Bonhoeffer
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
1,5
enttäuschend
Bonhoeffer

Wenn man schon die Fakten verdreht, dann doch bitte nicht so öde

Von Oliver Kube

Natürlich freut es uns, wenn verdiente deutschsprachige Schauspieler*innen auch mal in internationalen Produktionen mitmischen dürfen. Der seit Jahren mit sehr guten Leistungen in hiesigen Werken wie „Das schweigende Klassenzimmer“ oder „Der Goldene Handschuh“ auf sich aufmerksam machende Jonas Dassler agiert dabei bislang allerdings eher glücklos. Nach dem enttäuschenden Sekten-Thriller „Berlin Nobody“ fährt er mit dem historischen Biopic „Bonhoeffer“ über den Pastor, Theologen und am Widerstand gegen das NS-Regime beteiligten Dietrich Bonhoeffer (1906–1945), finanziert mit US-amerikanischen, belgischen und irischen Geldern, nun auch nicht besser.

Drehbuch und Inszenierung stammen von Todd Komarnicki, der zuvor unter anderem das Skript zum in Richtung Hochglanz-Trash tendierenden Bruce-Willis-Flop „Verführung einer Fremden“ beisteuerte und die Eddie-Murphy-Gurke „Mensch, Dave!“ produzierte. Die bis dato einzige Regiearbeit des Amerikaners war die arg schmalzige Weltkriegs-Romanze „Resistance“ (2003). Bei „Bonhoeffer“ changiert Komarnicki nun ungelenk zwischen Charakter-Drama und Historien-Thriller. Dabei nimmt er sich irritierend viele Freiheiten in Bezug auf die seiner Handlung zugrundeliegenden realen Ereignisse heraus.

Eine von (zu) vielen künstlerischen Freiheiten: „Bonhoeffer“ dichtet seiner Titelfigur eine gemeinsame Jazzvergangenheit mit Louis Armstrong an. Kinostar
Eine von (zu) vielen künstlerischen Freiheiten: „Bonhoeffer“ dichtet seiner Titelfigur eine gemeinsame Jazzvergangenheit mit Louis Armstrong an.

Berlin in den 1930ern: Nach einigen Jahren theologischer Studien in den USA ist Dietrich Bonhoeffer (Jonas Dassler) nach Deutschland zurückgekehrt. Schockiert registriert er die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in seiner Heimat. Im Laufe der Zeit kritisiert der junge Pastor immer lautstärker, dass die Führung der evangelischen Kirche Hitlers Staatsterror – speziell gegen Bürger*innen jüdischen Glaubens – offenbar nicht nur toleriere, sondern ihm sogar Vorschub leiste.

Es dauert nicht lange, bis Bonhoeffer wegen seiner Predigten in mächtige Schwierigkeiten gerät. Mithilfe des Bischofs Martin Niemöller (August Diehl) kann er untertauchen und im Geheimen an einer Erneuerung der Kirche arbeiten. Als die Lage im Lande immer prekärer wird, schließt sich der bis dahin überzeugte Pazifist einer Widerstandszelle um seinen Schwager, den Wehrmachtoffizier Hans von Dohnanyi (Flula Borg), an…

Ein offener Brief der Schauspieler*innen

In den USA wurde der Film bereits unter dem reißerischen Titel „Bonhoeffer: Pastor. Spy. Assassin.“ in die Kinos gebracht – und zwar von Angel Studios, dem Verleih hinter dem Mega-Hit „Sound Of Freedom“. Auch diesmal wurde wieder die christlich-nationale Rechte als primäre Zielgruppe ausgemacht, die ja auch von Donald Trump regelmäßig hofiert wird. Jonas Dassler und weitere Cast-Kolleg*innen sahen sich daraufhin veranlasst, sich mittels eines offenen Briefes von diesem, wie sie es formulieren, „Missbrauch des Bonhoeffer-Vermächtnisses“ zu distanzieren. Im Film selbst geben sich Dassler und seine deutschen Co-Stars August Diehl und Moritz Bleibtreu als Bonhoeffers Vater hingegen redlich Mühe, überzeugende Auftritte abzuliefern. Ihre Performances werden allerdings durch die oft selbst ohne Kanzel wie Predigten klingenden Dialoge sowie die unnötig vertrackte Erzählstruktur untergraben.

