns
    Die Grenze zwischen Genie und Größenwahn ist ja bekanntlich fließend. Als der russische Künstler Ilya Khrzhanovskiy sein Projekt DAU vor etwa 15 Jahren begann, sollte ursprünglich nur ein einzelner Film über den sowjetischen Physiker und Nobelpreisträger Lew Landau entstehen. Doch mit schier unbegrenzten finanziellen Mitteln, die offenbar von einem 700 Millionen Euro schweren russischen Oligarchen stammen, veränderte sich nach und nach das Projekt: Khrzhanovskiy ließ im ukrainischen Charkiw eine Parallelwelt bauen, die dem stalinistischen Russland nachempfunden war.

    Er verpflichtete Laiendarsteller, die an dem Ort leben und miteinander interagieren sollten. Manche blieben nur kurz, manche drei Jahre lang, wobei Khrzhanovskiy auch mal monatelang gar nichts drehte, sondern seine selbstgeschaffene Stadt einfach „laufen“ lies. So wurden insgesamt mehr als 700 Stunden Material gedreht – 13 Filme, die bisher nur im Installationsumfeld gezeigt wurden, sowie einige TV-Serien sind daraus schon entstanden. Nun folgt mit dem im Berlinale-Wettbewerb uraufgeführten „DAU. Natasha“ der erste Kinofilm – ein faszinierender Blick auf die Strukturen eines autokratischen Systems, der zugleich aber auch vielfältige ethische Fragen über das Filmemachen an sich aufwirft.

    Natasha ist von der zunehmend paranoiden Situation irgendwann völlig überfordert.


    Natasha (Natalia Berezhnaya) und Olya (Olga Shkabarnya) arbeiten Anfang der 1950er Jahre in der Kantine eines geheimen sowjetischen Forschungsinstituts. Tagtäglich begegnen ihnen Arbeiter und Besucher des DAU-Projekts, unter anderem der Forscher Luc (Luc Bigé). Im Laufe einer exzessiven Party hat Natasha Sex mit dem Franzosen. Bald hat der omnipräsente Geheimdienst davon erfahren und lädt Natasha vor. Der KGB-Agenten Azhippo (Vladimir Azhippo) verhört und erniedrigt Natascha und zwingt sie so zur Zusammenarbeit…

    Offene und grundsätzliche Fragen


    Über die Frage, welche Erkenntnis es denn bringen soll, kaum mehr als 20 Jahre nach Ende einer Diktatur eine Replik genau dieser Diktatur als Kunstprojekt wiederaufzubauen, ließe sich schon an sich trefflich streiten. Aber bei den spezifischen (wenn auch immer ein wenig mysteriösen) Umständen des konkreten DAU-Projekts kommt man gar nicht umhin, sich erst mal mit Grundlegendem zu beschäftigen: Wenige Tage vor der Berlinale-Premiere ist ein Hintergrundartikel in der taz erschienen, laut dem Khrzhanovskiy im Laufe der drei Jahre, in der in der Ukraine die DAU-Welt existierte, selbst zunehmend autokratisch agiert haben soll. Laut Aussagen von Beteiligten gerierte er sich dabei wahlweise als Sektenführer oder als Diktator.

    Inwieweit die Berichte von anonymen Personen, dass in der DAU-Welt Machtmissbrauch und sexuelle Nötigung vorkamen, stimmen, ist von außen kaum zu beurteilen. Man kann sich jedoch gut vorstellen, dass das Leben in einer solch hermetisch abgeschlossenen Welt, in der manche der Laien / Darsteller / Protagonisten die Rollen von Herrschern, andere die Rolle von Untergebenen einnahmen, sicherlich auch das Verhalten veränderte. Das berühmte Stanford-Prison-Experiment kommt in den Sinn (von Oliver Hirschbiegel als „Das Experiment“ verfilmt), in dem psychisch normale Menschen Wärter bzw. Gefangene spielen sollten und sich dabei binnen kürzester Zeit ebenfalls extreme Formen von Nötigung und Machtmissbrauch entwickelten.

    Natashas Arbeitskollegin Olya muss erst mal ihren Rausch loswerden.


