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    Aus meiner Haut
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Aus meiner Haut

    Die deutsche Antwort auf "Midsommar"?

    Von Björn Becher

    Wo sind wir hier?“, fragt der sichtlich verwirrte Tristan (Jonas Dassler) nach wenigen Minuten von „Aus meiner Haut“ seine Freundin Leyla (Mala Emde). Wenige Augenblicke zuvor sind sie in einer abgelegenen Kommune auf einer Insel angekommen – wo sie von Leylas ehemals bester Freundin Stella begrüßt werden, die allerdings nicht den erwarteten Körper einer jungen Frau, sondern eines alten Mannes (Edgar Selge) hat. Auch der eine oder andere im Publikum dürfte sich zu diesem Zeitpunkt dieselbe Frage wie Tristan stellen. Angesichts der absonderlichen Kommunen-Gemeinde mit große Scheune, mysteriösem weißen Zelt sowie der traumatisierten Leyla als emotionalen Zentrum liegt da jedenfalls zunächst einmal die Vermutung nah, dass wie es hier quasi mit der deutschen Version von Ari Asters „Midsommar“ zu tun haben. Regisseur Alex Schaad kokettiert zwar bisweilen mit der Möglichkeit, dass womöglich bald eine brutale Gewalttat die Kommune erschüttern könnte, trotzdem ist „Aus meiner Haut“ kein Horrorfilm. In seinem Körpertausch-Drama schlägt der Studenten-Oscar-Preisträger und Langfilm-Debütant stattdessen eine ganz andere Richtung ein. Gemeinsam mit seinem Bruder, dem „Känguru-Chroniken“-Star Dimitrij Schaad, hat er ein Drehbuch geschrieben, in dem sich das Duo mit den großen seelischen Schmerzen auseinandersetzt. Das ist in seiner Ausgestaltung zwar faszinierend, in den besten Momenten gar berührend, geht an entscheidenden Stellen aber nicht tief genug und plätschert bisweilen sogar ein wenig vor sich hin.

    Leyla (Mala Emde) und Tristan (Jonas Dassler) wollen mit einem Körpertausch ihre (Beziehungs-)Probleme überwinden.

    In einer nur per Fähre zu erreichenden Kommune kommen jeden Sommer Paare zusammen, um mit der Hilfe eines nicht näher erläuterten schamanischen Rituals ihre Körper mit anderen zu tauschen. Tristan und seine an ihrem Leben verzweifelnde Freundin Leyla werden bei der Auslosung zu Beginn der großspurig auftretende Unsympath Mo (Dimitrij Schaad) und die bereits zum zweiten Mal teilnehmende Fabienne (Maryam Zaree) zugeteilt. Für zwei Wochen sollen sie nun buchstäblich in der Haut des jeweils anderen Paares leben … … und für Leyla bedeutet das direkt eine unglaubliche Befreiung. Endlich verspürt sie wieder eine Lust am Leben. Tristan ist dagegen von der Situation schnell überfordert – und hat schließlich sogar Sex mit der in Leylas Körper steckenden Fabienne. Schockiert über sich selbst macht er vom Recht jedes Teilnehmenden Gebrauch, das Experiment abzubrechen. Leyla ist entsetzt, dass ihr Freund ohne Rücksprache mit ihr diesen Schritt gegangen ist - und vor allem sind mit dem eigenen Körper auch all ihre Traumata zurückgekehrt. Verzweifelt lässt sie sich auf einen weiteren Tausch ein…

