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    Final Cut
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Final Cut

    Der blutige Beweis, dass mehr Geld ein Nachteil sein kann

    Von Annemarie Havran
    2018 spielte sich eine unglaubliche Erfolgsgeschichte ab: Die mit zumeist unbekannten Darsteller*innen besetzte Low-Budget-Zombie-Komödie „One Cut Of The Dead“ von Shin'ichirô Ueda ging in Japan in gerade einmal zwei Kinos an den Start – und entwickelte sich dank begeisterter Kritiken und Mundpropaganda zum Überraschungs-Hit. Am Ende wurde die clevere Horror-Komödie nicht nur schnell in immer mehr Kinos, sondern auch immer weiteren Ländern gezeigt und schrieb so schließlich Box-Office-Geschichte: Mit Einnahmen von über 31 Millionen Dollar wurde das Tausendfache des Mini-Budgets von gerade einmal 25.000 Dollar eingespielt.

    Das Remake „Final Cut “ hingegen geht 2022 unter ganz anderen Voraussetzungen an den Start. Gedreht von „The Artist“-Regisseur Michel Hazanavicius mit den französischen Stars Romain Duris und Bérénice Bejo in den Hauptrollen, eröffnet die mit 4 Millionen Euro budgetierte Zombie-Komödie mit Cannes das größte und renommierteste Filmfestival der Welt. Doch genau dieser Unterschied erweist sich als Problem des ansonsten durchaus unterhaltsamen Films – vor allem für diejenigen, die das Original kennen. Alle anderen erwartet ein (kunst-)blutiger, launiger Streifen mit einem großartigen und absolut zentralen Twist – der es leider auch nötig macht, diese Kritik ausnahmsweise mit Spoilern zu schreiben. Ohne diese lässt sich „Final Cut“ kaum besprechen. Wer den Film oder dessen Vorlage „One Cut Of The Dead“ noch nicht gesehen hat, sollte nicht weiterlesen. Schaut zuerst eine der beiden Versionen – am besten das japanische Original!

    Letzte Warnung: Es folgen SPOILER!


    Ein Filmteam dreht in einer verlassenen Fabrikhalle einen Zombie-Film. Es läuft nicht besonders gut, der cholerische Regisseur (Romain Duris) beschimpft seine Hauptdarstellerin als talentlos, weil ihm ihre Angst nicht echt genug erscheint. Doch dann tauchen echte Zombies auf, und die Crew muss nun tatsächlich um ihr Leben fürchten, was der Regisseur mit diabolischer Hingabe filmt – alles für die Kunst eben!

    Wie im Original ist das erste Drittel beeindruckend ohne Schnitt gefilmt, wird aber ein unvorbereitetes Publikum, welches sich vielleicht wegen des für „The Artist“ oscargekrönten Michel Hazanavicius ins Kino verirrt hat, irritieren. Die Effekte sind billig, die französischen Darsteller*innen, die allesamt Figuren mit japanischen Namen spielen, verhalten sich seltsam, und irgendwann fällt die Kamera einfach zu Boden. Nach über einer halben Stunde gibt es dann jedoch die Auflösung: Es handelt sich um einen Film im Film!

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    Denn Romain Duris spielt Regisseur Rémi, der einen Film über das Auftauchen von echten Zombies bei einem Zombie-Film-Dreh machen soll. Die besondere Herausforderung: Das alles soll live und ohne Schnitt über die Bühne gehen. Und weil Rémis Crew von Pleiten, Pech und Pannen verfolgt wird, aber voller Herzblut alles daran setzt, den Live-Stream mit viel Improvisationstalent doch noch am Laufen zu halten, ergeben die vielen Patzer, Dialog-Hänger und Kamera-Schlenker aus dem ersten Drittel plötzlich Sinn...

    Ein Meta-Remake, was aber zu nichts führt


    Rémi muss sich nämlich nicht nur mit Durchfall-Erkrankungen in der Crew, seinem besserwisserischen Hauptdarsteller Raphaël (Finnegan Oldfield) und geschrotteter Technik herumschlagen, kurz vor Sendestart haben auch noch zwei seiner Stars einen Unfall – und so müssen er und seine Ehefrau Nadia (stark: Bérénice Bejo) kurzerhand selbst als Darsteller*innen einspringen. Nadia verliert sich dabei aber so sehr in der Rolle der Zombie-Killerin, dass sie bald das halbe Team mit zielsicher platzierten High Kicks lahmlegt.

    Der Unterhaltungswert von „Final Cut“ steigert sich wie auch beim Original von Drittel zu Drittel und lebt extrem von dem Überraschungseffekt, den die Wendungen mit sich bringen – wobei man sogar die eigene Stellung als Remake aufgreift. Auch Regisseur Rémi macht nämlich eine Neuauflage – und zwar die der japanischen Live-Produktion aus „One Cut Of The Dead“. Den Auftrag dafür bekommt er von der japanischen Produzentin Mrs. Matsuda (Yoshiko Takehara – die natürlich auch schon im Original die Produzentin spielte). Allerdings funktioniert diese ganze Spielerei, die sogar eine über Rémis Tablet flimmernde Szene aus dem Vorbild beinhaltet, nur, wenn man dieses kennt. Doch der gesamte übrige Film ist eigentlich für Menschen gemacht, welche neu überrascht werden sollen, also die japanische Version gerade nicht kennen.

