Ganzer Halber Bruder
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Ganzer Halber Bruder

Ein Film, der einem so schnell zumindest nicht mehr aus dem Ohr geht!

Von Susanne Gietl

Komödien mit Menschen mit Behinderung sind – trotz Mega-Hits von „Rain Man“ bis „Ziemlich beste Freunde“ – oft ein heikles Terrain. Wer nicht mit dem nötigen Feingefühl an die Sache herangeht, könnte einen – oft sogar verdienten – Shitstorm ernten. Und wer alles immer nur unbedingt richtig machen will, bei dem besteht die berechtigte Chance, dass die Lacher am Ende wohl eher spärlich ausfallen werden. Mit dem „Buchspazierer“ Christoph Maria Herbst als Zugpferd hat Regisseur Hanno Olderdissen nun „Ganzer halber Bruder“ gedreht – eine Buddy-Komödie, die zwar auf böse Gags nicht verzichtet, aber nicht gegen jemanden schießt, sondern mitten ins Herz trifft.

Im Zentrum steht der mehrfache Immobilienbetrüger Thomas (Christoph Maria Herbst), der – frisch aus dem Gefängnis entlassen – unverhofft zu einer Erbschaft von einem Zwei-Millionen-Haus kommt. Da gibt es nur ein Problem: Sein Halbbruder Sunny (Nicolas Randel) wohnt schon im Haus und hat dort ein lebenslanges Wohnrecht. Natürlich schmiedet Thomas Pläne, wie er Sunny loswerden kann. Dass sein Halbbruder Trisomie 21 hat, passt Thomas gerade gut ins Konzept. Aber Sunnys Betreuerin Yesim (Sesede Terziyan) schaut ihm ganz genau auf die Finger. Als Thomas auch noch seinen Bewährungshelfer Meinard (Michael Ostrowski) in die ganze Sache involviert, steht er plötzlich vor der Entscheidung: Geld oder Familie…

Beim ersten Treffen denkt Thomas (Christoph Maria Herbst) eigentlich nur darüber nach, wie er seinen Halbbruder möglichst schnell wieder loswird. 2025 Neue Schönhauser / Wild Bunch Germany
Beim ersten Treffen denkt Thomas (Christoph Maria Herbst) eigentlich nur darüber nach, wie er seinen Halbbruder möglichst schnell wieder loswird.

Hanno Olderdissen, der vor allem für seine tierischen Kinderabenteuer von „Rock My Heart“ über „Wendy 2“ bis „Lassie“ bekannt ist, inszeniert Thomas als einsamen Cowboy, der eigentlich eine arme Wurst ist. Die einzige Person, die er nach seiner Entlassung trifft, ist seine Affäre, die sich null für ihn, sondern nur für ordentlichen Sex interessiert. Man könne eben nicht immer oben liegen. Aber genau da will er doch wieder hin.

Thomas ist im Heim aufgewachsen, kennt kein Familienleben. Sunny hingegen wuchs ganz behütet bei seiner Mutter auf. Er steht bei allem im Kontrast zu Thomas, der weder Job noch Wohnung, geschweige denn Geld hat. Sunny hat Freunde und mit Gewichtheben ein Hobby, das ihm Spaß macht. Gezeigt wird also nicht der hilflose Mensch mit Behinderung, den Thomas anfangs in ihm sieht. Um das klarzustellen, nutzt der Film beide Perspektiven: Thomas’ Handeln treibt das Geschehen voran, Sunny ist das Herz der Geschichte.

Sunny, One So True – I Love You

Drehbuchautor Clemente Fernandez-Gil, selbst Vater eines 14-jährigen Sohns mit Down-Syndrom, suchte einen Plot, den jeder versteht. So schrieb er eine inklusive Komödie mit einfachen Gags, eingebettet in eine Geschwisterstory, ohne Betroffenheitskino zu machen. Die Charaktere überraschen wenig, aber die Komödie schafft es trotzdem, zwischen den lauten auch die leisen Töne zu finden. Ein Song begleitet einen dabei durch den ganzen Film: Bobby Hebbs souliges Original „Sunny”. Je nach Stimmung wird die passende Coverversion gespielt – mal aus dem Off, dem Walkman oder dem Autoradio. Selbst im Krankenhaus, wo ihre gemeinsame Mutter im Koma liegt, holt Sunny seinen Walkman raus. Ertönt der Song, ist alles gut.

Insgesamt wird man insgesamt neun verschiedene Versionen hören, unter anderem die 70er-Disco-Version von Boney M. und die Late-Night-Version von Nancy Wilson. Auch bei Schlüsselszenen läuft der Song. Ein bisschen kann man so in Sunnys Kopf schauen. Man erfährt im Laufe des Films auch, wie Yesim mit Sunny den Alltag organisiert und wie wichtig Struktur für ihn ist. Dass auch Sunny ein Vorbild hat und Gefühle – vermutlich sogar besser als sein Ex-Knacki-Halbbruder – versteht.

Thomas lässt Sunny (Nicolas Randel) schließlich sogar sein heißgeliebtes Cabrio fahren! 2025 Neue Schönhauser / Wild Bunch Germany
Thomas lässt Sunny (Nicolas Randel) schließlich sogar sein heißgeliebtes Cabrio fahren!

Thomas durchläuft verschiedene Phasen. Er begegnet Sunny erst mit Unverständnis, dann nutzt er ihn für seine Zwecke aus – und irgendwann nähern die beiden sich doch an. Das spiegelt sich in Gesten und Situationen wider: Nur wenige Sätze braucht es, damit Sunny sich verständigen kann. Yesim ist das verbindende Glied zwischen den Halbbrüdern, denn nur sie sieht Sunny mit wirklich all seinen Facetten. Natürlich ist dabei auch einiges überzeichnet. Thomas’ Bewährungshelfer zum Beispiel, der im fetten Dodge RM 1500 vorfährt, um mit heruntergelassenem Fenster das Entlassungsgespräch zu führen.

Oder die Tatsache, dass Sunny plötzlich einfach so Autofahren kann und in Thomas geliebtem schwarzen Oldtimercabrio über die Straße (wenn auch nicht im realen Verkehr) braust. Aber darum geht es auch nicht im Film. Stattdessen geht es um zwei Brüder, die einander kennenlernen, und um Vorurteile, die uns daran hindern, das Wesentliche zu sehen.

Fazit: „Ganzer halber Bruder“ ist zwar frei von Überraschungen und ganz schön schematisch, aber zugleich fühlt er sich an wie ein guter Ohrwurm, den man, je öfter man ihn hört, umso lieber gewinnt. Am Ende möchte man sogar dazu tanzen.

Wir haben „Ganzer halber Bruder“ beim Filmfest München 2025 gesehen, wo er seine Weltpremiere gefeiert hat.

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