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    Glück auf einer Skala von 1 bis 10
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Glück auf einer Skala von 1 bis 10

    Wider den Vorurteilen

    Von Helena Berg
    Zumindest eines haben die beiden Männer gemeinsam: Sie beschäftigen sich viel mit dem Tod. Während der körperlich behinderte Gemüselieferant Igor (Alexandre Jollien) nachts Bücher von Philosophen wälzt, arbeitet Louis (Bernard Campan) als Bestatter. Mehr verbindet sie allerdings nicht – bis Louis Igor zwischen zwei beruflichen Terminen mit dem Auto anfährt. Aus Verantwortungsgefühl begleitet er den Hobby-Philosophen ins Krankenhaus und hofft, den Vorfall damit abzuschließen. Doch Igor hat sich in den Kopf gesetzt, dass Louis genau der richtige Freund für ihn wäre und bricht mit ihm gemeinsam zu einer Reise im Leichenwagen auf – zunächst noch, ohne dass Louis davon überhaupt etwas mitbekommt.

    Es war nicht von Anfang an klar, dass der Film ein Roadmovie wird. Stattdessen hatten Alexandre Jollien und Bernard Campan zunächst noch geplant, einen Dokumentarfilm über Jollien zu drehen, der körperlich behindert ist und als Philosoph sowie Autor arbeitet. Schlussendlich wurde „Glück auf einer Skala von 1 bis 10“ aber doch ein Spielfilm, in dem die auch im wahren Leben gut befreundeten Regisseure selbst die Hauptrollen spielen. Ein gewisser dokumentarisch-naturalistischer Einschlag ist dennoch übriggeblieben: So wird etwa der Beruf des Bestatters mit Ruhe und Genauigkeit beleuchtet: Man sieht Louis mit den Angehörigen sprechen, Fotos oder Särge auswählen, die Toten schminken und das Krematorium reinigen. Diese Momente sind nicht dramatisch oder komisch, sondern gewähren intime Einblicke in die Lebenswelt des Protagonisten.

    Louis (Bernard Campan) entscheidet sich, Igor (Alexandre Jollien) weiter mitzunehmen, nachdem er den im Kofferraum seines Leichenwagens versteckten Hobby-Philosophen entdeckt hat ...


    Dasselbe gilt auch für Jolliens Figur: Igor wirkt weder mitleiderregend noch belustigend, sondern erwischt die Zuschauenden bei den eigenen Vorurteilen. Dass eine körperlich behinderte Person nicht auch geistig zurückgeblieben sein muss, wollten die Beteiligten mit ihrem Film aufzeigen – und das ist ihnen gelungen. Durch den dokumentarischen Gestus fehlt es dem 90-Minüter jedoch für einen Kinofilm streckenweise an Reibung: Als Louis Igor in seinem Leichenwagen auffindet, wird dieser Umstand etwa recht schnell als gegeben akzeptiert – und sogar die Aufeinandertreffen von zerstrittenen Familien kommen recht direkt zu einem harmonischen Ende. Durch diese fehlenden Konflikte sind die Entwicklungen der Figuren – Louis Entschluss, seinen blinden Passagier weiter mitzunehmen, oder Igor nachlassende Angst vor Krankheiten – nicht immer nachvollziehbar.

    Hier sind es eben die Figuren selbst, die sanft aufeinander einwirken, statt irgendwelche Drehbuchwendungen, die ihnen von außen vor die Füße geworfen werden. Wer Ekstase, Tränen oder Wutausbrüche in einem Film erwartet, wird von „Glück auf einer Skala von 1 bis 10“ deshalb enttäuscht werden. Das ist wohl auch der zentrale Unterschied zum ähnlich gelagerten Publikums-Megahit „Ziemlich beste Freunde“, aus dem zumindest die Szene bei der Polizeikontrolle ganz schön abgekupfert wurde. Jollien und Campan setzen stattdessen auf eine ruhige Stimmung, eine betonte Zartheit der Emotionen und Worte, an die man sich zu Beginn erst gewöhnen muss. Denn wer bekommt sonst schon im Alltag ständig Sartre und Nietzsche zitiert?

    ... und so wird aus der Zufallsbekanntschaft eine echte Freundschaft.


    In ein wenig bespieltes Terrain wagt sich der Film auch mit einer Sexszene zwischen Igor und ein Sexarbeiterin, die sehr glaubhaft und feinfühlig gespielt und inszeniert ist. Marie Benati gelingt in nur wenigen Minuten die Darstellung einer tiefsinnigen und liebevollen Frau, die anders als viele Film-Prostituierte nicht schwach oder kaputt ist. An dieser Stelle sind auch Campan und Jollien zu loben, die ihren Figuren ebenfalls keine durchgängige Stärke oder Schwäche geben. Besonders die Figur des Bestatter-Workaholics hätte zu einem klassischen „alten weißen Mann“ verkommen können. Stattdessen zeigt der Film einen gutmütigen, aber verschlossenen Menschen, dessen Geschichte und Hoffnungen sich erst gen Ende ganz entfalten.

    Auch das Finale artet nicht aus oder verrennt sich im Kitsch. Stattdessen bleibt sich der Film in Sachen Stimmung und Komik bis zum Abspann treu. Zum Schluss springen die beiden Männer gemeinsam ins Wasser und einem geht durch den Kopf, was man im besten Falle auch nach einer Beerdigung denkt: Wie schön es doch ist, am Leben zu sein...

    Fazit: „Glück auf einer Skala von 1-10“ ist ein ruhiger, stimmungsvoller, feinfühliger Film, der Vorurteile abbaut und neue Lebenswelten erschließt. Ohne viel Dramatik geht es darum, was das Leben lebenswert macht, nämlich Veränderung und Freundschaft.

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