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    Vesper Chronicles
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Vesper Chronicles

    Nicht einfach nur der nächste Young-Adult-Film

    Von Karin Jirsak
    Eine gefächerte Ganzgesichtsmaske wird gelüftet, ein Lächeln huscht über das junge Gesicht. Auf der Suche nach etwas Essbarem hat das Mädchen im Schlamm eine Raupe entdeckt. Etwas Lebendiges ist eine Seltenheit in ihrer Welt. „Vesper“, lateinisch für „Abend“ oder auch (und hier vielleicht noch passender) „Abendstern“, ist der Name der Titelheldin, die wir in diesem liebevoll gestalteten Dystopie-Märchen von Kristina Buozyte und Bruno Samper begleiten, auf ihrer Reise zu sich selbst und zur Erfüllung einer Bestimmung, die mit dem Schicksal des gesamten Planeten eng verbunden ist. „Vesper Chronicles“ erzählt eine Geschichte, die am Nullpunkt der Menschheit beginnt und von der Hoffnung erzählt, die es braucht, um einen Neuanfang zu wagen –und zugleich auch von der Freundschaft, die es in einer lebensfeindlichen Umgebung braucht, wenn die Hoffnung schwindet.

    Irgendwo auf der Erde in einer nicht datierten Zukunft: Das Ökosystem ist kollabiert, die Überlebenden teilen sich in zwei Klassen. In den sogenannten Zitadellen thronen die Privilegierten hoch über dem verseuchten Boden. Dort halten sie sich künstliche Menschen als Sklav*innen und horten die letzten Ressourcen. Im umliegenden Ödland kämpfen die Ärmeren ums Überleben. So auch Vesper (Raffiella Chapman), die alleine ihren gelähmten Vater (Richard Brake) pflegt. Als sie im Wald die verletzte Camellia (Rosy McEwen) entdeckt und sie mit zu sich nach Hause nimmt, freunden sich die beiden an und finden Halt. Doch Camellia hat ein Geheimnis, das alle um sie herum in große Gefahr bringt…

    Die Freundschaft zwischen Vesper (Raffiella Chapman) und Camellia (Rosy McEwen) spendet Hoffnung in dunklen Zeiten – bringt aber auch eine große Gefahr mit sich.


    Inspiriert wurde das Szenario u. a. von Berichten über eine Technologie mit dem befremdlichen Namen Terminator. Sie dient dazu, Saatgut unfruchtbar zu machen, sodass es für jede Pflanzung neu gekauft werden muss. Eine rein profitorientierte, bereits 1998 in den USA patentierte Entwicklung, von der inzwischen solche Konzerne wie BASF und Monsanto Gebrauch machen (und wohl auch deshalb so einen hundsmiserablen Ruf haben). In „Vesper Chronicles“ sind es nun die Bewohner*innen der Zitadellen, die Gene manipulieren, um damit die Nahrungsproduktion und so praktisch den Rest der Menschheit zu kontrollieren. Im Tausch gegen das Blut ihrer Kinder können die Angehörigen der unteren Klasse das in den Zitadellen gezüchtete Saatgut erwerben. Es sind die einzigen Samen, die in der neuen Welt noch gedeihen können.

    Trotz einiger Parallelen zu gewissen düsteren Prognosen, die sich aus den politischen Entwicklungen unserer Zeit ableiten, geht es Kristina Buozyte und Bruno Samper, die sich schon bei „Vanishing Waves“ (2012) die Regie teilten, in ihrem bewegten Endzeitgemälde aber nicht um Realismus. Aus endloser schlammiger Erde und den kahl-nebligen Wäldern Litauens kreiert das Regieduo vielmehr ein postapokalyptisches Wunderland, bevölkert von gentechnisch veränderten, wuchernden Organismen, die auch der Fantasie H. P. Lovecrafts entkrochen sein könnten. In diesem (fast) ganz ohne CGI-Effekte erschaffenen Setting werden in regelmäßiger Taktung Gore-Elemente positioniert. Schleim, Blut und Würmer – zumindest an diesen Zutaten herrscht in der neuen Welt definitiv kein Mangel.

    Jonas (Eddie Marsan) ist zwar der große Widersacher – aber einen klischeehaften Action-Showdown gibt es zum Glück trotzdem nicht.


    Als farbig leuchtender Kontrast zu Gewalt und Ekel findet sich in „Vesper Chronicles“ auch ein kleiner Zaubergarten: In diesem und in ihrem improvisierten Labor experimentiert Vesper unermüdlich, um sich und die Menschheit aus der Kontrolle der Zitadellen zu befreien. „Ich habe Fähigkeiten. Die habe ich mir selbst beigebracht. Und eines Tages komme ich hier raus.“ Mit diesen Worten tritt die junge Heldin ihrem Hauptwidersacher Jonas (Eddie Marsan, „Happy-Go-Lucky“) in der Zitadelle entgegen. Vespers Entwicklung ist in jeder Hinsicht emanzipatorisch und das ist das eigentlich spannende Moment der Geschichte.

    Eine Entwicklung, die das androgyne, nahezu extraterrestrisch zarte Gesicht von Raffiella Chapman („Die Insel der besonderen Kinder“) sehr passend zum Ausdruck bringt. Ihr Zusammenspiel mit der schon optisch sehr gegensätzlichen Rosy McEwen („The Alienist“) bildet das menschlich-emotionale Zentrum der Geschichte. Dankenswerterweise verliert die Erzählung diesen Fixpunkt nie aus den Augen und erlaubt es sich sogar, auf den üblichen Gut-besiegt-Böse-Actionshowdown zu verzichten. Eine ebenso mutige wie kluge Entscheidung, die „Vesper Chronicles“ für uns zum kleinen, feinen Indie-Geheimtipp unter all den inzwischen auf uns einprasselnden Coming-of-Age-Fantasy-Filmen macht.

    Fazit: Postapokalypse trifft Wunderland: Das Regieduo Kristina Buozyte und Bruno Samper erzählt in „Vesper Chronicles“ ein ebenso ungewöhnliches wie warmherziges Coming-of-Age-Endzeitmärchen über Hoffnung und Freundschaft in dunklen Zeiten.

     


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