Die humorlose Amazon-Antwort auf Captain Jack Sparrow
Von Lutz Granert„Mantel-und-Degen“ ist als Oberbegriff für Abenteuerfilme in einem historischen Setting heute ebenso antiquiert wie die meisten seiner Vertreter. Die großen Klassiker wie „Unter Piratenflagge“ (1935) oder „Der rote Korsar“ (1952) hatten bereits eine dicke Patina angesetzt, als Johnny Depp als Mascara-Pirat in „Fluch der Karibik“ (2003) mit jeder Menge Situationskomik und erstklassigen Spezialeffekten frischen Wind in die Segel des Genres blies. Im Auftakt der bislang fünf Teile umfassenden und mit einem weltweiten Einspielergebnis von zirka 4,5 Milliarden Dollar unverschämt erfolgreichen Reihe spielte auch Zoe Saldaña („Avatar“) eine ihrer ersten größeren Rollen als Sparrows alte Flamme Anamaria. Auch wenn die Erinnerungen der späteren Oscar-Preisträgerin an die Dreharbeiten eher durchwachsen waren, wurde im Februar 2021 ein Piraten-Abenteuer mit ihr in der Hauptrolle angekündigt – damals noch für Netflix.
Allerdings sollte es anschließend noch drei Jahre dauern, bis „The Bluff“ tatsächlich in Produktion ging, wenn auch unter anderen Segeln: Die Amazon MGM Studios hatten sich inzwischen die Rechte gesichert. Zoe Saldaña blieb zwar als Co-Produzentin erhalten, wurde aber in der Hauptrolle von Priyanka Chopra Jonas aus der erfolgreichen Amazon-Spionage-Serie „Citadel“ ersetzt. Das betont humorfreie Action-Abenteuer mit martialischer weiblicher Hauptfigur, reichlich Blut und Brutalitäten kommt zunächst wie eine erfrischend erwachsene Antithese zur „Fluch der Karibik“-Reihe daher. Doch dann lässt einen der arg generische Plot unter der Regie von Frank E. Flowers („Haven“) auch wegen der flach geratenen Charaktere schlicht kalt.
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Wir schreiben das Jahr 1846: Schon seit einigen Jahren hat sich Ercell „Bloody Mary“ Bodden (Priyanka Chopra Jonas) auf den Cayman Islands zur Ruhe gesetzt. Dort führt sie zusammen mit ihrem Seefahrer-Ehemann T. H. (Ismael Cruz Cordova), ihrem an einer Lähmung leidenden Sohn Isaac (Vedanten Naidoo) sowie ihrer Schwägerin Lizzy (Safia Oakley-Green) ein ruhiges Leben. Doch damit ist es bald vorbei: Captain Francisco Connor (Karl Urban) und seine Crew haben T. H. auf offener See als Geisel genommen und sind gekommen, um einen einst geklauten Goldschatz zurückzufordern. Aber so leicht gibt sich die Ex-Piratin nicht geschlagen, im Gegenteil …
Schon in den ersten Minuten von „The Bluff“ wird mehr als deutlich, dass es hier nicht um familienfreundliche (Disney-)Unterhaltung geht, sondern dass er sich ausschließlich an ein erwachsenes Publikum richtet: Da nimmt etwa der vom neuseeländischen „The Boys“-Serienstar Karl Urban grimmig verkörperte Bösewicht einen Strand in einer regelrechten Meuchelorgie ein. Da reihen sich Kopfschüsse, von Säbeln durchbohrte Leiber und – zum Statuieren eines Exempels – sogar die regelrechte Sprengung eines Dorfbewohners blutig aneinander. Ebenso brachial geht es parallel in der Hütte von Ercell zu, die sich nur mit Mühe und dem pragmatischen Einsatz von allerlei Stichwerkzeugen der Eindringlinge erwehren kann.
Die temporeiche Hatz setzt sich – inklusive abgetrennter Gliedmaßen – bald im Dschungel der Insel und in einem geheimen Felsenversteck fort, wobei in „Rambo“-Manier etliche Fallen oder ausgeklügelte Hinterhalte die Anzahl von Connors Gefolgsleuten immer weiter ausdünnen. Am Ende steht ein (bereits im Trailer angeteasertes) Duell auf einer Felsenklippe, das mit künstlich anmutendem CGI-Feuer und überbelichtetem Green-Screen-Ozeanpanorama regelrecht vollgemüllt ist. Der überraschungs- und spannungsarme Simpel-Plot gerät dabei vorhersehbar – und auch für den Background der Figuren bleibt keine Zeit, die deswegen austauschbar wirken. In zwei nur wenige Sekunden langen Rückblenden und einer Handvoll Dialogzeilen wird Ercells Sklaven-Vergangenheit auf einem Piratenschiff hektisch abgefrühstückt.
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Immerhin steht Priyanka Chopra Jonas die Rolle der Freibeuter-Action-Heldin verdammt gut – und das trotz eines Übermaßes an Make-up. Es ist ihre erste Hollywood-Hauptrolle nach der RomCom „Love Again“, bevor sie für den heißerwarteten „RRR“-Nachfolger „Varanasi“ in ihre Bollywood-Heimat zurückkehren wird. Mit einer enorm physischen Performance und teils akrobatischer Wendigkeit ist ihr der Spaß an dem Part durchweg anzumerken. Kein Wunder, schließlich hat Chopra Jonas die besondere Bedeutung der Rolle für sie in Interviews bereits wiederholt betont: Zwar sah man eine Hauptdarstellerin in einem Piraten-Abenteuer bereits im Mega-Flop „Die Piratenbraut“ (1995) mit Geena Davis, doch mit der Repräsentation von Frauen vom indischen Subkontinent in tragenden Rollen in Hollywood-Produktionen sieht es bis heute generell dürftig aus.
„Echte Piraten sind Mörder, keine Helden“, wird Ercell in einer Dialogzeile in der Mitte des Films in den Mund gelegt. Da unternimmt „The Bluff“ für eine kurze Zeit den eher alibihaften Versuch, über historisch längst überlebte Mythen und Motive des „Piratentums“ zu reflektieren. Die Kolonisation der Welt und damit das glorreiche Zeitalter von Freiheit und Anarchie auf den Weltmeeren ist Mitte des 19. Jahrhunderts abgeschlossen. Die Suche nach Gold ist dem Eintreiben eines von der britischen Regierung ausgesetzten Kopfgelds als Existenzgrundlage gewichen, wofür auch eine Begnadigung für einstige Untaten winken würde. Ganz kurz stellen sich Assoziationen zu Clint Eastwoods mit zahlreichen Westernklischees abrechnendem Meisterwerk „Erbarmungslos“ ein – bevor „The Bluff“ dann wieder zu 08/15-Action-Scharmützeln übergeht.
Fazit: Der ebenso grimmige wie brutale Ansatz hebt „The Bluff“ bewusst von der familientauglichen „Fluch der Karibik“-Reihe ab. Das bluttriefende und temporeiche Abenteuer enttäuscht jedoch – trotz Priyanka Chopra Jonas als überzeugender Action-Heldin – mit flachen Charakteren und einem arg CGI-geschwängerten Finale.