Ein erstaunlich ambitionierter und spaßiger (!) Slasher
Von Janick NoltingSchuld und Sühne spielen oft eine zentrale Rolle im Slasher-Kino. Nicht nur bezüglich Gewaltverbrechen, sondern auch ganz harmloser, alltäglicher Verhaltensweisen. Prüde Moralvorstellungen und deren Durchsetzung waren schließlich schon immer ein interessanter Aspekt, wenn es um Reihen wie „Halloween“ oder „Freitag der 13.“ ging. Inzwischen ist daraus längst ein Running Gag und Klischee geworden, das oft aufgegriffen und parodiert wurde, man denke nur an das „Scream“-Franchise. In diesem Sinne erstaunt es zunächst wenig, dass „Clown In A Cornfield“ ausgerechnet mit einem der ikonischsten Slasher-Szenarien überhaupt beginnt: dem (versuchten) Sex, der tödlich endet.
1991, eine Party bei Nacht: Ein Pärchen stiehlt sich in das umliegende Maisfeld davon, um intim zu werden. Letzte Schlucke aus der Bierflasche und das Todesurteil ist unterschrieben. Wenig später werden beide von einem Killer im Clownskostüm ermordet. Schnitt. In der Gegenwart kommen Fremde nach Kettle Springs. Quinn (Katie Douglas) und ihr Vater (Aaron Abrams) ziehen in die heruntergekommene amerikanische Kleinstadt, um einen Neustart zu wagen. Gerade, als Quinn in der Schule Anschluss findet, treibt jedoch erneut ein Clown namens Frendo sein Unwesen und trachtet der Jugend nach dem Leben…
Constantin Film
Noch ein Killer-Clown also!? Nach dem Hype um die Stephen-King-Verfilmung „ES“ und die ungleich blutigere „Terrifier“-Trilogie kann man da durchaus skeptisch fragen, was der Clown Frendo denn überhaupt zu bieten hat, um in derlei Fußstapfen zu treten. Zum Glück eine ganze Menge! Denn trotz aller Formelhaftigkeit weiß „Clown In A Cornfield“ nicht nur, kurzweilige Slasher-Kost zu liefern, sondern auch einen gewitzten Blick auf die eigenen Konventionen zu werfen. Der neue Film vom Regisseur von „Tucker And Dale Vs. Evil“ schlägt nämlich einige thematische Haken, die bei weitem nicht so gewöhnlich sind, wie die ganze Sache auf den ersten Blick vielleicht anmutet.
Das eingangs beschriebene Phänomen, dass Slasher-Filme gern junge Menschen für ihre vermeintliche Unsitte bestrafen, griff zwar schon immer zu kurz, um das Genre in seiner Komplexität herunterzubrechen oder gar abzuwerten. Der belehrende Unterton, die schwarze Pädagogik, die vielen Filmen dieser Sparte anhaftet, lässt sich dennoch kaum von der Hand weisen. „Clown In A Cornfield“ macht sich einen solchen zynischen Blick auf die Jugend zu eigen und entwickelt daraus einen expliziten Generationenkonflikt. Vor allem beweist er, dass er auf eine Metaebene gehen kann, ohne sich dabei nur in aufgesagten Anspielungen zu erschöpfen, wie man das in vielen jüngeren, postmodernen Slasher-Filmen erleben kann.
„Clown In A Cornfield“ feierte auf den Fantasy Filmfest Nights seine Deutschlandpremiere. Als dort Regisseur Eli Craig sein Werk per Videobotschaft halb ironisch als Dokumentarfilm über das Leben im heutigen Amerika ankündigte, sorgte das zunächst natürlich für Gelächter. Aber wenn man die Romanvorlage von Adam Cesare* kennt oder jetzt diesen Film sieht, bemerkt man schnell, dass „Clown In A Cornfield“ tatsächlich als politische Diagnose verstanden werden will. Craigs Film befasst sich unter anderem mit Populismus und reaktionären gesellschaftlichen Umtrieben, die nachfolgenden Generationen im wahrsten Sinne die Zukunft rauben.
Er hält sich dabei weitgehend eng an Cesares Roman, der mit dem Bram Stoker Award ausgezeichnet wurde, erleichtert ihn allerdings um einige Spitzen und Seitenhiebe gegen die aktuelle MAGA-Kultur in den USA. Das ist schade, weil dadurch sowohl die Hintergründe der Mordserie als auch der politische Kontext etwas oberflächlicher umrissen anmuten. Die Auseinandersetzung mit den Mythen und Krisen der Kleinstadt waren schon im Roman nicht durchweg überzeugend argumentiert oder allzu tiefschürfend verhandelt. Die Kinoadaption mutet gerade in ihrer Polemik, die sich daran anschließt, allerdings noch ein bisschen holpriger konstruiert an. Insofern schöpft „Clown In A Cornfield“ bei weitem nicht das Potenzial aus, das in seinem Stoff lauert. Aber den Versuch, die Motive des Slasher-Kinos derart zu vergegenwärtigen und neu anzuwenden, kann man durchaus goutieren. Und er nimmt sich bedeutend mehr vor als so viele andere generische Vertreter seines Genres.
Constantin Film
Nun ist es so, dass der Slasher stilistisch vor allem von seinen Verfolgungsszenarien und Bluttaten lebt. In dieser Hinsicht sollte man berücksichtigen: Die Romanvorlage gehört zur Young Adult Literatur, ist also für eine eher jugendliche Zielgruppe konzipiert. Und ebenso verhält es sich offenbar mit Eli Craigs Verfilmung. Deshalb sollte man eher nicht erwarten, dass die Gewaltszenen ähnlich exzessiv Geschmacksgrenzen überschreiten, wie das etwa in den „Terrifier“-Filmen der Fall ist. Mit Art dem Clown kann es Frendo noch nicht ganz aufnehmen, obwohl „Clown In A Cornfield“ dennoch keineswegs zimperlich zur Tat schreitet, wenn hier mit Kettensägen, Heugabeln und anderem Werkzeug losgelegt wird.
Craigs Regiearbeit geht es am Ende aber weniger um den großen Schockfaktor, sondern um den schwarzen Humor. Ähnlich wie „Tucker And Dale Vs. Evil“ entpuppt sich „Clown In A Cornfield“ als Fun-Splatter mit ganz viel Situationskomik und einem bemerkenswerten Gespür für die Dynamik zwischen seinen charmanten Figuren. Und so gelingt diesem Film am Ende beides: klassisch zu sein und dennoch die eigenen Traditionen zu unterwandern. Keine schlechten Voraussetzungen für eine potenzielle Reihe also! Zwei Romanfortsetzungen liegen bereits vor, die in Zukunft verfilmt werden könnten.
Fazit: Eli Craig hat einen Slasher mit hohem Unterhaltungswert inszeniert. „Clown In A Cornfield“ prescht etwas grobschlächtig durch die Themen seiner Vorlage. Ähnlich wie dem Roman gelingt ihm aber insgesamt ein beachtlicher Spagat zwischen altbewährten Formeln und zeitgemäßen politischen Twists.
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