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    Leonora Addio
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Leonora Addio

    Odyssee eines Toten

    Von Janick Nolting
    Für meinen Bruder Vittorio“, steht da ganz zu Beginn in verschnörkelten Lettern auf der Leinwand. Jahrzehntelang haben Paolo Taviani und Vittorio Taviani, die 2012 für ihren Film „Cäsar muss sterben“ auf der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurden, gemeinsam Filme gedreht. Inzwischen arbeitet Paolo nach dem Tod seines Bruders 2018 aber alleine weiter. Seine vorangestellte Widmung ist dabei keinesfalls nur als gut gemeinte Geste zu verstehen. „Leonora Addio“ ist tatsächlich ein filmischer Abschiedsbrief durch und durch – an den Bruder des Regisseurs, an finstere Zeiten und an einen ganz großen Schriftsteller.

    Wieder ist es der 1934 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnete Luigi Pirandello, der Tavianis Film beseelt. Bereits in früheren Werken haben sich die Taviani-Brüder mit dem berühmten sizilianischen Dramatiker auseinandergesetzt – zum Beispiel in der umwerfenden Anthologie „Kaos“, die in epischer Länge verschiedenste Kurzgeschichten Pirandellos bebilderte und adaptierte. „Leonora Addio“ kann als ein vorläufiger Abschluss dieser Auseinandersetzungen gesehen werden. Hier wird eine filmische Totenmesse abgehalten.

    Mit der Asche eines toten Nobelpreisträgers einmal quer durch Italien von Rom bis nach Sizilien – das kann mitunter auch ganz schön komisch sein.


    Ist mein Leben schon zu Ende?“ – Luigi Pirandello liegt bereits zu Beginn des Films schwerkrank im Bett. Ein letztes Mal betreten seine Kinder den Raum, die im Zeitraffer zu altern beginnen, die Jahre ziehen vorbei. 1936 stirbt der Schriftsteller in Rom. Während der Faschismus um sich greift, wird seine Asche vorübergehend in der Stadt eingemauert – doch nun, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, soll sie nach Sizilien gebracht und in einem Felsen verstaut werden, so wie Pirandellos es ursprünglich wollte. Die Überführung der menschlichen Überreste wird für einen Stadtbeamten zu einer abenteuerlichen Odyssee…

    Alles, was Film zu bieten hat


    „Leonora Addio“ ist ein Film, der es seinem Publikum nicht leicht macht. Zumindest dann nicht, wenn man weder mit der Filmarbeit der Taviani-Brüder noch mit dem Schriftsteller Pirandello vertraut ist. Voller Anspielungen und Selbstreflexionen steckt dieser Film und doch ist es ein Werk, das allein stilistisch eine große Faszination ausübt. Das liegt daran, dass Paolo Taviani aus der gesamten Bandbreite des Mediums Film schöpft.

    Die literarische Ebene kommt noch obendrauf. Er vermengt Dokumentarisches mit Spielfilmsequenzen, Überhöhtes mit Naturalistischem, Archivmaterial und Nachrichtenbeiträge aus vergangenen Jahrzehnten zu einem Abgesang auf das Trauma, das der Zweite Weltkrieg in Italien hinterlassen hat. All das vermengt sich mit der Trauer über die Künstlertode Pirandellos und Vittorio Tavianis.

    Wenn die erste Geschichte vorbei ist, legt Paolo Taviani noch eine nicht ganz halbstündige Verfilmung eines späten Pirandello-Textes nach – und zwar diesmal in Farbe.


    Wie ein Stationendrama ist „Leonora Addio“ dabei aufgezogen. Der Zielpunkt, die Beerdigung der Überreste, ist gesetzt. Unterwegs hingegen reiht sich eine lose Episode an die andere. Es sind Momentaufnahmen, die Paolo Taviani montiert. Trauerstimmung liegt über dem Film, die Bilder sind in Schwarz-Weiß gehalten, im Hintergrund ertönen Klagegesänge, viele Moll-Töne. Und doch erstaunt, dass Taviani immer wieder auch einen herrlichen Galgenhumor beweist. „Leonora Addio“ suhlt sich nicht einfach in Tristesse, da ist noch eine Suche nach dem Absurden und Grotesken, über das man ruhig lachen darf, auch im Moment des Unheils.