Komarnicki springt bei der Handlung nämlich laufend – und viel zu selten erzählerisch wirklich sinngebend – zwischen Bonhoeffers Kindheit, seiner Studienzeit in New York, der Ära des Aufstiegs des Faschismus in Deutschland, dem Beginn des Zweiten Weltkriegs und Bonhoeffers Inhaftierung von 1943 bis 1945 hin und her. Dabei kommt es zudem zu einer Vielzahl von historischen Ungenauigkeiten und Fehlern beziehungsweise dreisten, absichtlichen Veränderungen. So stimmt es zwar, dass Bonhoeffer in Manhattan studierte und dort Freundschaft mit einem afroamerikanischen Kommilitonen namens Frank Fisher (David Jonsson) schloss, der ihn in seine Baptistenkirche mitnahm. Vielleicht hat er ihm auch Jazzmusik nähergebracht, das wäre durchaus möglich. Hätte Bonhoeffer aber, wie hier zu sehen, mit jemandem wie Louis Armstrong (John Akanmu) in einem „Cotton Club“-ähnlichen Nachtclub auf der Bühne gestanden und Musik gemacht, wäre das sicher übermittelt worden.

An ihm liegt es nicht: Jonas Dassler gibt wirklich alles in der Rolle von Dietrich Bonhoeffer. Kinostar
An ihm liegt es nicht: Jonas Dassler gibt wirklich alles in der Rolle von Dietrich Bonhoeffer.

Es gibt noch diverse weitere, streckenweise absurde Beispiele für Komarnickis Hinzudichtungen: So wird Bonhoeffer hier einfach zum Mitglied der Gruppe von Wehrmachtoffizieren um Rudolf-Christoph von Gersdorff (Felix von Bredow) gemacht, die ein Attentat auf Hitler plant und um ein Haar auch ausführt. In der Realität gibt es jedoch keinerlei Beweise oder Anzeichen dafür, dass die Männer sich jemals über eine solche Aktion unterhalten hätten. Nicht einmal die Todesszene entspricht den Tatsachen – das Datum stimmt nicht, der Ort ist falsch und die Umstände ebenfalls. Der reale Bonhoeffer wurde am 9. April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg zusammen mit fünf anderen Männern komplett nackt aufgehängt. Im Film ist es der 8. April. Zudem stirbt er hier allein, vollständig bekleidet und vor einer verlassenen, im Verfall befindlichen Dorfschule mitten im Nirgendwo…

Klar, geschichtliche Fakten werden in vielen Filmen fast schon routinemäßig verändert, verdreht oder ausgeschmückt, um Storys effektiver erzählen zu können. Das zeigt beispielsweise Roland Emmerich immer wieder mit seinen zwischen Sci-Fi- und Katastrophenspektakeln eingeschobenen Historienstreifen. Die renommierte britische Tageszeitung The Times etwa nahm mit „Der Patriot“ und „10.000 BC“ gleich zwei der Arbeiten des Stuttgarters in ihre „Top 10 der historisch ungenauesten Filme aller Zeiten“ auf. Der Unterschied ist aber, dass Emmerich uns seine Werke nicht als ernstgemeinte Biopics verkauft, sondern als das, was sie sein sollen: mehr oder weniger hirnlose Blockbuster für Action-Fans, die Bock auf möglichst viel Rabatz haben.

… und dann ist es noch nicht mal sonderlich unterhaltsam

Aber nicht einmal als pulpige Unterhaltung funktioniert der zumindest visuell ansprechend und technisch adäquat umgesetzte „Bonhoeffer“. Denn für einen Thriller, dem das Ganze trotz seines dick aufgetragenen Pathos noch am nächsten kommt, ist Komarnickis Inszenierung der Spannungsmomente viel zu klobig, holprig und schwerfällig geraten. Der von monotonen Mollakkorden dominierte Score (Gabriel Ferreira und Antonio Pinto) ist unangenehm aufdringlich und zwischendurch wird mehrfach versucht, mit Einschüben kleiner Szenen aus der Jugend des Protagonisten auf die Tränendrüsen zu drücken. Anstatt emotional zu berühren, regen diese Momente aber eher zum Augenrollen an, weil sie so plump hineingeklemmt wirken und billig auf Symbolik getrimmt sind.

Fazit: Das reale Schicksal von Dietrich Bonhoeffer war immens tragisch. Seine Integrität angesichts der sich damals vor ihm aufbauenden Opposition – sowohl von Seiten des NS-Staates als auch innerhalb der Kirche – ist unverändert bewundernswert und inspirierend. Dieser Film wird jedoch weder dem Mann noch seinen Worten, seinen Taten oder seinem Vermächtnis auch nur ansatzweise gerecht. „Bonhoeffer“ verheizt seinen prominenten Cast mit einer schwachen Inszenierung, dreister Geschichtsverzerrung und plumper Sensationshascherei.

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