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    Il Buco - Ein Höhlengleichnis
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Il Buco - Ein Höhlengleichnis

    Die dunkle Höhle Kino

    Von Janick Nolting

    Wann immer ein Film in Höhlen hinabsteigt, gelangt er auch zu Wurzeln des Kinos. Dort unten, wo im Lichtschein vielleicht plötzlich Bilder, Malereien, Spuren an den Gesteinswänden sichtbar werden. Wo man mit dem Verborgenen konfrontiert, von Trugbildern und Schattenspielen verführt und betrogen wird. Immer wieder hat man sich in der Filmgeschichte mit solchen Räumen auseinandergesetzt. Werner Herzog erkundete in „Die Höhle der vergessenen Träume“ etwa das Auratische der dort zu findenden Kunstwerke. „The Descent“ zeigte unter der Erde die brutale zivilisatorische Kehrseite und in Abel Ferraras Bewusstseinsstrom „Siberia“ geht in einer Höhle die metaphorische Sonne auf.

    Il Buco“, der beim Filmfestival in Venedig mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde, vereint als Höhlenfilm die genannten Komponente in einer hybriden Form aus Spiel- und Dokumentarfilm. Gedreht hat ihn der Italiener Michelangelo Frammartino – sein dritter Langfilm. Wie in seinen vorherigen Werken, „Il Dono“ und „Le Quattro Volte“, begibt sich Frammartino auf eine Natur- und Stimmungsstudie, bei der Forschung, Hypnose und Meditation kaum voneinander zu trennen sind…

    Kühe, die in Höhlen starren.

    Mitten in Kalabrien klafft das titelgebende „Il Buco“ – das Loch. Im Jahr 1961 brach eine Gruppe junger Männer aus dem Piemont auf, um den Abstieg zu wagen und die bislang unbekannte Höhle bis zu ihrem tiefsten Punkt zu erforschen. Ihr Weg führt fast 700 Meter hinab in die dunklen Schächte des sogenannten Abisso des Bifurto. „Il Buco“ versucht sich nun an einer Rekonstruktion und einem Reenactment dieser Erkundungstour.

    Frammartinos Film ist ein äußert bescheidener, der in seiner offenen Struktur gar nicht erst vorgibt, seine zahlreichen Eindrücke zu einem einzigen Thema zusammenführen oder vereinfachen zu können. Aus seinen teils kryptischen Aufnahmen sprechen derweil nichts anderes als große Fragen nach Zivilisation, Wissenschaft und dem Mensch in und mit der Natur.

    Faszinierender Minimalismus

    Zwischen Oben und Unten schwelgt er hin und her. Den nackten Existentialismus, der in dem Abstieg in den Abgrund lauert, versieht Frammartino mit allerhand Assoziationen und Abschweifungen. Sein Hybridfilm hat etwas Suchendes, mit dem selbst Dokumentarfilmer*innen heute eigentlich kaum noch kalkulieren können. In vielen Momenten gleicht „Il Buco“ eher einer Kunstinstallation, in deren Tableaus man versinkt, bevor man zu den nächsten Eindrücken weiterwandelt. Dialoge gibt es keine. Die wenigen Sätze, die fallen, sind nur undeutlich zu hören. Seinen Soundtrack zieht er aus den Geräuschen vor Ort. Was der Film zu fragen und zu erzählen hat, dringt allein aus den beeindruckenden Bild- und Klangwelten.

    Für viele Zuschauer*innen dürfte dieses Vorgehen zur Geduldsprobe werden. Ohnehin passiert auf den ersten Blick nicht viel Aufregendes in diesem Film. Zugleich verleiht Frammartino seinem Stoff und Schauplatz damit eine konsequente Form, die in historisch fragilen Zeiten das Brennglas auf einen Raum des vermeintlichen Stillstands richtet. Ein alter Hirte behütet seine Kühe. Ihn installiert Frammartino als Anachronismus und Repräsentanten eines Einklangs mit der Natur, der Zeuge der Höhlenexpedition wird. Ein schleichender Tod im Verlauf des Films fragt auch nach dem Tod eines gewissen Zaubers der Umgebung, der man staunend, aber unaufhaltsam zu Leibe rückt. Die Ankunft der jungen Forscher trägt nicht nur Abenteuer, sondern auch etwas latent Zerstörerisches in diesen Mikrokosmos.