    Nicht zu viele Gedanken machen

    Man darf sich durchaus fragen, warum das zum besseren Partnerverständnis gedachte Körpertausch-Experiment überhaupt mit Personen außerhalb der eigenen Beziehung stattfinden muss. Es liegt doch auf der Hand, dass bei einem Tausch untereinander viel tiefere Erkenntnisse zu erwarten wären. Stellas toter Vater, der das Projekt hochgezogen hat, konnte dies beim ständigen Körperwechsel mit seinem Lebensgefährten Roman (Thomas Wodianka) ja bereits bestätigen. Auch der Aufbau der Kommune hinterlässt Fragezeichen: Tristan und Leyla wird zwar eine riesige Unterkunft zugeteilt, es ist aber nicht zu erkennen, wo die mindestens zwei Dutzend anderen Paare untergebracht sind (und überhaupt die meiste Zeit des Films über abbleiben). „Aus meiner Haut“ genießt man am besten, ohne sich groß mit der Logik des Ganzen auseinanderzusetzen – schließlich deuten die Schaad-Brüder in ihrem Skript konsequenterweise nicht einmal an, wie das mit dem Körpertausch funktioniert. Stattdessen sollte man sich einfach nur auf das Geschehen einlassen: Wenn die von Schmerzen gepeinigte Leyla in einem anderen Körper plötzlich wieder Freude spürt, vermeiden die Autoren glücklicherweise eine Übererklärung und überlassen es dem Publikum, mit der Figur zu fühlen. Sie verweigern sich auch dem einfachen Kniff, irgendein spezifisches Trauma, das nur irgendwie aufgearbeitet werden muss, um alles wieder „heile“ zu machen, aus dem Hut zu zaubern.

    Gemeinsames Schminken von Freundinnen – auch wenn beide nicht in ihrem eigenen Körper stecken.

    Es ist eine gute Wahl, Leylas Geschichte über weite Strecken aus der Außenperspektive von Tristan zu erzählen und gerade nicht ihr Innerstes nach außen zu kehren. Auch wenn der Freund selbst als eigene Figur eher blass bleibt, ist er so ein wichtiges Mittel, um ihre Entwicklung zu bebildern. Besonders lang klingen dabei die zwei Sexszenen des Films nach: Während Tristans impulsiver Akt mit Fabienne in Leylas Körper nur kurz angedeutet wird, nimmt sich Alex Schaad viel Zeit für eine romantisch-gefühlvolle Liebesnacht von Tristan mit der nun im Körper eines Mannes steckenden Leyla. Über die gegenseitigen Berührungen und die intime Nähe wird dabei viel mehr transportiert als über alle Dialoge – auch weil die Kamera in dieser Szene den beiden Figuren so extrem nah kommt. „Aus meiner Haut“ ist allerdings nicht durchgehend so stark inszeniert wie in dieser Szene. Immer wieder werden Konflikte auch einfach deshalb offengelassen, weil die Kamera nun ein wenig die Insel oder das zwar abgerockte, aber doch idyllische Scheunenloft filmt, statt bei den Figuren zu bleiben. Etwas zu oft bleibt so im Anschluss an eine Szene das Gefühl zurück, es hätte ruhig auch noch tiefer gehen können. Zu selten unterbricht Schaad das Geschehen mit unerwarteten oder auflockernden Momenten, wie etwa in jener Szene, in der Tristan (im Körper von Mo) sein Gegenüber Mo (im Körper von Tristan) damit bedroht, „ihm“ die Nase zu brechen – und man für einen kurzen Moment miträtseln darf, ob er nun seinem Gegenüber oder sich selbst ins Gesicht schlägt.

    Ein Theaterstar rockt

    Wie im Körpertausch-Genre üblich bietet auch „Aus meiner Haut“ viel Raum für auffälliges Schauspiel. Während Jonas Dassler („Der Goldene Handschuh“) als schüchterner Tristan auch wegen des Drehbuchs eher blass bleibt, darf er in seiner kurzen Zeit als „Arschloch“ Mo so richtig aufdrehen. Mala Emde („Und morgen die ganze Welt“) fehlen zwar diese großen exaltierten Momente – und trotzdem ist sie als tief-depressive Leyla ein emotional wichtiger Anker. Allen die Show stiehlt im finalen Drittel allerdings Theaterstar Thomas Wodianka in der Rolle einer verzweifelten Frau, die im Körper eines Ex-Alkoholikers ihr Glück gefunden hat … und es nun nicht mehr loslassen will. Fazit: Alex Schaad liefert mit seinem Langfilmdebüt „Aus meiner Haut“ ein in den besten Momenten tiefgründig-berührendes Körpertausch-Drama. Wir haben „Aus meiner Haut“ im Rahmen des Filmfestivals in Venedig gesehen, wo in der Sektion „Settimana Internazionale della Critica“ seine Weltpremiere gefeiert hat.

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