Pionierleistung aus neuer Perspektive
Von Lutz GranertNachdem zuvor bereits etwa ein Dutzend Versuche – teils mit tödlichen Folgen – gescheitert waren, glückte am 29. Mai 1953 ein Meilenstein des Höhenbergsteigens. Eine Expedition unter britischer Führung erklomm erstmals den 8.848 Meter hohen Gipfel des Mount Everest – und damit den höchsten Punkt der Erde. Obwohl Edmund Hillary, der für den Triumph sogar von der Queen zum Ritter geschlagen wurde, die meisten Lorbeeren zuteilwurden, stellte er selbst stets die geniale Leistung seines technisch versierten und bei der (westlichen) medialen Berichterstattung vernachlässigten Seilschaftspartners Tenzing Norgay heraus – und das nicht zuletzt auch deshalb, weil der nepalesisch-indische Bergsteiger ihm zuvor bei einem Sturz in eine Gletscherspalte das Leben gerettet hatte.
Die australische Dokumentarfilmerin Jennifer Peedom („Sherpa“) nahm sich für ihren ersten Spielfilm vor, Tenzing Norgay endlich zum Protagonisten seines eigenen Schicksals zu machen – und ihn nicht wieder nur als Sidekick in der Heldengeschichte eines anderen Mannes auftreten zu lassen. Diesen Anspruch löst sie in ihrer emotionsgeladenen Biografie „Tenzing“ auch voll ein, selbst wenn sie die späten Lebensjahre als weiterhin erfolgreicher Bergführer auslässt. Mit seinen dramatischen Bergsteigerszenen, den spektakulären Gebirgspanoramen sowie prominenten Castmitgliedern wie Tom Hiddleston („Avengers: Endgame“) oder Willem Dafoe („Nosferatu – Der Untote“) hätte der Film über die Auswertung auf dem Streamingdienst Apple TV hinaus auch einen Kinostart absolut verdient.
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Kurz vor der anstehenden Krönung von Queen Elizabeth II. reist 1953 eine britische Expedition unter Leitung des Militäroffiziers John Hunt (Willem Dafoe) ins nepalesische Kathmandu, um einen weiteren Versuch zu starten, den Mount Everest zu besteigen. Mit dabei sind eine Reihe äußerst versierter Bergsteiger, darunter die Briten Tom Bourdillon (Thomas M. Wright) und Charles Evans (Harry Greenwood), der Neuseeländer Edmund Hillary (Tom Hiddleston) sowie sein nepalesisch-indischer Sherpa Tenzing Norgay (Genden Phuntsok), der bereits ein Jahr zuvor mit einer Schweizer Expedition nur wenige Hundert Meter unter dem Gipfel gescheitert war.
Das Zeitfenster ist allerdings eng: Mit mehreren zur Akklimatisierung eingerichteten Lagern auf verschiedenen Höhen soll bis Mitte Mai die Gipfelbesteigung gelungen sein, bevor aufkommende Monsunwinde und Stürme die Unternehmung unmöglich machen. Doch die Expedition kommt lange Zeit nur schleppend voran ...
Neuseeland geht erstaunlich glaubhaft als Nepal durch
Zwar wurden einige Aufnahmen für Rückblenden tatsächlich in Nepal gedreht, bei den Bergsteiger-Szenen doubelten jedoch meist die neuseeländischen Alpen das Bergpanorama um den Mount Everest – und trotzdem hätten die majestätischen Gebirgsaufnahmen allein schon eine Kinoauswertung gerechtfertigt. Selbst wenn Jennifer Peedom und ihr Co-Autor Luke Davies („Lion“) um diese Schauwerte wissen und auch ihren Plot ein Stück weit um sie herum stricken, gerät die Ergründung der Titelfigur nie aus dem Blick. Immer wieder unterbrechen Rückblenden mit Tenzing Norgay den Film, um dem komplexen Innenleben der stets ebenso demütigen wie pragmatischen Titelfigur habhaft zu werden.
Seine frühe Begegnung mit dem britischen Bergsteiger George Mallory (ein Cameo-Auftritt von Johnny Flynn) oder seine Kindheit in ärmlichen Verhältnissen im Kharta-Tal, wo er beim Yak-Hüten immer wieder ehrfürchtig und fasziniert zu dem von ihm spirituell verehrten Berg hinüberschaut, erhalten angemessen Raum, ohne die Erstbesteigungs-Dramaturgie zu sehr auszubremsen – auch wenn der Ethno- und Streicher-Score dabei oft arg dick aufgetragen wirkt.
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Halluzinationen um und Erinnerungen an Norgays früh verstorbene Frau Dawa (Thinley Lhamo) müssen zwar etwas uninspiriert als emotional aufgeladener Motivationsschub insbesondere für den letzten Gipfelanstieg herhalten. Aber dafür spart „Tenzing“ in seiner in großbudgetierten Hollywoodproduktionen bislang unerzählten Perspektive nicht mit kritischen Zwischentönen. Anfeindungen innerhalb verschiedener Volksgruppen in Tibet oder das angespannte Verhältnis zwischen den als Kolonialherren herablassend agierenden Briten und Sherpas, die wegen zu wenig Wertschätzung mit der Verweigerung ihrer Arbeit drohen, kommen zum Tragen. Auch der damals verbreitete Rassismus wird aufgegriffen, wenn Norgay sich in den 1930er Jahren mit einem auswendig gelernten, aber dann vor Aufregung verpatzten Satz für sein erstes Engagement als Sherpa bei den Briten lächerlich macht – und als „Mr. Amazing“ nur Gelächter erntet.
Die Bergsteiger-Szenen sind ebenso spannend wie packend inszeniert. Jennifer Peedom spielt hier souverän ihre eigenen (Berg-)Erfahrungen aus ihren Dokumentarfilmen aus. Wind und Schnee fegen tatsächlich über die alpinen Dreh-Locations und nur ganz dezent wurde hin und wieder mit CGI nachgeholfen. Auf ihr weitreichendes Realismus-Konzept setzt Peedom auch bei der Besetzung des Hauptdarstellers. Mit Genden Phuntsok („Jinpa – Eine Geschichte aus Tibet“) fand sie einen in Nepal aufgewachsenen Schauspieler, der Norgays persönliche Erfahrungen mit Ausgrenzung kennt und die Titelfigur ebenso zurückhaltend wie bescheiden verkörpert. Nach seinen Parts als durchtriebener MCU-Loki verkörpert Tom Hiddleston zudem den bemerkenswert hemdsärmeligen Edmund Hillary, der sich als großer Pragmatiker wenig um ethnische Unterschiede im Expeditionsteam schert.
Fazit: Selbst wenn „Tenzing“ manchmal etwas dick aufträgt, ist Jennifer Peedom eine ebenso packende wie mitreißende Biografie gelungen, die der Hauptfigur endlich jene Würdigung zuteilwerden lässt, die ihr angesichts dieser versierten Pionierleistung in westlichen Medien damals vermutlich schon aus purer Ignoranz verweigert wurde. Dazu liefert die Regisseurin gleich in ihrem ersten Spielfilm einige der glaubhaftesten Bergsteigerszenen seit langem.
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