Sentimental Value
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Sentimental Value

Der inoffizielle vierte Teil der "Oslo"-Trilogie

Von Michael Meyns

Seine „Oslo-Trilogie“ hat der norwegische Regisseur Joachim Trier nach „Auf Anfang“, „Oslo, 31. August“ und „Der schlimmste Mensch der Welt“ eigentlich abgeschlossen. Mit der Tragikomödie „Sentimental Value“ erweitert er sie nun aber in gewisser Weise trotzdem zu einer Tetralogie, wobei diesmal weniger die Stadt, sondern vor allem ein einzelnes Haus eine wichtige Rolle spielt: Hier will ein lange abwesender Regisseur, gespielt von der schwedischen Leinwandlegende Stellan Skarsgård („Thor“), einen Film drehen.

Für die Hauptrolle will er seine eigene, ihn aber dummerweise verachtende Tochter, verkörpert von Renate Reinsve, die mit „Der schlimmste Mensch der Welt“ vor einigen Jahren quasi über Nacht zum internationalen Kinostar aufstieg. Um dieses Duo hat Trier eine lose strukturierte Tragikomödie gebaut, die die therapeutischen Möglichkeiten der Kunst ausleuchtet, auch mit schnippischen Seitenhieben in Richtung (Hollywood-)Filmbetrieb nicht spart, vor allem aber dann überzeugt, wenn er sich ganz auf die berührend-komplexe Dynamik zwischen Tochter und Vater konzentriert.

Im Gegensatz zu ihrem Vater war ihre Schwester Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas) immer für Nora (Renate Reinsve) da. MK2 Productions / ARTE France / BBC Film
Im Gegensatz zu ihrem Vater war ihre Schwester Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas) immer für Nora (Renate Reinsve) da.

Kurz vor der Premiere eines neuen Stücks am Theater in Oslo erleidet die Hauptdarstellerin Nora (Renate Reinsve) hinter der Bühne einen Nervenzusammenbruch – erst eine anständige Backpfeife von ihrem mit einer anderen verheirateten Liebhaber kann sie wieder in die Spur bringen. Trotz des Lampenfiebers ist die Anfang-30-Jährige beruflich erfolgreich – aber während ihre jüngere Schwester Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas) bereits Mann und Sohn hat, hält Nora ihr eigenes Privatleben für eine Katastrophe. Einen Grund dafür sieht sie auch in ihrem Vater Gustav (Stellan Skarsgård), der ihre Mutter verlassen und das Familienhaus danach fast nie mehr besucht hat.

Nun aber taucht Gustav wieder auf, ausgerechnet auf der Trauerfeier für die gerade verstorbene Mutter. Das sieht ihm gar nicht ähnlich, und tatsächlich geschieht das auch mit einem Hintergedanken: Gustav war einst ein erfolgreicher Filmregisseur, doch seine Karriere ist ins Straucheln geraten. Jetzt hat er ein neues Drehbuch geschrieben und will unbedingt Nora für die Hauptrolle engagieren (wohl auch deshalb, weil ihre Bekanntheit bei der Finanzierung helfen würde). Aber Nora lehnt ab, ohne das Skript auch nur zu lesen. Durch einen glücklichen Zufall gelingt es Gustav jedoch, stattdessen den Hollywood-Megastar Rachel Kemp (Elle Fanning) für den Part, der offenbar seiner eigener Mutter entlehnt ist, zu gewinnen…

Ein Haus als Hauptdarsteller

Der erste Charakter, der in „Sentimental Value“ vorgestellt wird, ist ein Haus. In einer langen Einführung berichtet eine Off-Erzählerin im Gestus einer Märchentante von den vielen Geschichten, die sich in den letzten 100 Jahren auf den Dielen des zweistöckigen Holzhauses abgespielt haben. Kaum vorzustellen, was diese Wände im Laufe der Jahrzehnte alles gehört haben: Feste und Abendessen, Geburten, aber auch Todesfälle, Freud und Leid. In diesem Haus am Rande Oslos lebt die Familie schon seit ewigen Zeiten – und hier hat sich einst auch Gustavs Mutter das Leben genommen, als er noch ein kleiner Junge wa. Offensichtlich ist die Verarbeitung dieser Ereignisse auch einer der Antriebe für den neuen Film.

