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    Stranger Than Paradise
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Stranger Than Paradise
    Von Andreas R. Becker
    „Du bist der langsamste Filmemacher der Welt.“ sagt Berufskollege Aki Kaurismäki über Regisseur Jim Jarmusch. „Stranger Than Paradise“ ist sicherlich kein Beispiel, um dieser liebevollen Betitelung zu widersprechen – eigentlich passiert in neunzig Minuten fast nichts. Trotzdem gab’s 1984 die goldene Palme in Cannes und das inzwischen sicherlich nicht zu Unrecht verliehene Prädikat: „Kultfilm“.

    Willie (John Lurie) lebt in New York. Eigentlich vegetiert er in seiner schäbigen Kleinstbude nur so vor sich hin. Ab und zu trifft er sich mit seinem Kumpel Eddie (Richard Edson) zum gemeinsamen Nichtstun. Sein Leben läuft mit geregelter Ziellosigkeit vor sich hin, bis eines Tages Besuch aus Übersee einfällt und den Chesterfield rauchenden TV-Dinner-Junkie aus seinem Trott reißt. Cousine Eva (Eszter Balint) aus Ungarn ist’s, die sich auf dem Weg nach Cleveland zu ihrer Tante Lotte (Cecillia Stark) befindet und einen Zwischenstop im Big Apple einlegen will. Halbherzig autoritär und ziemlich erfolglos versucht der unfreiwillige Gastgeber, die Verwandtschaft von den Vorzügen seines American Lifestyle - Football, Fertigfraß und Faulenzen - zu überzeugen. Geredet wird wenig, geraucht umso mehr und wirklich viel zu sehen bekommt Eva von der Metropole auch nicht. Trotz Nachhakens von Kollege Eddie, der offensichtlich ein Auge auf den eigenwilligen Charme der Osteuropäerin geworfen hat, wird diese von Willie in der Wohnung zumeist links liegen und bei Ausflügen ins Kino außen vor gelassen. Irgendwann reist Eva ebenso unspektakulär ab wie sie ankam und das vom Cousin geschenkte, herrlich geschmacklose Blümchenkleid landet im Papierkorb auf der Straße um die Ecke. Eva: „I think it's kind of ugly. Don't you?” Willie: „No. I bought it. Why don't you try it on?” Eva: „I don't really wear this style.”

    Willie und Eddie bleiben daheim und verdienen sich ihren Lebensunterhalt durchs Bescheißen beim Pokerspielen. Als sie ein kleines Sümmchen zusammen haben und feststellen, dass sie Eva doch ganz gerne einen Besuch abstatten würden, machen sie sich in einem klapprigen geliehenen Dodge auf den Weg nach Cleveland. Eva arbeitet dort inzwischen in einem Diner und wohnt bei ihrer Tante Lotte im Niemandsland: Höchste Zeit für einen Trip nach Florida! Gegen den kraftlosen Widerstand der (fast) unablässig ungarisch brabbelnden Tante, die einen wunderbaren Kontrast zu den drei Phlegmatikern bildet, wird die Cousine auf einen Ausflug entführt. Aber auch dort, in Florida und dem dritten Teil des Films, angekommen, sehen wir nur selten mehr als die weiteren gammeligen Räumlichkeiten des Motelzimmers – vom Strand kaum eine Spur. Es kommt, wie es kommen muss, die beiden Taugenichtse verplempern ihr gesamtes Geld bei einem Hunderennen, während Eva wieder mal im Hotelzimmer qualmend die Zeit totschlägt. Nur ein großes Glück könnte die aussichtslose Situation noch umbiegen. Und das lässt natürlich nicht lange auf sich warten...

    „Stranger Than Paradise“ ist ein wunderbares und witziges Beispiel dafür, dass ein Film nicht „groß“ sein muss, um zu unterhalten. Wer sich auf das zum Teil durchaus gähnend langsame und inhaltlose Erzähltempo dieser Low-Budget-Produktion einlassen kann (und das kann sicherlich nicht jeder), beobachtet mit großem Amüsement drei Menschen, die irgendwie ziellos in ihren Leben umherstochern, ohne dabei einen großen Handlungsfaden im Auge zu haben. Warum soll Film auch immer einer Handlung unterworfen sein, fragt Jarmusch, das Leben habe ja schließlich auch keinen Plot. Dieses Fehlen macht aber nicht, wie man meinen könnte, eine Schwäche, sondern vielmehr eine bzw. die Stärke des Films aus, weil sie vermeintliche Kleinigkeiten in eine ganz neue Perspektive rückt. Obwohl man kaum einen Bezug zu ihnen entwickeln kann, sind einem die Protagonisten allesamt unweigerlich sympathisch. Ungeachtet der fehlenden Weiterentwicklung jeglicher Charakterzüge und ihrem oberflächlichem Umgang miteinander, strahlen sie eine Gleichgültigkeit und Coolness aus, die den gehetzten Alltagsmenschen unweigerlich beeindruckt: Fuck it all. Die drei Darsteller machen ihren minimalistischen Job dabei gut - besonders John Lurie, der auch den Soundtrack zum Film schrieb und der auch in Jarmuschs späterem „Down By Law“ überzeugen sollte.

    Den inhaltlichen Minimalismus setzt Jarmusch auch auf formaler Ebene konsequent fort: Der grobkörnige, schwarz-weiße Film besteht aus wenigen Einzelszenen, die durch Schwarzbilder getrennt sind. Ohne Schnitt werden die Schauspieler in einem Take auf naturalistische Weise und ohne großartige Kamerabewegungen beobachtet. Auch der Ton des gesamten Films ist nicht weiter nachbearbeitet und unterstreicht den Eindruck, sich mit im Raum zu befinden. Wie bei allen seinen Filmen stammt auch das Drehbuch aus der Feder des Autorenfilmers, und so wirken die Dialoge so lakonisch, wie die Situationen und Figuren skurril sind. Kurz: Man merkt, dass sich Jarmusch in keinem Bereich das Heft aus der Hand nehmen ließ.

    Da bleibt wohl nur zu sagen: Danke, Wim Wenders. Denn der schenkte seinem damaligen Produktionsassistenten Jim Jarmusch die übrig gebliebenen Filmrollen vom Dreh des Dramas „Der Stand der Dinge“. So wurde „Stranger Than Paradise“ ursprünglich bereits 1982 als halbstündiger Kurzfilm veröffentlicht und dann unter der Kapitelbezeichnung „The New World“ als erster Teil in den zwei Jahre später erscheinenden Vollzeit-Spielfilm integriert.
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