Dao
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Dao

Ein mehr als dreistündiges Kino-Experiment!

Von Michael Meyns

In der chinesischen Philosophie beschreibt der Begriff „Dao“ den Weg, den jeder Mensch im Laufe seiner Existenz auf der Erde beschreitet. Und es ist natürlich kein Zufall, dass der in Frankreich geborene Regisseur Alain Gomis („Félicité“), dessen Eltern aus Westafrika stammten, diesen Begriff als Titel für seinen neuen Film gewählt hat. Dabei nutzt er das dazugehörige Bild einer zirkulären Bewegung ohne Anfang und Ende bewusst als Ausgangspunkt für eine dreistündige Meditation über das Verhältnis zwischen jenen, die nach Frankreich emigriert sind, und jenen, die in der afrikanischen Heimat verblieben sind.

Es geht auch um Generationen- sowie Geschlechterverhältnisse, die Spuren wie Wunden des Kolonialismus und sicher noch eine ganze Menge mehr. „Dao“ ist zwar ein fiktiver Film, aber Gomis spielt dabei zugleich auf ungewöhnliche Weise mit dokumentarischen Meta-Ansätzen. So entwickelt sich der mäandernde Film zu einem mitunter zwar erschlagend überbordenden, aber nichtsdestoweniger jederzeit spannenden Kino-Experiment.

Worum es (vordergründig) geht

Die „Handlung“ spielt in „Dao“ nur eine untergeordnete Rolle: Zwei Jahre nach dem Tod ihres Vaters reist die in Frankreich geborene Gloria (Katy Correa) ins westafrikanische Guinea-Bissau, um zusammen mit zahlreichen Verwandten im Heimatdorf ihres Vaters an einer traditionellen Zeremonie zu Ehren des Verstorbenen teilzunehmen. Begleitet wird sie von ihrer Tochter Nour (D’Johé Kouadio), die zum ersten Mal nach Afrika reist und sich so auf die Spuren ihrer Vorfahren begibt.

Einige Zeit später (aber parallel zu den Szenen in Afrika geschnitten) heiratet Nour. Es ist der Anlass für ein ausgelassenes Fest, das auf einem luxuriösen Hof außerhalb von Paris stattfindet. Beide Anlässe bringen Verwandte und Freunde zusammen, es wird getrunken und getanzt, gestritten und geschlichtet, das Leben nimmt seinen Lauf …

Nour (D’Johé Kouadio) ist eine überglückliche Braut. Les Films du Worso – Srab Films – Yennenga Productions – Nafi Films – Telecine Bissau Produções – Canal+ Afrique
Nour (D’Johé Kouadio) ist eine überglückliche Braut.

Viel wichtiger ist allerdings die zweite (Meta-)Ebene: Die ersten Szenen von „Dao“ spielen in gewisser Weise vor Beginn des eigentlichen Films. Es sind Casting-Momente, in denen die später besetzten Schauspieler*innen direkt in die Kamera sprechen. Sie erzählen von sich, ihren Wurzeln sowie ihren Wünschen und Hoffnungen an das Filmprojekt. Langsam treten zwei Frauen verstärkt in den Vordergrund. Irgendwann scheinen sie nicht mehr als sie selbst zu sprechen, sondern in ihre Rollen geschlüpft zu sein. Einige Male wird Alain Gomis noch in den Castingraum zurückkehren, wo Schwarze oder arabische Menschen von Erfahrungen mit alltäglichem Rassismus oder dem Verhältnis zu ihren Eltern erzählen.

Nach diesem ungewöhnlichen Beginn ist klar, dass das Folgende zwar ein Spielfilm ist, der aber noch viel mehr direkt aus der Realität schöpft, als es bei den meisten fiktiven Stoffen ja ohnehin der Fall ist. Auch wenn Gomis ein loses Drehbuchkonstrukt vor Augen hatte, das u. a. vom Tod seines eigenen Vaters ausging, entstand der Film doch vor allem in den Proben und während der Dreharbeiten. Schauspielende ließen ihre eigenen Erlebnisse und Erfahrungen als Schwarze Franzosen der zweiten oder dritten Generation einfließen. Auf diese Weise wird „Dao“ zu einem dokumentarisch anmutenden Porträt zweier Welten, die mehr miteinander zu tun haben, als selbst viele der Beteiligten wohl zunächst wahrhaben wollen.

Das Spannungsverhältnis zwischen Fiktion und Dokumentation

Die lose Handlung springt immer wieder zwischen den zwei Feierlichkeiten hin und her – und damit zwischen Afrika und Europa, zwischen einem traditionellen Dorf und dem mondänen Hof mit der Feiergemeinde in Luxusmarken-Outfits. Anfangs scheint es Gomis noch um die Unterschiede zwischen jenen, die in Afrika geblieben sind, und denen, die es nach Frankreich geschafft haben, zu gehen. Nach und nach zeigt sich jedoch, dass die Diskrepanzen vielleicht doch gar nicht so groß sind, wie es zunächst schien. Irgendwann geraten hier wie dort die jungen Männer aneinander, während es am Ende doch die Rolle der Frau ist, sich um Haushalt und Kinder zu kümmern. Und es sind hier wie dort die Rituale, die die Gemeinschaft zusammenbringen und zusammenhalten, besonders in den ausladenden Tanz- und Feier-Szenen.

Nur in wenigen Momenten verzichtet Gomis auf seinen dokumentarischen Ansatz und inszeniert konventionell anmutende Dialogszenen, die dann auch direkt etwas steif wirken. Ein bisschen viel hat Gomis sich in seinem sechsten Film vorgenommen und versucht in zwar kurzen, aber dennoch bemüht eingeschobenen Passagen auch noch die Sklaverei und den Kolonialismus zu streifen. In seinen besten Momenten gelingt es „Dao“ jedoch, auf eindringliche Weise vom Verhältnis zwischen Europa und Afrika zu erzählen – und anzudeuten, wie sehr die Spuren des Lebens in der alten Heimat auch das Leben in der neuen bestimmen.

Fazit: Auf ebenso spielerische wie komplexe Weise verknüpft Alain Gomis einen dokumentarischen Ansatz mit fiktiven Szenen, in denen aus Afrika emigrierte Franzosen der zweiten und dritten Generation mit dem Vermächtnis ihrer Vorfahren konfrontiert werden. Ein bisweilen überbordender Film, aber voller Ideen und mitreißender Szenen des Feierns und Tanzens, mit dem ein Gemeinschaftsgefühl heraufbeschworen wird, das selbst über den Ozean zwischen alter und neuer Heimat hinüberzureichen scheint.

Wir haben „Dao“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er im offiziellen Wettbewerb seine Weltpremiere gefeiert hat.

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