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    Censor
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Censor

    Das Herausreißen des Auges ist zu real

    Von Christoph Petersen
    Nirgendwo ist die öffentliche Diskussion über die potenzielle Gefährlichkeit von brutalen Horrorfilmen so sehr hochgekocht wie in Großbritannien unter Margot Thatcher in den 1980er Jahren. Nachdem es aufgrund einer Gesetzeslücke zunächst noch möglich war, selbst die heftigsten Filme einfach ganz ohne Altersfreigabe zu veröffentlichen, starteten religiöse Verbände und konservative Organisationen eine von der Boulevardpresse befeuerte Kampagne, die das Parlament 1984 schließlich zu einer Gesetzesänderung trieb. In Rahmen dieser Debatte wurde auch der bis heute gängige Begriff der sogenannten Video Nastys für besonders verabscheuungswürdige, auf VHS veröffentlichten Filme geprägt.

    In der Folge musste jeder Videofilm vor seiner Veröffentlichung zunächst dem British Board Of Classification (BBFC) vorgelegt werden. Zu den dort angestellten Zensor*innen zählt auch Enid Baines (Niamh Algar), die Protagonistin aus „Censor“, dem atmosphärischen Langfilmdebüt der für ihre Kurzfilme schon vielfach ausgezeichneten Horror-Regisseurin Prano Bailey-Bond. Die Prüfer*innen der BBFC müssen aber nicht nur den ganzen Tag lang gewaltvolle Filme schauen, sie dürfen dabei auch keine einzige Sekunde verpassen – sonst sitzt ihnen später die Klatschpresse im Nacken, sobald irgendein Irrer nach dem Schauen eines durchgewunkenen Films eine schwere Straftat begeht.

    Filmzensorin Enid gleitet langsam, aber sicher in den Wahnsinn ab.


    Die Szenen in der BBFC sind dann auch die mit Abstand stärksten in „Censor“: Man spürt sofort den immensen psychologischen Druck, dem die Zensierenden ausgesetzt sind. Der repressive Geist der Thatcher-Ära quillt aus jeder – angemessen angestaubten – Akte der verstörend grau anmutenden Behörde. So wird über jedes Fitzelchen Film verhandelt, als würde das Wohl der ganzen Nation davon abhängen: Die Enthauptung darf bleiben, weil sie so over the top ist, dass sie sowieso niemand ernstnehmen kann. Aber das Herausreißen des Auges ist einfach zu real, um es im Film zu belassen.

    Enid nimmt ihren Job auch deshalb so unglaublich ernst, weil sie die Menschen tatsächlich um jeden Preis schützen will – nachdem ihr genau das damals nicht gelungen ist, als ihre kleine Schwester im Alter von neun Jahren plötzlich spurlos verschwand. In einem Film des berüchtigten Horror-Regisseurs Frederick North (Adrian Schiller) meint sie nun, ihre Schwester nach mehr als 20 Jahren wiederentdeckt zu haben. Zumindest erinnert das Gesicht von Schauspielerin Alice Lee (Sophia La Porta) verblüffend an die von der Polizei angefertigten Phantombilder, die zeigen sollen, wie Enids kleine Schwester heutzutage aussehen könnte.

    Das Gehirn, der oberste Zensor


    In der Folge entwickelt sich „Censor“ zu einer mit Popkultur hantierenden Obsessionsstudie irgendwo zwischen David Lynchs „Lost Highway“ und David Robert Mitchells „Under The Silver Lake“. Aber während die Atmosphäre ansprechend bleibt, was vor allem an der starken Leistung von Niamh Algar („Raised By Wolves“) im Graue-Maus-Look mit Nickelbrille liegt, fehlen die interessanten Ideen, um die anfängliche Faszination über die gesamte Laufzeit aufrechtzuerhalten. „Censor“ fängt schnell an, vor sich hinzuplätschern.

    Sowohl die Einblicke in den Horrorfilmbetrieb als auch die – rar gesäten – Gore-Einschübe leiden spürbar unter den finanziellen Limitierungen der Produktion. Zudem spielt Enids Beruf plötzlich allenfalls noch auf einem metaphorischen Level eine Rolle – schließlich kann sie sich deshalb nicht mehr an das Verschwinden ihrer Schwester erinnern, weil das menschliche Gehirn ansonsten nicht zu ertragende Erinnerungen einfach selbst zensiert. Das zunehmende Ausblenden des Zensur-Szenarios ist allerdings doppelt schade – immerhin heißt der Film nicht nur „Censor“, genau das ist auch die stärkste Karte im Deck von Prano Bailey-Bond, die sie in der zweiten Hälfte aber praktisch gar nicht mehr ausspielt.

    Fazit: „Censor” hat eine starke Hauptdarstellerin, eine bedrückende Atmosphäre und ein vielversprechendes Szenario – macht dann aber viel zu wenig daraus.

    Wir haben „Censor“ im Rahmen der Berlinale 2021 gesehen, wo der Film in der Sektion Panorama gezeigt wird.
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