    Auch die Frage, inwieweit die (Laien-)Darsteller in „DAU. Natasha“ nun eine Rolle spielen oder doch sie selbst sind, lässt sich nur schwer beantworten. Aber genau das führt auch direkt zum Kern der Faszination, die der Film fraglos auslöst. In der Hauptrolle der Natascha ist etwa eine Frau namens Natalia Berezhnaya zu sehen, die vor diesem Projekt keinerlei Filmerfahrung hatte. Sie lebte in Charkiw und wurde von der Straße weg gecastet. Im zur DAU-Welt ausgebauten Set des Physik-Instituts arbeitete sie eben auch abseits des Drehs als Bedienung in der Kantine. Unterdessen lebte sie aber weiter zu Hause in der Stadt und nicht vor Ort auf dem DAU-Gelände.

    Dennoch wurden Teile ihrer Biografie zur Biografie der Figur Natasha: So sind sie beide am 18. Januar geboren, Natalia 1972, Natasha 1918. Auf diese Weise verschmelzen Realität und Fiktion, die Begegnungen in der Kantine entwickeln ein Eigenleben, das Khrzhanovskiy wiederum für seine Zwecke verwendete (es gab kein klassisches Drehbuch, die Interaktionen sollten alle so echt wie möglich sein). Aber wie ist das in den teilweise extremen (erniedrigende Folter) und auch sehr intimen (reale Sexualakte) Situationen – sieht man da nun die fiktive Natasha oder nicht doch eher die reale Person? Im Pressehaft betont Natalia Berezhnaya, dass sie zu 95% sie selbst war. Welche 5% nun nicht sie selbst sind, ist vielleicht die entscheidende Frage. Vielleicht aber auch nicht.

    Ein ganz realer Folterknecht


    Auch wenn es bei einem Projekt wie diesem kaum möglich ist, all die Störgeräusche auszublenden und sich nur auf den vorliegenden Film zu konzentrieren, lohnt der Versuch. Denn „DAU. Natasha“ liefert in knapp 140 Minuten auf eine so immersive Weise wie selten Einblicke in die Funktionsweisen einer Diktatur. Was zu Beginn noch gänzlich harmlos und beiläufig wirkt, nämlich der Alltag in der Kantine, eskaliert zunehmend. Als Hintergrund schwingt die Forschung an der Nachfolgetechnologie zur Atombombe mit, der Kalte Krieg ist in vollem Gange, die Stimmung kann jederzeit umschlagen, die Paranoia ist kurz vor dem Tod des Diktators Stalin enorm. Die Macht des KGB, verkörpert durch den großen, feisten KGB-Agenten Azhippo, scheint grenzenlos.

    Wie sich das Verhältnis des Verhörspezialisten zu Natasha in einer langen Sequenz wandelt, ist schlichtweg spektakulär: Vom scheinbar harmlosen Verhör über Folter bis zum anschließenden Umtrunk, bei dem Natascha am Stockholm-Syndrom zu leiden scheint, reicht der Bogen. Eine emotionale Achterbahnfahrt, die einem immer wieder den Boden unter den Füßen wegzieht: Der Schauspieler des Azhippo war tatsächlich selbst ein KGB-Agent, der fraglos ganz genau wusste, was er da tut. Inwieweit ein ehemaliger KGB-Spezialist die Folter vor der Kamera tatsächlich nur „vortäuschen“ kann, zumal sein Gegenüber offenbar nicht wusste, was genau in der Szene auf sie zukommen wird, ist eine Frage, über die man nicht gerne nachdenkt. Eine ungemütliche Frage, die aber auch die Faszinationen eines Films ausmacht, der auf einzigartige, ambitionierte, definitiv auch fragwürdige Weise von Diktatur und Unterdrückung erzählt.

    Fazit: Das DAU-Projekt von Ilya Khrzhanovskiy wirft so viele und so vielfältige Fragen auf, dass man die Hintergründe und den unmittelbaren Film „DAU. Natasha“ kaum unabhängig voneinander betrachten kann. Dennoch liefert der Film Einsichten in ein diktatorisches System, die man derart immersiv selten zu spüren bekommen hat.

    Wir haben „DAU. Natasha“ im Rahmen der Berlinale gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs gezeigt wurde.

     

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