    So platzt etwa auf urkomische Weise ein geplanter Flug, weil die abergläubischen Passagier*innen plötzlich erfahren, dass sich ein Toter an Bord befindet. Später können sich die Zeug*innen des Trauerzuges kaum das Lachen verkneifen, weil aufgrund der Grippewelle nur noch Kindersärge übrig sind. Befindet sich etwa ein Zwerg darin? Ein Ensemblefilm ist das geworden, der nicht durch ausgefeilte Charakterisierungen besticht, sondern gerade durch das flüchtige Vorbeiziehen von neuen Figuren. Kriegsversehrte tauchen da auf, Kartenspieler, die den Kasten mit Pirandellos Asche doch glatt als Tisch missbrauchen. Schauspieler*innen, ein Priester, der um das geistige Erbe des Schriftstellers fürchtet. Hat denn wirklich niemand etwas von Pirandello gelesen!? Mitunter erinnert Tavianis Erzählweise an die jüngsten Filme von Wes Anderson („The French Dispatch“), die ebenfalls mit dem Anekdotischen, mit der Anhäufung vieler skurriler Gestalten arbeiten.

    Zwei Filme in einem


    Viele Jahre werden vergehen, bis Pirandello seine letzte Ruhe findet und in einem steinernen Denkmal beigesetzt wird, doch selbst damit ist „Leonora Addio“ noch lange nicht zu Ende. Einen Trumpf hat Paolo Taviani noch im Ärmel, ein weiteres Mal verwandelt sich dieser wundersame Film. Er eignet sich mit großer Geste den legendären Zaubertrick aus dem „Zauberer von Oz“ an: In einem überwältigenden Moment färben sich plötzlich die Bilder, leuchtet das türkisblaue Meer auf der Leinwand, ein zweiter Akt beginnt. Taviani legt noch eine Verfilmung des allerletzten Pirandello-Textes nach.

    In „Der Nagel“, basierend auf einer Zeitungsschlagzeile, muss sich ein junger italienischer Einwanderer in Brooklyn für den Mord an einem Mädchen verantworten. Mit einem Nagel soll er sie erstochen haben. Wieder steht ein Trauma im Raum. Taviani parallelisiert das Verbrechen des Jungen mit der vom Krieg gebeutelten Nachkriegsgesellschaft.

    Schleierhafte Zusammensetzung


    Die Mördergeschichte, die das zweite große Versatzstück von „Leonora Addio“ bildet, ist –gelinde gesagt – nett anzusehen. Und doch erscheint Tavianis Erzählkonzept reichlich verkopft in seiner Verschränkung und Gegenüberstellung. So ganz will das Einzelschicksal rund um eine gewaltsame Konfliktlösung mit dem großen Ganzen der historischen Umstände nicht zusammenpassen, das Taviani da bedeutungsschwer zusammenzuführen versucht.

    Es sind Minuten, in denen sich „Leonora Addio“ noch einmal wie eine Taviani’sche Fingerübung anfühlt, ein Best-of, das Überreste aus der Schreibtischschublade herauszieht, um sie zu verwirklichen. Letztlich kommt eine anmutige, aber unvollendete Skizze dabei heraus. Erst ganz zum Schluss schwingt sich der Regisseur noch einmal zu anrührender Höhe auf, wenn er seine Konstellation von der Zeit dahinraffen lässt. Wieder altert jemand in Sekundenschnelle, Applaus verhallt noch in der Ferne. Selbst dem Publikum ist keine Überdauerung gegönnt, es ist schon längst unsichtbar geworden.

    Fazit „Leonora Addio“ ist eine originelle Annäherung an das Italien der Nachkriegszeit, voller Momente großer Kino-Zauberei, so pathetisch sie mitunter auch eingestreut werden. Dennoch kann Paolo Taviani seine disparaten erzählerischen Einzelteile kaum zusammenhalten, ein vollends rundes Gesamtbild ergibt das Film-Requiem deshalb nicht.

    Wir haben „Leonora Addio“ im Rahmen der Berlinale 2022 gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs gezeigt wurde.
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