Franz Kafka bleibt auch nach diesem Film ein Rätsel – Gott sei Dank!
Von Michael MeynsAuch wer sich mit dem Œuvre Franz Kafkas nicht auskennt, dürfte schon mal den Begriff „kafkaesk“ gehört haben, der eine irrationale, seltsame, manchmal surreale Situation beschreibt. So darf man etwa getrost das halbe Werk der Coen-Brüder („The Big Lebowski“) als kafkaesk bezeichnen – und in gewisser Weise lässt sich das Wort auch auf Franz Kafka selbst anwenden. Nicht zuletzt, weil der 1883 geborene Autor mit nur 40 Jahren starb, sein Werk schmal blieb und genaue Informationen über sein Leben rar sind, bleibt Kafka bis heute ein Rätsel. Seit nunmehr über 100 Jahren versucht die Literaturwissenschaft vergeblich, letztgültige Antworten zu geben.
Die polnische Regisseurin Agnieszka Holland („Green Border“) weiß um diese Schwierigkeit. „Franz K.“ mutet einerseits oft wie ein klassisches Biopic an, hakt wichtige Lebensstationen ab und ist bevölkert von den bekannten Freunden und Geliebten Kafkas. Doch in seinen besten Momenten bricht der Film das Genre auf ambitionierte Weise auf, indem er widersprüchliche Erinnerungen von Zeitzeugen nebeneinanderstellt, Szenen in der Gegenwart spielen lässt und so Kafkas Musealisierung hinterfragt. Eine klare Antwort auf die Frage, wer Kafka war und wie er tickte, bekommt man so am Ende zwar nicht – in jedem Fall gewinnt man aber einen interessanten Einblick in das Wesen eines der spannendsten Autoren des 20. Jahrhunderts.
X Verleih AG / Marlene Film Production
Prag, Anfang des 20. Jahrhunderts. Als Sohn einer jüdischen Familie lebt Franz Kafka (Idan Weiss) noch im Elternhaus, wo sein Vater Hermann (Peter Kurth) mit harter Hand regiert, während Mutter Ottla (Katharina Stark) Verständnis für ihren sensiblen, zur Hypochondrie neigenden Sohn zeigt. Der hegt zwar schon literarische Ambitionen, arbeitet jedoch bei einer Versicherung – einem jener bürokratischen Monstren, die er bald in seinen Werken thematisieren wird.
Sein lebenslustiger Freund Max Brod (Sebastian Schwarz) unterstützt Kafka, nimmt ihn in Bordelle mit und drängt ihn, seine natürliche Schüchternheit zu überwinden. Und dann sind da noch die Frauen, zu denen Kafka sich einerseits hingezogen fühlt, die ihn andererseits aber auch ängstigen, besonders wenn es darum geht, eine feste Bindung einzugehen. Besonders Felice Bauer (Carol Schuler) leidet unter diesem Wesenszug, während seine große, letzte Liebe Milena Jesenská (Jenoféva Boková) sich nach Kafkas frühem Tod – die Tuberkulose raffte ihn 1924 dahin – Vorwürfe macht.
X Verleih AG / Marlene Film Production
Grob gesagt kommen auf jedes Wort, dass Kafka selbst geschrieben hat, rund zehn Millionen Worte an Interpretation und Analysen. So versucht eine Touristenführerin im Kafka-Museum in Prag einer Gruppe Schüler*innen die enorme Bedeutung des Schriftstellers nahezubringen. Immer wieder durchbricht Agnieszka Holland ihre klassisch biografische Erzählung und springt unvermittelt in die Gegenwart, zeigt scheinbar dokumentarische Szenen, die den besonders in seiner Heimatstadt Prag immer extremere Formen annehmenden Hype um Kafka illustrieren.
So steht etwa mitten in der Stadt eine silbern glänzende Büste, die sich dreht und den Autor symbolisch fragmentiert. Doch während diese Skulptur tatsächlich existiert, ist das Kafka-Museum, zumindest in der im Film gezeigten Form, eine Erfindung. Es ähnelt mit seiner strengen Form, den Aufgängen aus Stein und Beton sicher zufällig dem Bürogebäude, in dem Kafka lange gearbeitet und sich eingesperrt gefühlt hat. An anderer Stelle zeigt Holland eine Touristengruppe, die einen (ebenfalls fiktiven) Schnellimbiss namens Kafka-Burger besucht – eine clevere und hintersinnige Anspielung auf Kafkas vegetarische Ernährung, die ganz im Gegensatz zu seinem Vater stand, den Peter Kurth mit dicker Wampe und Schnäuzer als typisch dominanten Geschäftsmann der ersten Jahrhunderthälfte spielt, der sich den Teller natürlich mit Fleisch vollpackt.
Dass der junge, übersensible Kafka in dieser Umgebung Neurosen entwickelte, überrascht nicht, aber Holland hütet sich davor, allzu offensichtliche psychologische Erklärungen anzubieten: Nicht jede erwachsene Macke lässt sich schließlich exakt auf ein bestimmtes traumatisches Kindheitserlebnis zurückführen. Dieser an sich willkommene Verzicht auf Konkretisierungen führt allerdings auch dazu, dass sich „Franz K.“ oft etwas sprunghaft und voraussetzungsreich anfühlt. Viele Szenen scheinen einfach lose aneinandergereiht, und bei zahlreichen Wegbegleitern muss man eigentlich schon vorher wissen, welche Rolle sie für Kafka gespielt haben – denn an die Hand nehmen Holland und ihr Co-Drehbuchautor Marek Epstein das Publikum nicht.
Stattdessen bieten sie allenfalls Ansätze an, lassen die Figuren immer wieder direkt in die Kamera sprechen und dabei unterschiedliche, auch widersprüchliche Beobachtungen über Kafkas Wesen machen. Der wiederum bleibt auch durch die passend neurotische Darstellung des Newcomers Idan Weiss ein Enigma. Das mag ein wenig unbefriedigend wirken, könnte andererseits aber auch als besonders ehrlich und authentisch gesehen werden. So wie sich seine Werke – Romane wie „Das Schloss“ und „Der Prozess“ sowie diverse Kurzgeschichten, von denen „Die Verwandlung“ die bekannteste sein dürfte – einer klaren, offensichtlichen Lesart entziehen, so wirkt auch dieser filmische Kafka rätselhaft und mysteriös. Doch gerade deshalb wird er zu einem spannenden Charakter.
Fazit: Regisseurin Agnieszka Holland beschreibt Franz Kafka als rätselhaften Mann voller Neurosen, den auch seine Freunde und Geliebten nicht durchschauten. Vor allem dann, wenn sie die Konventionen des biografischen Kinos aufbricht, entstehen überraschende Momente, die am Ende auch verständlich machen, warum der Charakter Kafka nicht wirklich fassbar wird.