Whalefall
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Whalefall

Ein Mann muss aus den Eingeweiden eines Wales entkommen – und es ist trotzdem kein Trash!

Von Selina Sondermann

Ein Mensch wird von einem Wal verschluckt – und muss dann im Verdauungstrakt des Meeresriesen irgendwie überleben (und es im besten Fall sogar wieder herausschaffen). Als „Whalefall“ im vergangenen Jahr erstmals angekündigt wurde, verbreitete sich die biblisch anmutende Irrwitz-Prämisse wie ein Lauffeuer: Wird das einfach nur völliger Trash oder ist das wirklich ein ernst gemeintes Filmprojekt? Das erste veröffentlichte Szenenbild, das den Kopf von Hauptdarsteller Austin Abrams in einem überdimensionalen Rachen zeigt, befeuerte dann noch einmal von Neuem die Fantasie der Betrachtenden: Sofort stellt man sich ganz instinktiv die Frage, ob in der Realität überhaupt jemand so ein Tiefsee-Albtraum-Szenario überleben könne.

Und zumindest bei Kinofans schließt sich direkt noch die Überlegung an, wie so ein Kammerspiel im Inneren eines Tieres die Dramaturgie über eine volle Spielfilmlänge aufrechterhalten kann. Aber da können wir euch direkt beruhigen: „Whalefall“ von „No One Will Save You“-Regisseur Brian Duffield ist entgegen aller Wahrscheinlichkeit tatsächlich ein erstaunlich „realistischer“ Survival-Thriller geworden – nur wer unter Klaustrophobie leidet, sollte sich vermutlich zweimal überlegen, ob er im Kino wirklich eineinhalb Stunden mit in den Eingeweiden eines Wals feststecken möchte.

Man hat es schon nach dem Trailer erhofft: Brian Duffield inszeniert die durchgeknallte Prämisse so glaubhaft wie möglich. Disney und seine verbundenen Unternehmen
Man hat es schon nach dem Trailer erhofft: Brian Duffield inszeniert die durchgeknallte Prämisse so glaubhaft wie möglich.

Der Film beginnt mit röchelnden Atemzügen und einem keuchenden, kraftlosen Husten. Der ehemalige Berufstaucher Mitt Gardiner (Josh Brolin) ist sichtlich ausgezehrt und dem Ende nah, als er sich in suizidaler Absicht vom Boot in den Ozean fallen lässt. Seiner Familie hinterlässt er nur eine Handvoll personalisierter Briefe. Aber statt den Umschlag zu öffnen und sich den letzten Worten seines Vaters zu stellen, beschließt der Student Jay (Austin Abrams), nach den sterblichen Überresten zu suchen, da bislang nur ein leerer Sarg beigesetzt werden konnte. Die anrückende Küstenwache ignoriert er ebenso wie die beiläufige Warnung des Tauchrüstungsverleihers, dass in Strandnähe Wale gesichtet wurden.

Aber genau das wird ihm zum Verhängnis, als er sich unter Wasser plötzlich inmitten eines Selbsterhaltungskampfes zwischen Tintenfisch und Pottwal wiederfindet – und schließlich mitsamt dem chancenlosen Weichtier in den riesigen Schlund des Meeressäugers gesogen wird. Jays Überlebenschancen schwinden mit jedem Atemzug, denn er hat nur noch für maximal eine Stunde Sauerstoff, um sich aus dem Inneren des 60-Tonners zu befreien …

Gab es so einen Fall wirklich schon mal?

In der Stephen-King-Verfilmung „Das Spiel“ ist die Protagonistin Jessie nach einem Sexspielunfall mit Handschellen an ein Bett gefesselt – eine extreme räumliche Beschränkung, die nur durch Rückblenden aufgebrochen wird. In diesen wird erklärt, warum die zunehmend verzweifelnde Jessie gerade so handelt, wie sie handelt. Das ist ein ganz ähnlicher dramaturgischer Aufbau wie beim Oscar-Abräumer „Slumdog Millionär“, wo die Hauptfigur Jamal eigentlich nur auf dem Kandidatenstuhl von „Wer wird Millionär?“ hockt, aber in Flashbacks enthüllt wird, durch welche Ereignisse in seinem Leben er zufällig alle Antworten weiß – und genauso funktioniert nun auch „Whalefall“: Ursache und Wirkung werden in dieser bewussten Dosierung von Informationen direkt miteinander verknüpft – Erinnerungen beeinflussen, welche Entscheidungen der Protagonist in seiner vermeintlich ausweglosen Lage trifft. Zu Lebzeiten tat Mitt wirklich alles, um seinen Sohn mit einem erbarmungslosen Drill auf eine Zukunft als Tiefseetaucher vorzubereiten – und genau diese widerwillig erlernten Lektionen könnten Jay nun womöglich das Leben retten.

„Whalefall“ basiert dabei auf einem wissenschaftlich erstaunlich ausführlich recherchierten Roman von Daniel Kraus, der zusammen mit dem Regisseur Brian Duffield auch das Drehbuch zum Film geschrieben hat. Tatsächlich wirkt das Szenario ausgesprochen durchdacht, selbst wenn es sich zugleich natürlich auch auf allerlei Mythen und Legenden bezieht. So berichteten US-amerikanische Zeitungen schon im 19. Jahrhundert über einen Mann, der bei lebendigem Leib von einem Wal verschlungen worden war – und obwohl der Fall von James Bartley mittlerweile als widerlegt gilt, blieben die eindringlichen Schilderungen der von Magensäure verätzten Haut des Seefahrers nachhaltig im kollektiven Gedächtnis hängen. Auch Jay, der es versäumt hat, Taucherhandschuhe anzuziehen, muss nun am eigenen Leib erfahren, welche korrosive Wirkung die Verdauungssekrete eines Wals haben können – da spürt man selbst im Kino die Phantomschmerzen an seinen Händen.