    Bitte aufmerksam sein: Wir drehen hier ein Remake!


    Denn natürlich liefert auch „Final Cut“ einen immer wieder für Schmunzler guten augenzwinkernden Blick hinter die Kulissen einer Filmproduktion. Da will das ambitionierte Nachwuchs-Talent Raphaël mit dem Regisseur über die korrekte Verhaltensweise von Zombies diskutieren und in der Crew sind diverse Marotten vertreten. Wie mit jeder Menge Improvisationstalent und vollem Körpereinsatz der chaotische Live-Stream am Laufen gehalten wird, ist auch in der französischen Version sehr komisch: Egal ob Diarrhö (ja, auch Durchfall-Witze gibt es), Trunkenheit oder Hexenschuss, für jedes Gebrechen seiner reichlich lädierten Crew muss Rémi in Sekundenschnelle eine kreative Lösung finden, während die Kamera läuft und läuft. Und all das würfelt den Zeitplan so durcheinander, dass Live-Musiker Fatih (Jean-Pascal Zadi) sich kopfschüttelnd fragt, was zur Hölle da eigentlich vor sich geht.

    Der Szenendieb ist übrigens die einzige größere Neuerung im ganzen Remake. Seine Auftritte gehören zu den lustigsten Momenten des Films – doch wenn wir ihn ausklammern, sind wir beim Problem. „Final Cut“ ist am Ende dann doch „One Cut Of The Dead“ mit mehr Budget – und das ist nicht besser. Denn damit geht ein großer Teil des Charmes flöten. Der entsteht nämlich nicht allein aus den absurden und oft zum Schreien komischen Situationen beim Dreh des Films-im-Film, die sich nun so auch im Remake finden. Nein, die Improvisationen, die handgemachten Splatter-Effekte und MacGyver-mäßigen Do-it-yourself-Notlösungen wirkten im Original so authentisch und dadurch auch sympathisch, wie es es kein Drehbuch schreiben kann: Man spürt in „One Cut Of The Dead“, wie die Verantwortlichen ihr Herzblut auf die Leinwand kippen, mit dem sie ihr eigenes Mini-Budget in der Hoffnung auf ein paar wenige Kinogänger*innen kreativ nutzen.

    Die Gags sind weiter witzig, ABER ...


    Michel Hazanavicius kannte solche Restriktionen nun nicht. Er hatte nicht nur Geld, sondern auch erfahrene Stars im Gepäck und durfte sich von Anfang an sicher sein, dass sein Film groß in die Kinos kommen wird. Wenn er nun versucht, die chaotisch-trashige Tonart des Originals zu kopieren, wirkt dies dann aber immer doch einen Tick zu glattgebügelt. So funktionieren viele der aus „One Cut Of The Dead“ übernommenen Gags zwar weiterhin. So richtig ans Herz wollen sie aber nicht gehen...

    Natürlich verdankt das Original seinen Kultstatus nicht nur dem cleveren Drehbuch, sondern auch der Underdog-Erfolgsgeschichte. Doch dem Remake fehlt nicht nur diese, sondern es ist einfach der schlechtere, weil viel glattere Film. Michel Hazanavicius hat zudem darauf verzichtet, der Story einen eigenen Stempel mitzugeben, sondern am Ende einfach das Original (größtenteils gelungen) noch einmal verfilmt. Dass er dieses Kopieren selbst augenzwinkernd kommentiert, indem auch sein Rémi nur eine Kopie dreht, bei welcher er nicht einmal die Figurennamen austauscht, bleibt nicht mehr als ein kurzer Meta-Moment. So ist „Final Cut“ am Ende zwar auch eine sehenswerte Zombie-Meta-Komödie mit einem extrem amüsanten letzten Drittel, aber eben nicht die große Genre-Perle.

    Fazit: Eigentlich ist „Final Cut“ ein unnötiges Remake. Wer das bessere Original kennt, bekommt dieselben Witze erneut – und dass nun mehr Budget zur Verfügung steht, ist kein Vor-, sondern sogar ein Nachteil. Wer das Original noch nicht kennt, sollte indes lieber zu diesem greifen. Wer aber trotzdem unbedingt „Final Cut“ zuerst sehen will, bekommt eine Zombie-Meta-Komödie mit handfesten Überraschungen und absurd-amüsanten Momenten, die vor allem im letzten Drittel zuverlässig für Lacher sorgen.

    Wir haben „Final Cut“ auf den Filmfestspielen in Cannes 2022 gesehen, wo er als Eröffnungsfilm und Teil des offiziellen Wettbewerbs gezeigt wurde.



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