Der doppelte Elefant im Raum!
Von Christoph PetersenDie französische Regisseurin Caroline Lescot (Nathalie Richard) dreht eine Neuverfilmung des Tragödien-Klassikers „Medea“. Allerdings spielt die Geschichte um eine verlassene Ex-Prinzessin, die aus Verzweiflung ihre eigenen Kinder tötet, diesmal nicht im antiken Griechenland, sondern an der senegalesischen Atlantikküste. Ihre Darsteller*innen sind überwiegend Einheimische, nur ihre Medea und ihr Jason werden von der weißen Deutschen Maja (Maren Eggert) und dem zwar senegalesisch-stämmigen, aber schon länger mit einem französischen Pass in Paris lebenden und arbeiten Nourou Cissokho (Jean-Christophe Folly) verkörpert.
In postkolonialen Zeiten wirft diese Kombination natürlich Fragen auf – und so spricht die Regisseurin einige Monate später, als ihre „Medea“-Adaption schließlich auf der Berlinale Weltpremiere feiert, in einer Pressekonferenz selbst vom „Elefanten im Raum“. Übrigens nur, um kurz darauf in einem überraschenden, geradeheraus-surrealen Moment selbst mit Schlappohren und Rüssel vor den sie mit Fragen bedrängenden – selbstverständlich ebenfalls fast ausschließlich weißen – Kulturjournalist*innen zu sitzen.
Das ist der Elefant im Film. Aber auf der Meta-Ebene hat sich derselbe Dickhäuter ebenfalls breitgemacht: Schließlich ist – wie die fiktive Caroline Lescot – auch der höchstreale Ulrich Köhler („Schlafkrankheit“) ein weißer europäischer Regisseur, der mit seiner Kinobusiness-Satire „Gavagai“ einen Film mit haufenweise Schwarzen Statist*innen an der senegalesischen Atlantikküste gedreht hat, in dem vorwiegend weiße oder zumindest europäische Protagonist*innen darüber diskutieren, was denn jetzt Rassismus ist und was nicht.
Wenn man gemein sein will, könnte man Köhler deshalb eine gewisse Feigheit vorwerfen, weil er alle Vorwürfe in diese Richtung ja schon dadurch abwehrt, dass er sie in der Film-im-Film-Pressekonferenz bereits selbst allesamt ironisierend aufgreift. Aber das wäre definitiv zu kurz gegriffen, denn dafür sind die entlarvenden Momente in „Gavagai“ einfach zu skalpellscharf beobachtet und gallig aufbereitet.
Port au Prince Pictures GmbH
Beim Korrekturlesen dieses Artikels musste ich feststellen, dass ich den Titel „Gavagai“ auf erschreckend vielfältige Weisen falsch geschrieben habe (ich hoffe, jetzt stimmt es überall). Aber eigentlich ist das gar nicht verwunderlich, schließlich handelt es sich dabei um ein Fantasiewort, das der Philosoph Willard Van Orman Quine gerade deshalb erfunden hat, um von der Schwierigkeit zu erzählen, etwas präzise zu benennen. In seinem Beispiel ist es ein Linguist, der einen Einheimischen beobachtet. Dieser zeigt auf ein vorbeihoppelndes Kaninchen und sagt dabei ebenjenes Wort. Die naheliegende Schlussfolgerung: „Gavagai“ bedeutet also „Kaninchen“!
Doch bei genauerem Nachdenken könnte der aufgeschnappte Ausdruck auch alle möglichen anderen Bedeutungen haben – von „Guck mal da!“ bis „Dort hoppelt etwas!“ Das Wort, dessen mögliche Bedeutungen in „Gavagai“ ausgeleuchtet werden, ist allerdings kein Kunstausdruck, sondern der realexistierende Begriff „Rassismus“. Wobei dieser zumindest an seinen Rändern oft ähnlich schwer zu fassen ist: Gleich in der ersten Szene rastet Caroline völlig aus, weil ihre Kinderdarsteller auf Medeas Motorboot Rettungswesten tragen (müssen). Aber die Söhne wurden zu diesem Zeitpunkt im Film bereits von ihrer Mutter getötet – und Leichen tragen nun mal keine Schwimmflügel!
Port au Prince Pictures GmbH
Ist das noch eine kreativwütende Regisseurin, die ihre Vision in Gefahr sieht? Oder ist das schon Rassismus? Denn wäre bei weißen Kindern in Europa nicht sofort jedem klar, dass man sie für einen Filmdreh nicht ohne Sicherung in einem Motorboot umhertuckern kann? Aber Zeit zum Nachdenken über solche Themen bleibt am chaotischen Strand-Set kaum: Weil die geplante Drehdauer an diesem Tag wegen der Schwimmwesten-Problematik überzogen wird, beginnen die Statist*innen zu rebellieren – sie verlangen, dass sie wie der Rest des Teams Hühnchenschenkel vom Catering-Buffet bekommen. Caroline reicht ihnen daraufhin das komplette Tablett über die Absperrung. Eine pragmatische, versöhnlich gemeinte Geste, die zugleich aber auch Assoziation an Tierfütterungen heraufbeschwört.
Noch vielschichtiger ist es bei Nourou: Später wird er zwar im Berliner Luxus-Hotel als einziger nach seinem Ausweis gefragt, was einen folgenschweren Eklat nach sich zieht. Im senegalesischen Hotel hingegen war es für ihn selbstverständlich, die von ihm herbeizitierte und offensichtlich schwer gestresste Zimmerdame einfach stehen zu lassen, um stattdessen zu telefonieren, als hätte sie sonst nichts zu tun. Es ist absolut erstaunlich, in welcher Dichte Ulrich Köhler solche vielsagend-mehrdeutigen Momente kreiert, ohne dass sein Film deshalb jemals platt oder allzu thesenhaft wirkt. Ganz im Gegenteil: „Gavagai“ ist erfreulich temporeich und – insbesondere für Berlinale-Kenner*innen – immer wieder unglaublich lustig. Ein Film, über den man anschließend zwar unendlich diskutieren kann, der sich beim Anschauen aber dennoch nicht wie Arbeit anfühlt, sondern konsequent unterhaltsam, kurzweilig und mit extremem Biss daherkommt.
Fazit: Gnadenlos gut beobachtet – und dazu oft auch noch saulustig!
Wir haben „Gavagai“ auf dem Filmfest Hamburg 2025 gesehen.