    Bewältigung des Bedrohlichen

    Nichtsdestotrotz ist „Il Buco“ keinesfalls ein Film, der sich reiner Anbetung oder Verkitschung einer „unberührten“ Natur hingibt. Wie er sich gemeinsam mit seinen Figuren an ihre Erforschung macht, hat etwas zutiefst Ambivalentes. Das Aufschlagen eines Zeltlagers an der Höhle suggeriert etwas Militärisches. Wo sich Wundersames öffnet, sind sofort seine Eroberer da. Im selben Moment staunt er auch über deren zielstrebigen Erfolg, über wissenschaftliche Empirie. Im naheliegenden Dorf ahnt man noch nichts davon, auf welches Faszinosum man mitten im Nirgendwo stößt. Alles geht dort seinen gewohnten Gang.

    Später kicken Männer einen Ball hin und her, direkt über den Abgrund. Unterschwellige Konflikte trägt man aus der Zivilisation mit in die Wildnis und kompensiert sie im Spiel. Naiv scheint man das zu bewältigen, was sich so furchteinflößend und rätselhaft als Graben vor einem eröffnet. Vielleicht eine Möglichkeit der stummen Kommunikation miteinander? Generell ist das ein wichtiges Motiv in diesem Film. Rufe, Pfiffe, knappe Sprechakte werden ausgesendet, von Mensch zu Mensch und Mensch zu Tier. Jedes Mal verhallt ihr Schall in scheinbar unendlichen Räumen: im Schacht der Höhle und in den weiten Landschaften.

    Oft sind große Teile der Leinwand einfach nur schwarz.

    Das gespaltene 60er-Jahre-Italien zwischen Nord und Süd, abgehängtem Land, Kapitalismus und moderner Stadtwelt brodelt da im Hintergrund dieser Ortsbegehung, ohne dass sich Frammartino zu klaren Statements hinreißen ließe. Er vertraut auf den Reiz der Vieldeutigkeit. So entschleunigt dieser Film voranschreitet, so lange er seine Bilder und Klangkulissen auf das Publikum wirken lässt, so viel Raum und Zeit gibt er ihm auch, sich in deren Zeichenhaftigkeit zu versenken.

    Frammartinos Naturstudie ist zudem ein sehr zeitgemäßer Film, indem er nach einem Gespür für unser Umwelt- und Naturverhältnis forscht. „Il Buco“ gelingt das mit höchster Verführungskraft, weil er seine filmischen Mittel direkt mitreflektiert. Der Regisseur denkt den Kinosaal selbst als Höhle, weshalb man sein Werk bestenfalls auch dort erleben sollte. Gleich in den ersten Minuten blickt das Publikum von unten aus dem Schacht heraus. Dort oben glotzen Kühe am Abgrund direkt in das Dunkel des Kinosaals. Eine Strickleiter führt in einer anderen Szene ins Nichts. Einzelne Lichtkegel suchen nach Strukturen und Eindrücken in der Finsternis.

    Eine minimalistische Überwältigungsmaschine

    Mit solchen Perspektivverschiebungen macht Frammartino seinen Schauplatz spürbar und nutzt das Medium mit großer Virtuosität. Ähnliches hatte zuletzt etwa die Regisseurin Edurne Rubio in ihrem leider eher unbekannten Dokumentarfilm „Ojo Guareña“ versucht, dort blieb das Licht meistens gleich ganz aus. Das Kino, das vom Hellen lebt, experimentiert mit der Dunkelheit und betont zugleich seine Wirkung als politisches Zeitdokument wie Überwältigungsmaschine.

    Was „Il Buco“ in seiner minimalistischen, aber durch und durch mitreißenden Bilderschau so clever gelingt, ist jenes Sowohl-als-auch. Rationalität und Staunen, Beherrschung und Auslieferung, Moderne und Archaik gehen Hand in Hand. Der verschlingende Höhlenraum wird mit schwarzer Tinte als Plan auf dem Papier verfügbar und übersichtlich gemacht. Zugleich hallen offenbar übersinnliche Geisterstimmen durch die Wolken. Ein starker Punkt, zu dem der Film ganz tief dort unten gelangt!

    Fazit: Michelangelo Frammartino gelingt mit vermeintlich simplen Mitteln eine selten allzu konkrete, aber enorm beeindruckende, allegorische Natur- und Anthropologie-Studie. „Il Buco“ zeigt gleichermaßen Ent- und Rückverzauberung der Natur, wie es vielleicht nur im Kino möglich ist.

    Wir aben „Il Buco“ beim Filmfestival in Venedig gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs gezeigt wurde.

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