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    Niemand ist bei den Kälbern
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Niemand ist bei den Kälbern

    Nach dem Bestseller-Roman von Alina Herbing

    Von Teresa Vena

    Während ihr erster Spielfilm „Prélude“, ein verschachteltes Thriller-Drama mit Louis Hoffmann als am Druck zerbrechender Nachwuchspianist, 2019 noch auf dem Filmfest München seine Weltpremiere feierte, präsentierte Sabrina Sarabi ihr zweites Werk nun beim Locarno Film Festival, wo ihr auch eine internationalere Aufmerksamkeit sicher war. In der Sektion Cineasti del Presente, die einer jungen Generation von Filmemacher*innen gewidmet ist, wurde Saskia Rosendahl der Preis für die beste Hauptdarstellerin verliehen. Auch in „Niemand ist bei den Kälbern“ konzentriert sich Sarabi erneut auf das Gefühlsleben eines jungen Erwachsenen, der sich aus einem starren, ihm aufgezwungenen gesellschaftlichen Rahmen zu emanzipieren versucht.

    „Niemand ist bei den Kälbern“ ist dabei sowohl eine Geschichte über das Erwachsenwerden als auch das Porträt eines patriarchalisch geprägten Umfelds aus weiblicher Perspektive, das zwar spezifisch in der deutschen Landschaft verankert ist, aber zugleich auch universelle Fragen zu Geschlechterrollen und dem Verhältnis zwischen Moderne und Tradition aufwirft. Der Film basiert dabei lose auf dem 2017 erschienenen gleichnamigen Roman von Alina Herbing, die darin ihre eigene Kindheit in einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern verarbeitet hat. Das Buch wurde damals von der Kritik positiv angenommen, vor allem Herbings authentische Sprache wurde gelobt. Sarabi, die nun einen spürbar eigenen Zugang zum Stoff gefunden hat, beweist eine ähnliche Fähigkeit zur genauen Beobachtung und ein feines Gespür für zwischenmenschliche Spannungen.

    Christin (Saskia Rosendahl) übt sich in stiller Auflehnung.

    Christin (Saskia Rosendahl) lebt mit ihrem Freund Jan (Rick Okon) und dessen Eltern auf einem Bauernhof in der Provinz von Mecklenburg-Vorpommern. Sie verweigert sich allerdings weitgehend der Arbeit und dem Leben vor Ort, indem sie eine stille Form der Auflehnung betreibt: Wann immer es geht, flieht sie in den nächstgrößeren Ort, hängt dort mit ihrer besten Freundin Caro (Elisa Schlott) ab und trinkt Alkopops. Ansonsten ernährt sie sich von Limonade und schläft bis weit in den Vormittag hinein. Jan lässt sie weitgehend gewähren, trägt die Last des Hofes selbst. Nur um die Kälber kümmert sich Christin ab und zu selbst.

    Auf einem der umliegenden Felder stehen Windkraftanlagen, denen Jan äußerst misstrauisch gegenübersteht, weil er sie für schädlich für die Tiere hält. Christin verhält sich auch diesem Thema gegenüber gleichgültig. Als der Ingenieur Klaus (Godehard Giese) für Wartungsarbeiten aus Hamburg kommt, fühlt sich Christin von ihm angezogen, da er ihre Sehnsucht nach der Großstadt und des Ausbruchs aus ihrer festgefahrenen Situation bedient. Für sie der nötige Anstoß, sich darüber klar zu werden, welche Art von Leben sie wirklich für sich will…

    Flucht aus dem Idyll

    Besonders auffällig ist, wie wenig die Figuren miteinander reden. Wenn Christin doch mal jemand anspricht, dann entweder ein sexuell frustrierter Bauerntölpel oder einer der anderen Männer, die ihr ständig Vorwürfe machen. Darunter der Vater (Peter Moltzen) ihres Freundes, dem sie zu faul und zu „nuttig“ angezogen ist, sowie ihr eigener alkoholkranker Vater (Andreas Döhler), um den sie sich liebevoll sorgt, der ihr aber dieselben immer gleichen Phrasen an den Kopf wirft. Jan wiederum drückt seine Missbilligung vor allem durch Schweigen aus. Allein mit Caro kann sie sich unterhalten. Allerdings verlaufen auch diese Gespräche eher einseitig, weil Caro mit ihrer dominanten und auch etwas vulgären Art nicht geeignet ist, Christin Trost zu spenden. Als Caro schließlich nicht mehr auf ihre Anrufe reagiert, bleibt Christin nur noch die Stille.

    Eindrücklich zeigt der Film, dass die Hauptfigur offensichtlich nie gelernt hat auszudrücken, was sie fühlt und wünscht. Erst nach der immer gleichen Demütigung findet sie schließlich die Kraft, sich zu widersetzen – und auch das geschieht wieder weitgehend wortlos. Neben ihrem stummen Starren gehört dazu auch ihre ebenso befremdliche wie unangebrachte Kleidung, die aber auch nicht wirklich der Mode der Stadt entspricht, in die es Christin ja immer wieder zieht. Die Menschen um sie herum entscheiden sich allerdings, ihre Missstimmung zu ignorieren. Resigniert in der eigenen Perspektivlosigkeit verstehen sie die Unangepasstheit Christins vielmehr als Affront gegen ihre eigene Passivität. In Saskia Rosendahls Mimik, die für diese Rolle zurecht ausgezeichnet wurde, schreit alles nach dem Wunsch, bemerkt zu werden.

    Eine ambivalente Auflösung

    Kritisieren ließe sich hingegen eine gewisse Langatmigkeit im mittleren Teil, der durch eine Verdichtung der Motive hätte begegnet werden können. Allerdings unterstreicht sie dramaturgisch die vermeintliche Ausweglosigkeit der Situation, die dann ein eher (zu) abruptes Ende findet. Gut, dass sich die Regisseurin dafür entscheidet, dieses mehrdeutig zu gestalten. Mit der Romantik des Landlebens räumt der Film trotzdem auf ganzer Linie auf. Es geht ihm vielmehr darum, dessen oft stumme Brutalität aufzuzeigen. Um Rituale, Gewohnheiten und vermeintliche Errungenschaften zu bewahren, begegnet man Verweigerern und Andersdenkenden mit Ablehnung und Ausgrenzung.

    Fazit: Sensibel, aber dennoch ungeschönt entwirft Sabrina Sarabi das Bild eines konservativen und misogynen Landlebens – und zwar mit einer Protagonistin, die nicht einfach nur das sympathische Opfer ist: Spannend vielschichtig verleiht Saskia Rosendahl ihrer Christin sowohl eine sympathische Naivität als auch etwas unangenehm Abstoßendes – eine verdientermaßen preisgekrönte schauspielerische Leistung.

    Wir haben „Niemand ist bei den Kälbern“ beim Filmfestival in Locarno gesehen.

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