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    Smile - Siehst du es auch?
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Smile - Siehst du es auch?

    Ein extrem intensiver Psycho(sen)-Horror

    Von Jochen Werner
    Dr. Rose Cotter (Sosie Bacon) ist eine Ärztin, wie man sie sich gemeinhin in Krankenhausserien so vorstellt: Sie arbeitet Nächte durch, bis noch die letzten bedürftigen Patient*innen versorgt sind. Sie schiebt auch die unversicherten Härtefälle gegen den Protest der Geschäftsführung in ein Hospitalbett und schafft es nicht, ihr Büro zu verlassen, solang das Telefon noch klingelt und sie ein neuer Notfall brauchen könnte. Was diese Berufswahl und die Selbstaufopferung mit Roses eigener Vergangenheit zu tun haben könnte, macht „Smile – Siehst du es auch?“ erst später zum Thema, insofern wollen auch wir hier nicht vorgreifen.

    Die wirklich allerletzte Patientin am Ende einer langen Doppel- oder Vielfachschicht, so genau möchte man das gar nicht wissen, ist eine verstörte junge Frau. Sie leidet anscheinend unter Halluzinationen, seit sie einige Tage zuvor beim blutigen Suizid eines Dozenten zugegen war, der sich vor ihren Augen selbst den Schädel mit einem Hammer zertrümmert hat. Die zutiefst verängstigte Frau spricht von einem Wesen, das sie seither verfolgt und das in den Gesichtern bekannter und unbekannter, lebender und vor Jahren verstorbener Menschen auftaucht – einzig verbunden durch ein Lächeln, das aber ganz und gar kein fröhliches sei. Nein, das böseste Lächeln, das man sich überhaupt nur vorstellen könne. Nur Augenblicke darauf verzerrt ein zutiefst verstörendes Lächeln die Gesichtszüge der jungen Patientin und vor Roses Augen schneidet sich die Studentin selbst mit einer Scherbe die Kehle durch.

    Wenn man dieses Lächeln sieht, dann ist man praktisch schon so gut wie tot!


    Was folgt, erinnert in seinem Grundmotiv zunächst an einen Film, der man wohl bereits jetzt als einen kleinen Klassiker des neueren Horrorkinos bezeichnen kann. Wie nun im Regiedebüt von Parker Finn ging es auch schon in David Robert Mitchells „It Follows“ um eine Art Ansteckung, um einen Fluch, der sich – dort als Eros, hier als Thanatos – von einer Person auf die nächste überträgt und so eine unaufhaltsame Kettenreaktion auslöst. Mithilfe ihres Exfreundes, des Polizisten Joel (Kyle Gallner), beginnt Rose irgendwann, diese Kette immer weiter in die Vergangenheit zurückzuverfolgen. Aber über weite Strecken seiner nicht ganz unbeträchtlichen Laufzeit interessiert sich „Smile“ im Grunde für etwas ganz anderes – und viel Erschreckenderes: Da geht es nämlich um das allmähliche Wegrutschen der Welt, die Erosion der Verlässlichkeit ihrer eigenen Wahrnehmung für Rose, die, wie all die Toten vor ihr, nun Dinge sieht und hört, die sich nur ihr offenbaren. Verzerrte, grinsende Fratzen, fern und allzu nah, Stimmen aus dem Dunkel und durchs Telefon, die ihr das baldige eigene Ableben ankündigen.

    Immer paranoider wirkt Rose fortan auf die Menschen um sie herum: Ihr Partner Trevor (Jessie T. Usher) versucht sich gemeinsam mit der Psychotherapeutin Madeline (Robin Weigert) vergeblich an einer Intervention, und auch ihr besorgter Vorgesetzter Morgan (Kal Penn) kommt nicht mehr an die immer derangierter wirkende Rose heran. Zu einer ersten Eskalation mit ihrer Schwester Holly (Gillian Zinser) kommt es, als Rose ihrem siebenjährigen Neffen ein Geburtstagspaket mit ihrer toten Katze überreicht – ein Kipppunkt, an dem sie ihrer Umwelt endgültig als psychotisch und als Gefahr für sich selbst und andere erscheinen muss, der zugleich aber auch zum Ausgangspunkt eines Abstiegs in die Abgründe der eigenen Biografie wird.

    Der schmerzhafte Zerfall der Realität


    Parker Finn inszeniert seinen Film über weite Strecken mit großer Klarheit und in Interieurs zwischen kühlem Modernismus und distanzierter Sterilität. Eine Welt, in der die Protagonisten kaum zuhause sein dürfen, die im Grunde von niemandem wirklich bewohnt scheint. Roses Partnerschaft mit Trevor zerfällt fast beiläufig und wird irgendwann gar nicht mehr aufgegriffen, wenn die Vergangenheit ihr bedrohliches Haupt erhebt und das Verdrängte wieder an die Oberfläche drängt. Eine prägnante Kamerabewegung, die die Perspektive auf den Kopf stellt und majestätische Wälder und Skylines vom Himmel über einen klaffenden Abgrund herabragen lässt, greift er gleich mehrmals auf, rahmt den Film gewissermaßen dadurch und erhebt sie so auch zu einer Art Paradigma für das, was wir auf der Leinwand bezeugen. Die Welt rutscht vor Roses Augen weg, verschiebt sich. Was wir bis dato für verlässlich, für unabänderlich hielten, kann sich von einem Augenblick zum anderen völlig anders darstellen.

    „Smile“ erzählt, je nach Perspektive, gleichzeitig zwei Geschichten: Die einer Frau, die von einem unentrinnbaren Fluch verfolgt wird und um (nicht nur) das eigene Überleben kämpft. Und zugleich die einer Frau, die alles plötzlich anders wahrnimmt als in der Realität, auf die sich alle anderen geeinigt haben – einer, die jenen, die diese Erfahrung nicht teilen, verrückt erscheinen muss. Das wirklich Erschreckende an diesem so eleganten wie tiefenverstörenden Film besteht letztlich darin, dass er begreift, sich nicht zwischen diesen beiden Perspektiven entscheiden zu müssen, da diese Grundsatzfrage – Fluch oder Wahnsinn? – letztlich nur dasselbe aus leicht verschobenen Perspektiven meint.

    Sosie Bacon liefert als Rose eine mitreißende Tour-de-Force-Performance – definitiv mehr als einfach nur die nächste Scream Queen.


    Wenn dann irgendwann das Wort fällt, das „Smile“ eine ganze Weile umkreist, nämlich „Trauma“, dann könnte man vielleicht diskutieren, ob Finn hier einen Zentimeter zu weit damit geht, den Subtext zum Text zu machen, alles etwas zu deutlich zu benennen. Aber im Grunde würde eine solche Kritik einem so sorgfältig erzählten und inszenierten Film wie „Smile“ nicht gerecht werden. Der ist nämlich – auch dank der hervorragenden Tour-de-Force-Performance von Hauptdarstellerin Sosie Bacon („Mare Of Easttown“)  – vielleicht der eleganteste, mit ziemlicher Sicherheit aber einer der unheimlichsten Horrorfilme seit Jahren.

    Fazit: Ein ziemlich mitreißender, klug erzählter und inszenierter Horrorfilm, den man auf keinen Fall versäumen sollte. Regisseur Parker Finn gelingt es, eine schlichte Idee hocheffektiv zu inszenieren – und ihr zugleich eine ungeahnte tragische Tiefe zu verpassen. Einer der besten Kinohorrorfilme seit langem!

     


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