Hinter jedem Türchen ein Axtmord
Von Christoph PetersenAls das Gespräch in Eli Roths „History Of Horror“-Podcast auf das Thema „Festtags-Horrorfilme“ kam, stellte Quentin Tarantino die steile These auf, dass diese ohnehin alle nicht der Rede wert wären – mit einer Ausnahme: „Silent Night, Deadly Night“ (oder im Deutschen: „Stille Nacht – Horror Nacht“) von 1984 sei so verstörend, dass ihn selbst erfahrene Slasher-Aficionados nicht einfach so wegstecken würden. Und Recht hat er: Immerhin wird das ganze erste Drittel darauf verwendet, die schrecklichen, allesamt weihnachtsbezogenen Kindheitserlebnisse des Protagonisten nachzuzeichnen – bis man wirklich versteht, warum er schließlich im Santa-Outfit Amok läuft und gefühlt die halbe Kleinstadt massakriert. Von gleich einer ganzen Reihe unvergesslicher Kills mal ganz zu schweigen. Aber kann man es sich in Zeiten von TikTok & Co. überhaupt erlauben, so lange zu warten, bis das versprochene Festtagsgemetzel richtig in Fahrt kommt – zumal das Poster auch noch eine Verbindung zum Studio von „Terrifier 2“ und „Terrifier 3“ anpreist?
Offenbar nicht, denn Regisseur und Autor Mike P. Nelson kürzt den Einstieg in der zweiten Neuauflage (ein erstes Remake gab es bereits 2012) konsequent ab. Aber gerade, als man ihm im Namen aller Fans bereits den „Naughty“-Stempel verpassen will, wird klar: In seinem „Silent Night, Deadly Night“ von 2025 werden zwar allerhand ikonische (Kill-)Momente des Originals direkt aufgegriffen, aber darüber hinaus entwickelt sich der Santa-Slasher diesmal in eine völlig neue Richtung – weg vom geradlinigen Amok-Terror hin zu einem Serienmörder-Schlachtfest, das bis zum Finale mit immer neuen Wendungen und Spurwechseln aufwartet. Das ist zwar weit weniger verstörend, aber dafür ziemlich unterhaltsam, zumal der Bodycount diesmal – vor allem dank einer punsch- und blutgetränkten Nazi-Weihnachtsfeier – ungleich höher ausfällt.
StudioCanal
Seit er im Alter von acht Jahren mitansehen musste, wie ein als Weihnachtsmann verkleideter Killer seinen Eltern die Köpfe mit einer Schrotflinte weggeschossen hat, hört Billy Chapman (Rohan Campbell, „Halloween Ends“) eine Stimme (Mark Acheson) in seinem Kopf. Jeden Dezember befiehlt ihm diese, all jene zu ermorden, die seiner Meinung nach auf die „Naughty“-Liste des Weihnachtsmanns gehören – und zwar jeden Tag einen, bis zum 24. Dezember. Hierfür trägt Billy sogar einen speziellen Adventskalender mit sich herum, hinter dessen Türchen er Daumenabdrücke mit dem Blut seiner Opfer hinterlässt – und dem durchgeweichten Zustand des Papiers nach zu urteilen, scheint er das schon seit einigen Jahren so zu machen.
Die Stimme sagt ihm allerdings auch, wann es an der Zeit ist, weiterzuziehen, bevor ihm die Behörden endgültig auf die Schliche kommen – und so landet Billy in diesem Jahr als Aushilfskraft im Weihnachtsgeschäft von Mr. Sims (David Lawrence Brown). Während Billy allabendlich loszieht, um die Stimme in seinem Kopf zufriedenzustellen, verliebt er sich zugleich in die Tochter seines Chefs, Pamela (Ruby Modine). Allerdings scheint diese auch nicht ganz normal zu sein, was spätestens dann klar wird, als sie auf dem Eishockeyfeld die zwei Bullys ihres Neffen verdrischt und dafür sogar kurzzeitig hinter Gittern landet…
Es gab bereits sechs „Silent Night, Deadly Night“-Filme, was soll Mike P. Nelson da also noch großartig Neues einfallen? Aber andererseits gab es ja auch schon sieben „Wrong Turn“-Teile, bevor der Autor und Regisseur das Franchise 2021 mit seinem Remake einmal auf links gedreht hat. Die Überschrift der offiziellen FILMSTARTS-Kritik lautete damals sogar „Ganz anders als erwartet“ – und genau so hätte man jetzt auch die Besprechung zu „Silent Night, Deadly Night“ betiteln können: Wie bei „Wrong Turn – The Foundation“ gibt es nicht einfach nur die üblichen Twists, man muss sich sogar irgendwann fragen, ob der Film überhaupt noch im selben Genreregister agiert, wie man zuvor die ganze Zeit angenommen hatte.
Das Original genießt auch deshalb den Status eines Slasher-Klassikers, weil er gerade so konsequent konzentriert daherkommt: Trotz des ausgiebig verstörenden Kindheits-Einstiegs ist er gerade einmal 84 Minuten lang. Aber davon muss man sich ebenso freimachen wie von den Vergleichen zur „Venom“-Trilogie – obwohl die Stimme in Billys Kopf zugegeben nicht nur fast genauso klingt wie Tom Hardy als außerirdischer Parasit, sondern zudem auch noch einen ganz ähnlich herausfordernd-trockenhumorigen Tonfall an den Tag legt. Zumindest wenn einem das gelingt, kann man mit dem hakenschlagenden und dabei selbst (Sub-)Genregrenzen überschreitenden Advents-Massaker sehr viel Spaß haben.
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Eine Sache traut sich aber nicht einmal Mike P. Nelson, der sich direkt zu Beginn des Films als Fan der Trash-Legende „Santa Claus Conquers The Martians“ outet: Die ikonischsten Kills des Originals finden sich allesamt – wenn auch teils in anderer Reihenfolge oder in anderen Zusammenhängen – auch im Remake wieder! Ein „Silent Night, Deadly Night“-Film ohne Axt-Enthauptung mitten in der (Schlitten-)Fahrt oder ohne kitschiges Hirschgeweih, das sich perfekt zum Aufspießen eignet? Das geht natürlich gar nicht! Wobei man auch nicht den völlig falschen Eindruck bekommen sollte: Vergleiche mit dem Weihnachts-Gore aus „Terrifier 3“ verbieten sich weiterhin, selbst wenn der Titel auf dem Poster auftaucht. Der Serienkiller-Santa aus „Silent Night, Deadly Night“ spielt trotz im Dutzend gespaltener Schädel weiterhin in einer ganz anderen Liga als die Gore-Granate Art the Clown.
Fazit: In seinem Remake des Slasher-Klassikers von 1984 greift „Wrong Turn“-Revoluzzer Mike P. Nelson zwar – von der Schlitten-Enthauptung bis zum Hirschgeweih-Spieß – all die ikonischen Todesarten des Originals direkt auf. Darüber hinaus stellt er die Story aber komplett auf den Kopf – und das auf ziemlich clevere Weise. So ist die Neuauflage zwar längst nicht so räudig, aber dafür ziemlich kathartisch – vor allem, wenn der axtschwingende Serienkiller-Santa die Scheunen-Weihnachtsfeier der lokalen White-Supremacy-Vereinigung crasht.