Wo Worte fehlen, beginnt das Erwachsenwerden
Von Ulf LepelmeierIm Coming-of-Age-Drama „Missing*Link“ von Regisseur Michael Baumann („Willkommen bei Habib“) treffen pubertäre Aufbruchsstimmung und elterliche Verunsicherung aufeinander. Es geht um den Sommer des Erwachens – für die kurz vor ihrem 14. Geburtstag stehende Protagonistin, aber ebenso für ihre Mutter. Mit einem feinen Gespür für Zwischentöne und einem spielfreudigen Ensemble erzählt Baumann von der Sehnsucht nach Freiheit, vom Auseinanderbrechen familiärer Konstrukte und von der stillen Kraft eines Mädchens, das sich der Enge der Erwachsenenwelt zu entziehen versucht.
Zwischen Hüttensiedlung, Wald und See entfaltet sich eine Erzählung voller emotionaler Reibungspunkte und lakonischem Humor. Getragen wird der Film vor allem von dem eindrucksvollen Mutter-Tochter-Duo Susanne Wolff („Sisi & Ich“) und Luca Brüggemann, deren Zusammenspiel ebenso intensiv wie nuanciert ausfällt. Der titelgebende „Link“ bleibt dabei bewusst vage – ein unsichtbarer Faden, der sich als fehlendes Bindeglied zwischen Kindheit und Erwachsensein, zwischen Mutter und Tochter durch den Film über Entfremdung und der Sehnsucht nach Verbindung zieht.
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Mia (Luca Brüggemann) verbringt mit ihren getrenntlebenden Eltern und deren neuen Partner*innen die Sommerferien in einer Hüttensiedlung am See. Während die Erwachsenen um ein harmonisches Miteinander bemüht sind und Mutter Tine (Susanne Wolff) die Familie nur mit Mühe zusammenhält, begegnet Mia im Wald einem geheimnisvollen Jungen (Paul Busche). Zwischen den beiden entsteht eine stille, intensive Verbindung, doch der Teenager hütet ein Geheimnis. Am Morgen ihres 14. Geburtstags ist Mia verschwunden – und das ohnehin fragile Familiengefüge droht endgültig auseinanderzubrechen…
Im Zentrum des Films steht die 13-jährige Mia. Gespielt wird sie von der jungen Debütantin Luca Brüggemann, die ihrer Figur eine besondere, fast ätherische Ausstrahlung verleiht. Mit ihrer zurückgenommenen Präsenz und ihrem oft wortlosen Spiel behauptet sie sich eindrucksvoll gegen ein starkes Ensemble. Mia beobachtet, zieht sich zurück, meidet Konflikte. Die scharfen Wortgefechte der Erwachsenen, die ständige Analyse jeder Gefühlsregung, all das will sie nicht mehr ertragen. Sie entzieht sich, wo sie kann. Ihre Mutter Tine, gespielt von Susanne Wolff, stellt ihren kraftvollen Gegenpol dar: eine Übermutter mit Kontrollzwang, aber auch unangepasste Alpha-Frau. Sie ist nervenzerrend, laut, spitz, immer im Zentrum des Geschehens.
Das Ferien-Setting dient als Projektionsfläche für familiäre Sehnsüchte und ungelöste Konflikte. Die Erwachsenen inszenieren ein pseudo-idyllisches Patchwork-Miteinander, das mehr Fassade als gelebte Nähe ist. Als Mia verschwindet, geraten die mühsam gewahrten Strukturen ins Wanken und mit ihnen die Selbstbilder der Eltern. Gerade in diesen Szenen bringt Susanne Wolff ihre schauspielerische Klasse zur Geltung und verleiht der aufbrausenden, verbal verletzend um sich schlagenden Tine eine ungeheure Intensität zwischen Verzweiflung, Wut und inneren Selbstvorwürfen.
Der Wald wird in Baumanns Film zur Gegenwelt, einem Raum des Ungeklärten und des Übergangs. Hier begegnet Mia dem fremden Jungen, mit dem sie eine wortlose Verbindung eingeht. Ihre stille Komplizenschaft steht in starkem Kontrast zur Reizüberflutung familiärer Kommunikation. Es wird viel geredet, aber wenig gesagt. Auch wenn sich Mias Familie für offen und diskussionsfreudig hält, werden gerade die Themen, die sie wirklich bewegen, konsequent totgeschwiegen. Erst in der Begegnung mit dem geheimnisvollen Jungen findet Mia das, was sie zu Hause vermisst: eine wortlose Nähe, ein intuitives Verstehen. Ihre Verbindung ist intensiv, fast traumwandlerisch.
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Wenn Mia mit dem fremden Jungen in den lichtdurchfluteten Wald eintaucht, lässt Baumann eine zweite, wortlose Ebene entstehen, in der sich zwei junge Menschen begegnen, ohne etwas erklären oder bewerten zu müssen. Der Wald wird damit zum Ort des Unausgesprochenen, zum Raum zwischen Kindsein und Erwachsenwerden. „Missing*Link“ verschränkt zudem die verschiedenen Generationen subtil miteinander. Alle suchen auf ihre Weise nach Sinn und Glück und scheitern oft an denselben inneren Blockaden.
Diese Parallelführung macht den Film psychologisch überzeugend und emotional vielschichtig. Baumann erzählt eine Coming-of-Age-Geschichte, die zugleich das Scheitern der Erwachsenen an ihren eigenen Erwartungen spiegelt. Mias Perspektive bleibt dabei stets zentral. Nicht das Verlangen nach großer Rebellion treibt sie an, sondern vielmehr der stille Wunsch nach Abgrenzung und Autonomie.
Fazit: „Missing*Link“ ist ein feinfühlig erzähltes, sommerliches Mutter-Tochter-Drama über den Wunsch nach Selbstbestimmung und die Sprachlosigkeit zwischen den Generationen. Michael Baumann findet poetische Bilder für das Ringen um Nähe und Autonomie. Der Film überzeugt mit seiner ehrlichen Emotionalität, starken Schauspielleistungen und einem Gespür für zwischenmenschliche Dissonanzen.
Wir haben „Missing*Link“ beim Filmfest München gesehen, wo er seine Weltpremiere gefeiert hat.