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    Old People
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Old People

    Bei Netflix endet der Pflegenotstand in einem Blutbad!

    Von Christoph Petersen
    Wo gerade alle Welt darüber diskutiert, in was für einem fatalen Zustand „die Alten“ den Planeten den nachfolgenden Generationen überlassen (haben), kommt das deutsche Netflix-Original „Old People“ eigentlich gerade recht, um uns daran zu erinnern, dass auch „die Jungen“ ihre Vorfahren oft ziemlich beschissen behandeln. In dem Horrorfilm von „Urban Explorer“-Regisseur Andy Fetscher hat sich nun sogar so viel Wut bei der Generation 65+ aufgestaut, dass sich ein Rachegeist der titelgebenden „alten Menschen“ ermächtigt, um sie dann in bester Zombie-Horden-Manier auf den noch nicht vergreisten Rest der Menschheit zu hetzen.

    Aber was nach einem frischen, zeitgemäßen Plot für einen Horrorfilm mit gewissen gesellschaftskritischen Untertönen klingt, erweist sich dann über große Strecken doch nur als das altbekannte Zombie-Allerlei. Das ist in diesem Fall zwar ordentlich inszeniert und an zwei, drei Stellen sogar angenehm heftig, aber vor allem in den Dialogen leider auch miserabel geschrieben. Zudem wird aus dem zentralen Thema kaum etwas herausgeholt, während wir stattdessen ausgelutschte Klischees wie den Jungen mit dem Asthma-Spray oder das Hohelied auf die Kernfamilie serviert bekommen. Schade um eine wirklich schöne Filmidee.

    Die Frau mit den weißen Haaren (Eveline Hall) erinnert sich im blutverschmierten Hochzeitskleid an ihre eigene Jugend zurück.


    Im 3. Buch Mose der Lutherbibel steht geschrieben: „Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren; denn du sollst dich fürchten vor deinem Gott, denn ich bin der HERR.“ Aber vom dem Gebot ist in Zeiten von Jugendwahn und Pflegenotstand nicht mehr viel übriggeblieben – weshalb die zunehmend vereinsamte Generation der Rentner*innen anfällig geworden ist für einen Rachegeist, der sie zu – fast – willenlosen Zombies umfunktioniert. Davon ahnt Ella (Melika Foroutan) allerdings noch nichts, als sie gemeinsam mit ihrem Sohn Otto (Otto Emil Koch) und ihrer Teenager-Tochter Laura (Bianca Nawrath) für die Hochzeit ihrer jüngeren Schwester Sanna (Maxine Kazis) in ihr Heimatdorf zurückkehrt.

    Dort trifft sie auch auf ihren Ex-Mann Lukas (Stephan Luca), den sie einst verlassen hat, um mit den Kindern in die große Stadt zu ziehen. Lukas ist inzwischen mit der Altenpflegerin Lisa (Daniela Galbo) liiert, in deren Seniorenresidenz allerdings ein alle Schreckensvorstellungen übersteigender Personalmangel besteht. Als Ella dort ihren Vater Aike (Paul Faßnacht) besuchen will, ist schon im Foyer der ganze Boden mit Essensresten übersät. Da ist es ja kein Wunder, dass die Bewohner*innen irgendwann genug davon haben, bei der entfernten Hochzeitsfeier nur zuzusehen – und stattdessen langsam in Richtung Bankett loswanken, um den Freudentag in ein Blutbad zu verwandeln…

    Der erste Kill ist leider auch schon der beste


    Der Auftakt ist wirklich vielversprechend: Die mobile Altenpflegerin führt im Auto noch schnell ein Telefonat und man hört heraus, wie sie von der Arbeitslast zugleich gestresst und überfordert ist, aber trotzdem immer das Beste für ihre Klient*innen zu erreichen versucht. Doch auch ihre Empathie und ihr Mitleid ändern nichts daran, dass sie bei ihrem nächsten Termin das Zeitliche segnet, als der alte kranke Mann ihren Schädel zu Brei schlägt – und zwar mit seinem metallenen Sauerstofftank. Schnitt. Die Sonne scheint. Ella und ihre Kinder sind auf dem Weg in die ländliche Heimat – und tatsächlich wähnt man sich auch aufgrund der vollkommen unnatürlich wirkenden Dialoge plötzlich in einer Vorabendserie der Öffentlich-Rechtlichen.

    Wenn dann Sohn Otto sein Asthmaspray zückt, wird man endgültig skeptisch, ob es sich das Drehbuch da nicht womöglich etwas sehr leicht macht mit der Dramatik – und tatsächlich: Auf dem blutgetränkten Weg zurück zur Kernfamilie entpuppt sich die neue Freundin des Vaters als egoistische Psychotante, die sogar bereit ist, Kinder zu opfern, nur um ihren Typen nicht zu verlieren. Für Ambivalenzen ist da ebenso wenig Platz wie für frische Ideen: Denn wenn „die Alten“ erst einmal vom Rache-Dämon in den Zombie-Modus geschaltet wurden, dann benehmen sie sich auch exakt so wie all die anderen Untoten-Horden, die wir so schon in unzähligen anderen Filmen gesehen haben. Abgesehen von der zweckentfremdeten Sauerstoffflasche zu Beginn gibt es kaum einmal kreative Einfälle, die tatsächlich aus dem konkreten Senior*innen-Szenario heraus entwickelt wurden.

    Verschenktes Potenzial


    Aber das Konzept wird nicht nur deshalb verschenkt, weil es kaum altersgerechte Splatter-Szenen gibt – auch die gesellschaftskritische Note bleibt im generischen statt geriatrischen Treiben schnell auf der Strecke: Das vorgeführte Altersheim ist, was den Betreuungsschlüssel angeht, soweit von Gut und Böse, dass es da schon eher an ein vollgestopftes philippinisches Drogengefängnis erinnert. Dabei wäre eine halbwegs ernst zu nehmende Abbildung des ganz realen Pflegenotstands vermutlich viel furchterregender gewesen – und sobald sich das Rentner*innen-Rudel erst mal in Richtung Hochzeitsfest in Bewegung gesetzt hat, fällt diese Dimension von „Old People“ sowieso vollends unter den Tisch.

    Fazit: In „Old People“ wird aus einer geilen Filmidee ein eher öder Zombiefilm, bei dem sich zeigt, dass Andy Fetscher als Regisseur zwar einiges draufhat, aber das Drehbuchschreiben nächsten Mal womöglich besser anderen überlassen sollte.

    Wir haben „Old People“ auf dem Fantasy Filmfest 2022 gesehen.
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