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    Big Fish - Der Zauber, der ein Leben zur Legende macht
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Big Fish - Der Zauber, der ein Leben zur Legende macht
    Von Jürgen Armbruster
    Tim Burton war noch nie für realitätsgetreue, aus dem Leben gegriffene Filme bekannt. Ob nun „Beetlejuice“, „Batman“, „Edward mit den Scherenhänden“, „Mars Attacks!“, „Sleepy Hollow“ oder das von ihm inszenierte „Planet der Affen“-Remake... Es zieht sich wie ein roter Faden durch Burtons Karriere, dass er sich stets phantasievollen, nicht ganz ernst zu nehmenden Thematiken widmet. Sein neustes Werk „Big Fish“ reiht sich nahtlos in diese Folge ein, denn was der als Exzentriker verschriene Kalifornier abliefert, ist ein modernes, unvergessliches Kinomärchen der ganz besonderen Art.

    Will Bloom (Billy Crudup) hat ein Problem: seinen Vater Ed (Albert Finney). Es ist nicht so, dass er ihn nicht lieben würde. Im Gegenteil. Das Problem ist, dass Ed wann immer sein Leben thematisiert wird, in einen wahrhaft fantastisch und nicht ernst zu nehmenden Erzählwahn verfällt. Da Ed ein grandioser Geschichtenerzähler ist, stört dies seine Umwelt nicht weiter, doch Will hat einfach das Gefühl, seinen Vater nicht wirklich zu kennen, was auch zum Bruch zwischen den beiden führt. Vier Jahre wechseln Ed und Will kein Wort, bis eines Tages der Anruf kommt, der alles verändern sollte. Eds langjähriges Krebsleiden befindet sich im Endstadium, eine weitere Chemotherapie ist zwecklos. Dies nimmt Will zum Anlass, um ein letztes, klärendes Gespräch mit seinem Vater zu suchen. Er möchte endlich die Wahrheit über das Leben seines Vaters erfahren.

    Diese Rahmenhandlung spielt jedoch lediglich die zweite Geige. Im Mittelpunkt stehen die in Rückblenden vermittelten Erzählungen von Ed Bloom über sein Leben. Diese Episoden sind gleichermaßen surreal wie faszinierend. So erzählt Ed beispielsweise, wie er als junger Knabe im Sumpf auf eine Hexe stieß, die ihm die genaue Art seines zukünftigen Todes prophezeite. Verrückt? Mag schon sein, doch dies ist noch eine der glaubwürdigeren Anekdoten. Spätestens als der Zuschauer mit anschaut, dass Ed einen solchen Wachstumsschub durchmachte, dass seine Knochen und Muskeln sich nicht gleichermaßen wie sein Körper entwickeln konnten und er infolge dessen drei Jahre ans Bett gefesselt war, wird klar, dass man sich hier in einer modernen Variation der Münchshausen-Mär befindet, in der nicht immer zwischen Realität und Fiktion unterschieden werden kann. So rettet Ed seine Heimatstadt Ashton vor einem Riesen (Matthew McGrory), um anschließend in die weite Welt zu ziehen, wo er mit Sandra (Jessica Lang/Alison Lohman) die Liebe seines Lebens kennen lernt und obendrein eine gewichtige Rolle im zweiten Weltkrieg spielt. Bei Will – aber auch dem Zuschauer – stellt sich dabei mehr und mehr die Erkenntnis ein, dass in der vermeintlichen Lebensgeschichte von Ed nicht immer alles einen Sinn ergibt, aber eben dies seine Geschichte und damit Ed selbst auszeichnet.

    Bei „Big Fish“ handelt es sich um die Adaption von Daniel Wallace’ gleichnamigem Kultroman. Die Verfilmung dieses äußerst phantasievollen Werkes dürfte wohl für viele eine unüberwindbare Hürde darstellen, doch nicht so für Tim Burton. Mit knapp 70 Millionen Dollar im Rücken durfte er sich nach Herzenslust austoben und einen Film auf die Beine stellen, der einen mit seiner optischen Opulenz von der ersten Szene an in seinen Bann zieht. Gemeinsam mit Kameramann Philippe Rousselot („Planet der Affen“, „Instinkt“, „Interview mit einem Vampir“) machte Burton jede Einstellung, jedes einzelne Bild von Eds Traumwelt zu einem kleinen, unvergesslichen Kunstwerk.

    Neben der nahezu perfekten technischen Umsetzung kann „Big Fish“ mit wunderbaren darstellerischen Leistungen aufwarten. Absolutes Highlight ist dabei der Engländer Albert Finney als alternder Ed Bloom. Es ist einfach herzergreifend, diesen alten, todkranken Mann zu beobachten, wie er voller Hingabe und Freude seine Geschichte erzählt. In dieser Rolle, die ihm wie auf den Leib geschrieben zu sein scheint, läuft Finney zu ganz großer Form auf. Der junge Ed Bloom wurde mit Ewan McGregor besetzt. McGregor, der obendrein häufig als Erzähler fungiert, interpretiert seinen Ed dabei passender Weise mit einem Augenzwinkern, spielt sich stets mühelos in den Mittelpunkt und verleiht den phantasievollen Erzählungen Leben. Auf der Suche nach Will Bloom wurde Burton bei Billy Crudup fündig. Für Crudup, der Filmfreunden durch seinen Auftritt in „Almost Famous“ in Erinnerung geblieben sein dürfte, stellt „Big Fish“ seine bisher größte Produktion dar. Es ist ihm zu wünschen, dass ihm hiermit auch der endgültige Durchbruch gelingt, denn in ihm schlummert das Talent eines absoluten Ausnahmedarstellers. Im Vergleich zu diesem Dreigestirn bleiben Jessica Lange und Alison Lohman als alte und junge Sandra Bloom leider etwas blass, doch dies mag daran liegen, dass ihr Charakter vergleichsweise simpel gestrickt ist und ihm auch keine all zu große Bedeutung zukommt.

    Abgerundet wird „Big Fish“ durch Danny Elfmans wunderbaren, mit Ohrwurmqualitäten auftrumpfenden Score, für den er vollkommen zu Recht für einen Oscar nominiert wurde. Mit „Big Fish“ gelang Burton ein Märchen für die ganze Familie. Nehmen Sie ihre Frau oder Freundin in den Arm, packen Sie die Kinder ins Auto, laden Sie Eltern und Großeltern ein, verlegen Sie den gemeinsamen Familienabend ins Kino und lassen Sie sich auf eine zweistündige Reise durch die bittersüße Fantasiewelt eines Mannes entführen. Dieser Film wird jeden von Ihnen begeistern.
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