Jay (Austin Abrams) wollte damals nichts von seinem Vater Mitt (Josh Brolin) lernen – aber jetzt könnten ihm genau diese Lektionen das Leben retten. Disney und seine verbundenen Unternehmen
Jay (Austin Abrams) wollte damals nichts von seinem Vater Mitt (Josh Brolin) lernen – aber jetzt könnten ihm genau diese Lektionen das Leben retten.

Und es wird sogar noch mal eine Schippe draufgelegt, wenn sich die anderen vom Wal gefressenen Tiere in ihrer eigenen Überlebensnot gegen Jay richten – eine der (im besten Sinne) unangenehmsten Szenen des Kinojahres 2026, die es mit jedem Body-Horror-Streifen aufnehmen kann, dreht sich etwa um den skalpellscharfen Schnabel eines Tintenfisches. Während die eröffnenden Panoramaaufnahmen einer rauen Steinbucht vor der Küste Kaliforniens fast schon generisch in ihrer Schönheit sind, überzeugt „Whalefall“ vor allem durch die Gestaltung seiner Hauptkulisse, die sich hier als glitschiges Labyrinth aus pulsierendem Gewebe erweist. Nur die allerwenigsten werden sich jemals näher mit dem Verdauungsapparat eines Pottwals auseinandergesetzt haben, dennoch vermitteln die Bilder einen haptischen, authentischen Eindruck. Ihre Enge und Beklemmung schaffen ein überwältigend erdrückendes Gefühl, das nicht nur Jay, sondern in den stärksten Momenten auch dem Publikum den Atem abschnürt.

Es ist faszinierend, wie Regisseur Duffield immer wieder Lichtquellen findet (sonst säßen wir ja nur vor einer schwarzen Leinwand), die sich aber dennoch absolut organisch anfühlen und die Immersion aufrechterhalten. In der Tiefe des Meeres sind es etwa Narben des Wales, die weiß in der Dunkelheit glimmern – und in seinen Gedärmen findet man sich durch die hellen Details an Jays Neoprenanzug sowie praktischerweise mitverschlungene Leuchtquallen zurecht. Nach „Resident Evil“ beweist Austin Abrams hier erneut, dass er die Idealbesetzung für die Rolle des Jedermanns in besonders brenzligen Situationen ist. Obwohl in seiner Filmografie auch leichtere Kost wie „Dash & Lily“ zu finden ist, stürzt sich der Floridianer mit wagemutiger Spielfreude in die Extreme und scheint besonders dann aufzublühen, wenn er an seine Grenzen gebracht wird. Im Internet machen mittlerweile ganze Listen und Rankings die Runde, auf denen seine bisherigen filmischen Herausforderungen aneinander gemessen werden.

Eine besonders abgefahrene Geburts-Metapher

Obwohl seine Mimik durch die Schwimmbrille und das Sauerstoff-Mundstück zeitweise eingeschränkt sichtbar ist, schafft es der „Euphoria“-Darsteller, Jays Angst, Schmerzen und langsam schwindenden kognitiven Fähigkeiten gezielt Ausdruck zu verleihen. Seine Performance ist so einnehmend, dass es jedes Mal auch ein bisschen schade ist, wenn einen die nächste Rückblende aus dem filmischen Sog reißt. Die Rückblenden sind – wie bereits erklärt – kein beliebiges Beiwerk, sondern elementarer Story-Bestandteil, aber gefühlt wird dennoch einmal zu viel auf Jays Vergangenheit verwiesen, denn jeder Einschub bremst unvermeidlich die Dringlichkeit der Walflucht aus. Nach „Gangster Squad“ und „Weapons“ ist dies bereits die dritte Zusammenarbeit zwischen Josh Brolin und Austin Abrams – aber obwohl die beiden problemlos eine glaubhafte Vater-Sohn-Dynamik verkörpern, erreichen einzelne Momente ihres angespannten Verhältnisses nicht immer das erhoffte Pathos.

Angesichts der mühevollen Kleinstarbeit, die Duffield in die Inszenierung der Befreiungsversuche gesteckt hat, fällt im direkten Vergleich auf, dass die familiären Segmente wie hinten angestellt wirken. Da wird eher auf vertraute Motive und emotionale Abkürzungen gesetzt, anstatt ebenso innovativ vorzugehen. Wenn Jonas‘ Geschichte in der Bibel uns lehren soll, dass wir Gottes Plan nicht entfliehen können, ist der Grundgedanke von „Whalefall“ wohl die Unausweichlichkeit unseres familiären Erbes. Der Vater wird zur Gottesfigur, die über allem schwebt – und trotz Kommunikationsschwierigkeiten selbst nach ihrem Tod noch die Schritte des Kindes zu lenken vermag. Das Ringen durch fleischliche Wände in Richtung Licht erinnert dabei sicherlich nicht zufällig an den Vorgang einer Geburt.

Fazit: Ein klaustrophobisch packender Survival-Thriller, dem es gelingt, das auf dem Papier völlig durchgeknallte Szenario für das Publikum körperlich erfahrbar und intensiv zu gestalten. Nur sind die ständig eingestreuten Vater-Sohn-Flashbacks leider nicht so effektiv wie Jays Fluchtversuche aus dem Magen eines Wales. Auch das Plädoyer für einen respektvollen Umgang mit der Natur kommt im zugrunde liegenden Roman stärker zur Geltung.

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