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    Anatomie eines Falls
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Anatomie eines Falls

    Sandra Hüller Superstar!

    Von Michael Meyns

    Eines der berühmtestn Gerichtsdramen der Filmgeschichte heißt „Anatomy Of A Murder“ (auf Deutsch: „Anatomie eines Mordes“). Wenn sich die französische Regisseurin Justine Triet („Sibyl“) mit ihrem neuen Film „Anatomy Of A Fall“ nun direkt auf den Titel des Klassikers von Otto Preminger bezieht und ihr Film zudem auch noch zu knapp zwei Drittel aus einem Mordprozess besteht, dann liegt der Verdacht zumindest nahe, dass man es hier mit einem klassischen Whodunit zu tun bekommt, bei dem es in erster Linie um die Lösung eines Kriminalfalls geht.

    Doch das ist nur eine von vielen falschen Fährten, die Triet legt – schließlich geht es in ihrem komplexen (Kriminal-)Drama doch gerade um die Fehlbarkeit der Wahrnehmung, die nahezu vollkommene Unmöglichkeit, aus subjektiven Berichten eine eindeutige Version von Ereignissen abzuleiten. Weniger ein Gerichts-Thriller ist „Anatomy Of A Fall“, sondern ein Drama über Wahrheit, Lügen und Selbsttäuschung, mit einer einmal mehr herausragenden Sandra Hüller („Toni Erdmann“) in der Hauptrolle

    Im Wettbewerb von Cannes wurde in diesem Jahr von keiner Performance mehr geschwärmt als von Sandra Hüller in „Anatomy Of A Fall“.

    Die Autorin Sandra (Sandra Hüller) schreibt Romane, die stets von Ereignissen aus ihrem eigenen Leben inspiriert sind. Zusammen mit ihrem Mann Samuel (Samuel Theis) und ihrem seit einem Unfall erblindeten Sohn Daniel (Milo Machado Graner) lebt sie auf einer Hütte in den französischen Alpen. Kurz nachdem eine junge Studentin zu Gast war, die die Autorin für ihre Doktorarbeit interviewen wollte, wird Samuel tot aufgefunden:

    Augenscheinlich ist er aus der dritten Etage des Chalets gestürzt, ob durch Selbstmord oder Fremdeinwirkung bleibt offen. Die Ermittlungen der Polizei ergeben ebenfalls kein klares Bild, das Fehlen von eindeutigen Beweisen lässt aber auch Sandra tatverdächtig erscheinen. Gemeinsam mit ihrem Anwalt Vincent (Swann Arlaud) bereitet sie sich vorsorglich auf eine mögliche Anklage vor – und so kommt es dann auch: Ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes steht die Autorin wegen Mordes vor Gericht…

    Ein Gerichtsfilm der etwas anderen Art

    Auch bei dieser Inhaltsangabe könnte man sich weiterhin leicht einen typischen Whodunit vorstellen, bei dem im Verlauf der Gerichtsverhandlung die Twists nur so auf das Publikum einprasseln und bis zum großen Finale unklar bleibt, was nun genau geschehen ist, was vielleicht nur falsche Fährten waren und wer den Toten denn nun auf dem Gewissen hat? Dass die Protagonistin in diesem Fall selbst Autorin ist, deren Bücher auch noch von der Realität inspiriert sind, lässt zudem an einen Thriller mit Meta-Elementen wie „Basic Instinct“ denken.

    Doch weit gefehlt: Am Ende von „Anatomy Of A Fall“ findet sich garantiert kein Eispickel unter dem Bett! Zwar folgt Justin Triet rein formal dem Muster eines Gerichtsfilms, stellt Figuren vor, lässt einen Mord geschehen, streut Zweifel an der Aussage der Hauptfigur, die als Sympathieträgerin zudem nur bedingt taugt – und selbst überraschende Zeug*innen-Aussagen gibt es im Verlauf der Verhandlung. Und dennoch lässt sich der gesamte Prozess im Zentrum des Films – in Anlehnung an ein von Alfred Hitchcock geprägtes Konzept – als ein einziger, großer MacGuffin einordnen.