Ein wenig erinnert das an Robert Zemeckis' unterschätztes Wohnzimmer-im-Laufe-der-Jahrzehnte-Meisterstück „Here“, allerdings technisch längst nicht so aufwändig, sondern eher in europäischer Arthouse-Manier, die immer wieder an Filme von Ingmar Bergman oder Theaterstücke von Henrik Ibsen erinnert. Dessen „Nora“ stand auch offensichtlich Pate für Reinsves Figur, eine neurotische Schauspielerin, die in einem Puppenheim lebt, die sich mehr mit sich und ihren Problemen beschäftigt als mit anderen Menschen. Weniger erzählerisch ambitioniert als frühere Filme von Joachim Trier wirkt „Sentimental Value“, konzentrierter auf den zentralen Tochter-Vater-Konflikt, der alle anderen Figuren des Films zur Staffage reduziert. Vor allem Elle Fanning („The Great“) wirkt als Hollywood-Starlett mit Kunst-Ambitionen etwas unterfordert, bevor sie sich zumindest mit einer ganz wunderbaren Szene verabschieden darf. Und auch Inga Ibsdotter Lilleaas als Noras Schwester Agnes bleibt eher passiv, ist sie doch die jüngere, aber eben auch emotional deutlich stabilere der beiden.

Von Bergman bis Ibsen

Wie Bergman verwendet auch Trier Bühne und Film als Spiegel der Realität seiner Figuren, inszeniert Szenen, in denen Nora etwa als Medea zu sehen ist. Einmal sehen wir eine längere Sequenz aus einem früheren Film von Gustav, in dem ein junges Mädchen während des Zweiten Weltkriegs vor Soldaten flüchtet und sich in einen abfahrenden Zug rettet, während ihr Bruder zurückbleibt und geschnappt wird. Am Ende der Szene bleibt die Kamera minutenlang auf dem Gesicht des weinenden Kindes, das – wie man später erfährt – von Agnes gespielt wurde. Dennoch war es die andere Schwester, die Schauspielerin wurde und sich damit einer expressiven Kunst verschrieb, während sie im Privaten aber kaum dazu in der Lage ist, ihre tief sitzende Aversion gegen den Vater zu verbalisieren.

Die stärksten Szenen des bisweilen mäandernden Films sind jene zwischen Nora und Gustav, zwischen dem Nachwuchsstar Renate Reinsve und dem alten Hasen Stellan Skarsgård, der hier eine der besten Rollen seiner Karriere spielt. Gustav ist ein Künstlertyp, von sich überzeugt und mit klaren Ansagen, aber nicht auf unangenehme, arrogante Weise – vor allem sein Netflix-Seitenhieb ist urkomisch und mit den DVDs von „Irreversibel“ und „Die Klavierspielerin“ weiß er auch ganz genau, was man einem Neunjährigen zum Geburtstag schenken sollte. Dramatische klärende Gespräche gibt es hier dennoch nicht, kein kathartischer Moment führt zur Lösung der Konflikte. Stattdessen werden viele Fragen nur angerissen, die Umstände der Tode von Mutter und Großmutter nicht bis ins Detail geklärt. Wirklich neue Facetten fügt Joachim Trier seinem Werk so zwar nicht hinzu, aber als Variation seiner Beschäftigung mit komplizierten Familien und Emotionen funktioniert „Sentimental Value“ ziemlich gut.

Fazit: Mit dem tragikomischen „Sentimental Value“ ergänzt Joachim Trier seine Oslo-Trilogie um ein weiteres Kapitel, variiert dabei bekannte Sujets und bezieht sich diesmal mehr als früher auf nordische Klassiker von Bergman bis Ibsen. Vor allem die beiden Stars Renate Reinsve und Stellan Skarsgård überzeugen als Tochter-Vater-Gespann, dem es gelingt, seine langjährige Entfremdung auch mit Hilfe der Kunst (möglicherweise) zu überwinden.

Wir haben „Sentimental Value“ beim Cannes Filmfestival 2025 gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs seine Weltpremiere gefeiert hat.

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