Nicht nur Friede, Freude, Omelette
Von Gaby SikorskiIn ihrer erfolgreichen Schauspielkarriere hat Julie Delpy („Before Sunrise“) seit den 1980er Jahren mit etlichen Regie-Stars aus der ersten Reihe zusammengearbeitet, darunter mit Jean-Luc Godard, Agnieszka Holland, Krzysztof Kieślowski, Richard Linklater und Volker Schlöndorff. Das blieb nicht ohne Folgen: Seit 2007 führt Julie Delpy regelmäßig selbst Regie, meist bei Komödien. Dazu gehört sicherlich ein gewisser Mut, schließlich sind gerade lustige Filme nicht besonders schwierig, sie werden auch so männlich dominiert wie Handwerksberufe. Dabei muss man ja gerade im komödiantischen Fach unbedingt auch das schnöde Handwerk unbedingt beherrschen – denn ohne eine sichere Dramaturgie und stimmiges Timing zünden auch die schönsten Pointen nicht.
Über ihre ersten beiden Komödien, „2 Tage Paris“ sowie die Fortsetzung „2 Tage New York“ sagte Julie Delpy einst in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, dass sie die Idee „ungezogener Franzosen“ sehr schätzen würde. In ihrem neuesten Film „Die Barbaren – Willkommen in der Bretagne“ setzt sie gerade in diesem Bereich noch mal ordentlich einen drauf! Das Ergebnis ist eine Culture-Clash-Dramödie, deren Qualitäten sich erst im Verlauf der Handlung wirklich zeigen. Dann nämlich offenbaren sich erst all die sensibel und klug angelegten Nuancen, die verhindern, dass es hier allzu platt und oberflächlich hergeht.
Weltkino Filmverleih
Zu Beginn präsentiert sich das Dorf Paimpont in der Bretagne – ganz im Norden von Frankreich – als kleine, aber fortschrittliche Gemeinde mit einem äußerst medienbewussten Bürgermeister: Gerade wird ein Film fürs regionale Fernsehen gedreht, in dem Sébastien Lejeune (Jean-Charles Clichet) das verschlafene Städtchen mal wieder in den höchsten Tönen lobt. Die neueste Sensation: Die Bevölkerung von Paimpont möchte – angestoßen von der Lehrerin Julie (Regisseurin Julie Delpy selbst) – ukrainische Flüchtlinge aufnehmen. Der komplette Gemeinderat hat sich bereits dafür ausgesprochen, selbst der nationalistisch gesinnte Hervé (Laurent Lafitte) ist dabei.
Aber da gibt es ein kleines Problem: Es sind schlicht keine ukrainischen Flüchtlinge mehr übrig! Zu groß war die allgemeine Hilfsbereitschaft, deshalb sind sie inzwischen alle schon anderswo untergekommen. Stattdessen ist nur noch eine syrische Flüchtlingsfamilie übrig – und dabei hatte der Bürgermeister doch sogar schon mit seinen Ukrainisch-Lektionen begonnen. War also alles umsonst? Oder sind muslimische Flüchtlinge nicht zumindest besser als gar keine Flüchtlinge, um die Flamme der Demokratie und das Licht der Toleranz glühen zu lassen?
Julie Delpy stellt mit offener Ironie die Frage, ob es eigentlich so etwas wie gute und schlechte Flüchtlinge gibt? Los geht ihr Film mit Videoaufnahmen, die ein Dorf zeigen, das auch aus einem in der Moderne angesiedelten Asterix-Comic stammen könnte. Praktisch die gesamte Bevölkerung wird mehr oder weniger liebevoll karikiert, vor allem der mediengeile Bürgermeister und die umtriebige, leicht überfordert wirkende Lehrerin. Deren beste Freundin (Sandrine Kiberlain) ist zudem eine depressive Säuferin, während ihr Biobauer-Vater im ständigen Clinsch mit dem Orts-Nazi liegt. Eine Anhäufung von typischen Klischees, die zwar mitunter ziemlich komisch sind, aber eben auch (und zwar nicht erst seit gestern) leicht abgenutzt wirken.
Da sind Vergleiche mit „Willkommen bei den Sch’tis“ naheliegend: die Bretagne als Handlungsort, die stolze einheimische Bevölkerung, ihr provinzielles Verhalten, die dörflichen Intrigen...
Aber Julie Delpy und ihre Co-Drehbuchautoren machen nicht den Fehler, auf den erprobten Klischees bis zum Gehtnichtmehr herumzureiten. Stattdessen bringen sie mit der Ankunft der Familie Fayad eine zweite Tonfarbe ein, die „Die Barbaren – Willkommen in der Bretagne“ im mitunter dissonanten Zusammenspiel erst so richtig spannend macht: Plötzlich ist hier eine Familie, die fremd ist, die sich kaum willkommen fühlt und ein eigenes Beutelchen an Schicksalsschlägen mit sich herumträgt, mit dem die Familienmitglieder auch erstmal selbst zurechtkommen müssen, denn mit der Lebenswirklichkeit in Paimpont hat all das erst mal nur sehr wenig zu tun.
Weltkino Filmverleih
Hier in der Provinz, wo die Gerüchteküche traditionell besonders leicht zu brodeln beginnt, treffen Rassismus und Vorurteile schnell aufeinander. Eine brisante Mischung mit unter Umständen katastrophalen Folgen – und Anlass für eine wachsende Ernsthaftigkeit der Handlung: Die Bedrohung durch rechtsradikale Kräfte und die gesteigerte Islamfeindlichkeit wirken sich natürlich auch auf die erzählerische Leichtigkeit der Komödie aus. Die häufig abrupten Übergänge zwischen liebenswertem Humor und tragischem Ernst hätten vielleicht etwas eleganter und flüssiger geschrieben und inszeniert werden können, aber sie geben der Komödie gleichzeitig etwas sehr schmerzhaft Realistisches:
Hier bricht die harsche Wirklichkeit in die Friede-Freude-Omelette-Atmosphäre ein, die sich Julie wünscht, aber niemals erreichen wird. Julie Delpy spielt die progressive Lehrerin mit einer eher unterschwelligen Komik und einer schönen Dynamik, während Sandrine Kiberlain als unglückliche Säuferin beinahe noch überzeugender ist – ihr Charakter gewinnt immer mehr an Tiefe, während der von Julie Delpy stagniert. Sie bleibt die Optimistin, die in allem das Gute sieht und von allen das Beste erwartet. Egal, was passiert. Schließlich stellt sich schon bald die Frage: Wer sind hier eigentlich die Barbaren?
Fazit: Was zunächst wie die x-te gut gemeinte, gut gespielte und gut gemachte Flüchtlings-Komödie aussieht, entpuppt sich im Verlauf des Films als doch ziemlich gewitzte und hintergründige Geschichte um eine Dorfgemeinschaft und die situationsbedingte Auseinandersetzung mit Humanismus und Toleranz – ganz ohne den latent mitschwingenden Rassismus der „Monsieur Claude“-Reihe.