Dead Of Winter - Eisige Stille
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Dead Of Winter - Eisige Stille

Finnland ist das bessere Minnesota!

Von Christoph Petersen

Weil es sich immer weniger Produktionsfirmen leisten können (oder wollen), in den USA zu drehen, kommt es immer häufiger vor, dass Toronto als New York oder Kapstadt als Los Angeles doubelt. Daran hat sich das Publikum zwar längst gewöhnt, aber ein wenig geht natürlich trotzdem verloren, wenn zur Budgetschonung nicht an Originalschauplätzen gedreht wird. „Dead Of Winter – Eisige Stille“ von „21 Bridges“-Regisseur Brian Kirk ist eine der wenigen Ausnahmen: Unter anderem mit deutschen Fördergeldern finanziert, ist das finnische Ausweich-Setting derart spektakulär, dass man sich kaum vorstellen kann, dass ein Dreh im US-Bundesstaat Minnesota ähnlich atemberaubende Einstellungen hervorgebracht hätte. Zumal verschneite Landschaften und zugefrorene Seen, 7.000 Kilometer Luftlinie hin oder her, geografisch ja ohnehin nicht so leicht zuzuordnen sind.

Neben seinem Schauplatz ist die doppelte Oscar-Gewinnerin Emma Thompson („Wiedersehen in Howards End“) das zweite große Pfund des Films. Wie es sich für einen anständigen Thriller gehört, gibt es auch in „Dead Of Winter“ keinen Handyempfang. Aber um das festzustellen, muss die frisch verwitwete Barb nicht nur ihren Nokia-Knochen (passt mit dem Slang-Spitznamen „Finnisches Brikett“ natürlich perfekt zum Drehort) herauskramen, sondern sich auch erst mal eine Brille aufsetzen. Anders als solche Omnipotenz-Fantasien wie „Nobody“ nimmt „Dead Of Winter“ das Alter seiner Protagonistin angenehm ernst, selbst wenn man angesichts der von Thompson ausgestrahlten patenten Beherztheit nie daran zweifelt, dass sie die vermeintlich aussichtslose Lage schon irgendwie unter Kontrolle bekommen wird. Nur die zurückhaltende Spannungskurve kann mit der starken Hauptdarstellerin leider nicht mithalten.

Barb (Emma Thompson) weiß sich auch in Extremsituationen durchaus zu helfen, auch wenn sie deshalb nicht direkt übermenschliche Fähigkeiten entwickelt. LEONINE
Barb (Emma Thompson) weiß sich auch in Extremsituationen durchaus zu helfen, auch wenn sie deshalb nicht direkt übermenschliche Fähigkeiten entwickelt.

Barb (Emma Thompson) unternimmt einen Eisfischen-Trip in den noch mal deutlich kälteren Norden Minnesotas, hin zu jenem See, auf dem ihr kürzlich verstorbener Ehemann Karl (Paul Hamilton) vor Jahrzehnten um ihre Hand angehalten hat. Allerdings zeigt das Thermometer nicht nur -15 Grad, es ist offenbar auch noch ein Schneesturm im Anrollen.

Weil sie den Weg nicht auf Anhieb findet, bittet Barb einen vor seiner Hütte Holz hackenden Mann (Marc Menchaca) um Hilfe – und entdeckt dabei Blutspuren im Schnee. Zwar hat der Rauschbärtige sofort eine Ausrede parat, aber Barb spürt, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Und tatsächlich: Der Mann und seine Frau (Judy Greer) halten die junge Leah (Laurel Marsden) in ihrem Keller gefangen – und es ist für sie von existenzieller Bedeutung, dass Barb ihnen bei ihrem Plan nicht in die Quere kommt…

In erster Linie für Emma-Thompson-Fans

Ist das überschaubare Spannungsniveau wirklich ein „Bug“ – oder nicht doch eher ein „Feature“? Schließlich ist ganz klar, wer hier das Zielpublikum ist: „Dead Of Winter“ richtet sich weniger an ausgebuffte Genrekenner als an Fans der Edelmimin Emma Thompson, die ihre gewohnte Arthouse-Kost diesmal mit einer Extrabeigabe Suspense serviert bekommen (wobei gerade die Gewehrschüsse schon einen überraschend markerschütternden Bumms haben). Das klingt jetzt womöglich fieser, als es gemeint ist. Aber „Dead Of Winter“ ist ein perfekter Beitrag für das Montagskino im ZDF, das hier vielleicht nicht ganz zufällig tatsächlich als Co-Produzent mit an Bord ist.

Dazu passt dann auch, dass die eingestreuten Rückblenden zusammengenommen an die ersten Minuten des Pixar-Meisterwerks „Oben“ erinnern – wobei der Beziehungs-Schnelldurchlauf (mit Gaia Wise als junge Barb) in „Dead Of Winter“ auch aufgrund seines Urlaubsfoto-Farbfilters mitunter doch arg kitschig wirkt. Dann doch lieber Emma Thompson im eingeschneiten Nirgendwo, die sich so gar nicht Thriller-dumm anstellt, sondern im Gegenteil die Erfahrung eines ganzen gelebten Lebens einsetzt, um selbst im Kugelhagel ruhig zu bleiben und pragmatisch an die Herausforderung heranzugehen (was sich von den beiden Jägern, die sich der Sache zwischenzeitlich annehmen, so gar nicht behaupten lässt – sie sind zwar wohlmeinend, hören Barb aber einfach nicht richtig zu).

Die namenlos bleibende Entführerin (Judy Greer) zögert nicht, ihr Gewehr auch einzusetzen. LEONINE
Die namenlos bleibende Entführerin (Judy Greer) zögert nicht, ihr Gewehr auch einzusetzen.

Auf der anderen Seite steht Judy Greer („The Long Walk“) in einer seltenen Bösewicht-Rolle. Wobei es der „Jurassic World“-Star gleich doppelt schwer hat: Zum einen ist sie mehr schlecht als recht auf krank und ausgemergelt geschminkt – dabei hätte es völlig ausgereicht, dass sie die ganze Zeit einen Fentanyl-Lolli nach dem anderen lutscht, als sei sie ein Kojak-Update für die Opioid-Epidemie. Und zum anderen wirken ihre Motivation und damit auch der Plot, selbst wenn die Geschichte insgesamt offiziell von der Tante von Co-Autor Dalton Leeb inspiriert ist, als würden sie aus einem Bahnhofs-Bestseller-Krimi stammen – mit dem einen oder anderen Logikloch, durch das sich bestimmt ganz hervorragend eisfischen ließe…

Fazit: Emma Thompson und die finnische Winterlandschaft sind ein Ereignis. Aber die Spannung köchelt trotzdem nur auf Sparflamme – und das ist gerade bei -15 Grad womöglich schon ein Problem.

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