    Ausgerechnet der erblindete Daniel (Milo Machado-Graner) findet seinen blutenden Vater im Schnee.

    Worum es eigentlich geht, wird von Beginn an immer wieder angedeutet, mal deutlicher, mal subtiler: Gleich in der ersten Szene zwischen der Autorin Sandra und der jungen Studentin geht es um Wahrheit und Fiktion, um literarische Szenen, die reale Vorbilder haben, und um die Frage, ob Sandra erst etwas erleben muss, um dann darüber schreiben zu können. Es geht also um nicht weniger als die Konstruktion einer Realität. Und was anderes ist ein Gerichtsprozess, als der Versuch aller Seiten, mögliche Versionen eines Ereignisses anzubieten und dann die Jury von dieser Version der Geschichte zu überzeugen? Was im Extremfall natürlich auch bedeutet, dass dies unabhängig davon geschieht, ob diese Version nun die Wahrheit ist oder nicht. Die Wahrheit liegt eben vielmehr im Auge des Betrachters, vor Gericht, aber auch im Leben.

    Obwohl „Anatomy Of A Fall“ zwei Drittel lang praktisch ausschließlich im Gerichtssaal spielt und am Ende auch ein Urteil steht, entzieht Justine Triet dem Gezeigten viele der Spannungsmöglichkeiten, die die Story eigentlich bieten würde. Zurückhaltend ist ihre Inszenierung, der Musikeinsatz ist minimal, der Fokus bleibt stets auf dem unter der Oberfläche lauernden Thema – und das lässt sich beliebig auf vielerlei Bereiche übertragen, von der Diskussion um Fake News und alternative Fakten; über die #metoo-Debatte und ihre Forderung, einem Opfer bedingungslos zu glauben; bis zur ganz persönlichen, subjektiven Wahrnehmung einer Beziehung (Sandra und Samuel waren sich allem Anschein nach jedenfalls gar nicht einig, wer für wen was geopfert hat und wer wem jetzt noch wie viel Zeit schuldet).

    Vor Gericht wird auch Sohn Daniel noch eine überraschende Aussage machen!

    Eine der stärksten vieler starken Szenen ist dann auch ein Moment, in dem vor Gericht eine Audioaufnahme vorgespielt wird: Eine Unterhaltung zwischen Sandra und Samuel führt zu einem heftigen Streit, der am Ende auch handgreiflich wird. Nachdem wir vor Gericht eine Zeitlang nur die Tonaufnahme gehört haben, springt der Film zu einer Rückblende der Szene und man meint zumindest, jetzt die objektive Wahrheit zu sehen. Doch noch vor dem eigentlich spannenden Teil, nämlich den Handgreiflichkeiten, springt „Anatomy Of A Fall“ wieder zurück ins Gericht – und wir hören wieder nur, wie Glas zerbricht, offenbar jemand geschlagen wird, Schmerzensschreie ertönen.

    Als kongeniale Besetzung für die Figur der Schriftstellerin erweist sich nicht nur in dieser Szene Sandra Hüller, die gleichermaßen sympathisch und ehrlich, aber auch unnahbar und kalt wirken kann; sie überzeugt als selbstbezogene Künstlerin ebenso wie als sich sorgende Mutter. Sich ein Urteil über diese Frau zu bilden, fällt extrem schwer – und genau das ist der Punkt: Am Ende von „Anatomy Of A Fall“ muss jede*r im Publikum selbst entscheiden, welcher Version der Geschichte man nun glauben schenkt.

    Fazit: Nur vordergründig ein Whodunit-Gerichtsfilm, verhandelt Justine Triet in ihrem stark inszenierten und vor allem von Sandra Hüller noch stärker gespielten „Anatomy Of A Fall“ nicht nur eine faszinierend-komplexe Beziehung zwischen zwei Autor*innen, sondern darüber hinaus auch gleich noch die Frage nach der zwingenden Konstruktion von Wahrheit.

    Wir haben „Anatomy Of A Fall“ beim Cannes Filmfestival 2023 gesehen, wo er in den offiziellen Wettbewerb eingeladen wurde.

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